"Zinsdebatte" . . .? Meine Replik.

Geldsystem, Zinseszins. "Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist leider gar nicht abzuhelfen." (Immanuel Kant)
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Meine Antwort auf Hr. Kunze, Jurist.

https://www.freitag.de/autoren/sebastian-kunze/geldsystem-fehlt-der-zins-oder-doch-nicht

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Die letzten Sommertage an der alten Donau waren herrlich und ein lauwarmer, an der Realität vorbei gehender Kommentar zum Zins, ist keine Unterbrechung wert.

A.) Kurz vorweg:

wieso stellst Du nicht Deinem realitätsfernen Beispiel meine ökonomischen Tatsachen (beginnend vom Kreditvertrag, über die Kredit-, Abhebungs- und Tilgungsverbuchung mit , Berücksichtigung des Zinses (dekursiv + antizipativ!) zusammenfassend gegenüber, sodass sich die Leser ein Bild machen können?

B.) Krise 2008 - .... ? Wie wir wissen, gibt es kaum Ökonomen, die die Krise vorhersahen.

- Du kennst sicher den Krugman-Kommentar von 2009: “How did Economists get it so wrong”?

Bitteschön.

http://www.nytimes.com/2009/09/06/magazine/06Economic-t.html?pagewanted=all&_r=0

- Der Queen antwortete die British-Academy wie folgt (Juli, 2009) : "So in summary, Your Majesty, … the crises was principally a failure of the collective imagination of many bright people, both in this country and internationally, to understand the risks to the system as a whole." file:///C:/Dokumente%20und%20Einstellungen/Pregetter/Eigene%20Dateien/Downloads/dp2010-18_revised_version%20(2).pdf

- Herr Bofinger, Wirtschaftsweiser, meinte in einem FAZ-Interview (2009), dass in keinem mathematischen Modell der Ökonomen der Finanzsektor inkludiert sei – auch nicht in jenen der EZB! Ich konnte leider nichts darüber lesen, ob er die Modelle des Sachverständigenrates verbessert hat.

- Das Versagen der ExpertInnen nahm die BANK of ENGLAND ( *.) )zum Anlass und erstellte 2011 eine Studie, die das 1. Mal eine „Balance-Sheet-Perspective“ einbezog.

In der Conclusion kann man nachlesen, dass man mit Sicherheit die Krise vorhersagen hätte können.

Wenn sich die privaten Haushalte zwischen 2001-07 um netto 412 Mrd. bei Banken verschulden (Schulden von 782 Mrd. standen nur Spareinlagen von 370 Mrd. gegenüber) und dieser Saldo einem irr_realen Wertzuwachs der Immobilien gegenübersteht, so ist der Crash für jeden Menschen sichtbar, außer er gehört zur Spezies der Investmentbanker und Aktienanalysten.

http://www.bankofengland.co.uk/financialstability/Documents/fpc/fspapers/fs_paper10.pdf

- Viele ExpertInnen kritisierten ihre mathematischen Modelle. Einer ganz vorne weg war der Doyen der österr. Nationalökonomie, Erich Streissler (emerit. Univ.Prof. an der Uni-Wien), dessen Vorlesungen ich sehr genoss. Er meinte: Die Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften und der Glaube an Gleichgewichte führten bei der jüngsten Finanzkrise in die Irre! Ein Grund liegt im Glauben an die „GLEICHGEWICHTE“! Gerade in der Finanzwirtschaft gebe es aber zahlreiche Ungleichgewichte – ein Bankrott z.B. könne in einer Gleichgewichtsanalyse „einfach nicht vorkommen“.

Ergänzend muss man erwähnen, dass auch „Staatspleiten“ die Regel – und nicht die Ausnahme in der Praxis sind. Deutschland ging, wenn ich mich korrekt erinnere, 8 x in seiner Geschichte pleite.

http://diepresse.com/home/science/751372/Okonomie_Auf-Sand-gebaut?from=suche.intern.portal

- Paul Volcker (u.a. Berater von Ex-Präsident Clinton) und viele andere Kenner des Geldsystems, meinen: „Es braucht kein vwl. Sparen um zu Investieren!“

- Kredit – das unbekannte Wesen ... lautete ein Kommentar vom Feber 2014, der die Meinung Volckers bestätigte. Nicht nur Schäuble, sondern auch viele Prof`s sind der Auffassung, Sparen sei Bürger- vor allem aber die vorrangige Pflicht der Politik.

Aber ... „Die Vorstellung, für die Kreditvergabe müsste jemand seine Ausgaben reduzieren und mehr sparen, ist grundfalsch ... Der Kredit entsteht nicht durch Sparen. Aber wie entsteht er dann? ...Der Kredit entsteht aus dem Nichts, als einfacher Buchungsvorgang ... per Mausklick ... Niemand muss dafür etwas sparen“.

http://www.flassbeck-economics.de/der-kredit-das-unbekannte-wesen/

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Dies soll zur Veranschaulichung dienen, wie die „Wirtschaftswissenschaften zur Religion“ mutierten.

Es gibt immer noch viel zu viele ExpertInnen, die nichts aus der größten Finanzkrise gelernt haben. Genau dort setzt(e) meine, stets mit klaren Worten pointierte, Kritik an.

C.) Verständnisfragen zu B.)

1.) Du bist Autor eines kleinen Geld-Büchleins, aber ich bezweifle stark, ob Du das Geldsystem im Kern verstanden hast, wenn Du schreibst: (04.09.2015-23:39):

...“weil er eben nicht gesagt hat, das Banken Einlagen verleihen, sondern dass sie Einlagen und/oder (Zentralbank-)Kredite brauchen, um ihrerseits Kredite zu vergeben. Und das stimmt ja sogar.“

Wie zuvor erklärt: es braucht k e i n e Einlagen(Spargeld) um Kredite zu vergeben.

2.) Die von Dir zitierte Studie: http://www.wiso.uni-hamburg.de/fileadmin/sozialoekonomie/zoess/DP_45_Wenzlaff_Kimmich_Richters.pdf

Hast Du Sie überhaupt gelesen?

- Nein? Wieso basierst Du dann Dein Rechenexempel auf dieser Studie?

- Ja? Gut dann präzisiere mir freundlicherweise folgende Passagen dazu:

a.) Wie unter B.) klargestellt, taugen die barocken mathematischen Modelle – und dies ist eine solche – nicht viel. Die wichtigsten Kritikpunkte (siehe die Studie der BoE *.) berücksichtigen sie nicht, als auch die Kenntnis des Schuldgeldsystems keinen Niederschlag in diesen „Papers“ findet, obwohl die BANK of ENGLAND in ihrem Quaterly_Bulletin 1/2014 mit den „populären Missverständnissen“ öffentlich aufräumte und diese in den Papierkorb der Geschichte entsorgte. -

- Kennst Du diesen Bericht überhaupt?

- Wieso beziehst Du Dich auf längst überholte Mainstream-Modelle?

b.) Zinsrate und Wachstumsrate (Seite 8): Nun - Produktivität ist nicht gleich Rentabilität! Bitte erkläre die simplen Zusammenhänge und untermauere diese mit Ziffern aus Deutschland – eine leichte Übung für jeden, der die Studie las.

d.) Geldschöpfung – Denkfalle (Seite 26):

Ein gravierendes „Handicap“ vieler ÖkonomInnen und JuristInnen besteht u.a. darin, nur über rudimentäre betriebswirtschaftlich-bilanzielle Kenntnisse zu verfügen. Sie „schwindeln“ sich daher, naiverweise, über präzise Analysen hinweg, indem sie ihre Tabellen, Tableaus usw. nicht mit Zahlen belegen, sondern diese mit Balkendiagrammen oder einfachen +/- Zeichen darstellen. Die Autoren dieser Studie machen dies genau so.

Nachdem ja Dein Beispiel auf diesem Kapitel aufbaut ersuche ich Dich, die „Transaktionsmatrix“ mit den Plus-Minus-Zeichen (Seite 28) d e t a i l i e r t mit Ziffern zu belegen.

D.) Wirtschaftswissenschaftliche Basics (Methoden):

1.) Schäuble wird völlig zu Recht ob seiner i n d u k t i v e n Methodik – Stichwort. „Schwäbische Hausfrau“ – stark kritisiert.

In seiner Denke findet man zumindest noch Hinweise auf „Erfahrungen des Einzelnen, Beobachtung“ z.B. – in Deinem Zahlenbeispiel hingegen gibt nicht mal ansatzweise so etwas wie „empirische Evidenz“ ... und die Ziffern/Annahmen sind an den Haaren aller Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule herbeigerafft worden.

2.) Über – Reliabilität / Validität / Objektivität:

Deiner Kalkulation entbehrt zur Gänze eine Berücksichtigung dieser 3 elementaren VORbedingungen jeder (halbwegs) wissenschaftlichen These, Meinung etc.

Ich bin mir sicher, dass Du diese weder kennst – und noch weniger anzuwenden imstande bist.

3.) Über – Repräsentativität.

Jedes Gedankenmodell baut auf diesen 3 Schlüsselkriterien auf, woraus sich quasi von selbst eine repräsentative Aussage/These ableiten lässt – nicht so in Deinem Modell, wo dies nicht erkennbar ist.

Dazu einige Beispiele:

- Deutschland hat ca. 60 Mio. Menschen im handlungsfähigen Alter, schätz ich mal. Nimmt man plausiblerweise an, dass auf jeden ca. 3 Kreditverträge (Dispo-Kredit, Kreditkarten, Konsum- und/oder Immo-Kredite usw.) kommen, so ergibt dies 180 Mio. Kreditvereinbarungen. Stellt man „Deinen Einzelfall“ dieser Zahl gegenüber, so ergibt dies welche Repräsentativität genau?

- Bei Staatsanleihen gibt es keine Annuität, weil der Zinskupon jährlich im Nachhinein bei jeder Bank, wo der Staat eine Verbindung hat, einlösbar ist. Die Staatsschulden machen so zw. 80-200% des BIP`s und zwischen 40-70% der Verschuldung der gesamten Volkswirtschaft aus - anders gesagt: auch hier trifft Dein Modell in keinster Weise zu.

- Selbst wenn man die Wahrscheinlichkeit eines Blitzeinschlages (ca. 8 Mio : 1) heranzieht, fällt Deine "Kalkulation" nicht unter diese Schranke.

- Gut – man könnte aber auch sagen: es gibt eine 100%ige Repräsentativität, wenn man sich auf die Nano-Mikro-Weltsicht (2 Menschen stehen „repräsentativ“ für den Rest der Welt?) zurückzieht. Diesen Einsiedlergedanken möchte ich aber nicht weiter verfolgen ;-)

4.) Mikro – Makrosichtweise / Allgemeingültigkeit:

Bei allem redlichen Bemühen ist nur die totale Unkenntnis der wirtschaftswissenschafltichen Basics festzuhalten und eine Allgemeingültigkeit - oder gar eine solche Erkenntnis- ist nicht auszumachen.

5.) Über – Hochmut / Lernfähigkeit / Einsicht:

Ich zitiere:

- „Ich konnte in der Diskussion kein Argument erkennen, das meine Argumentation aus dem Artikel hätte entkräften können"...

- „Natürlich ist das Beispiel konstruiert und kommt so in der Lebenswirlichkeit nicht vor. So ist das aber nun mal mit Modellen“ ... usw.

Nein – es ist genau NICHT so mit Modellen!

Rudimentäre Wirtschaftskenntnisse ... gepaart mit kaum vorhandener Lernfähigkeit und fehlender Einsicht als auch totale Abstinenz von wissenschaftlichen Schlüsselkriterien, lassen keine Hoffnung auf Verbesserung aufkommen. Weiterführende Erklärungen und Hinweise, Belege usw. haben sich aus meiner Sicht erübrigt.

Meine Zeit ist viel zu kostbar, um sie auf so billige Art zu vergeuden. Danke für Dein Verständnis.

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CONCLUSIO:

Wenn man mit einer Kanone aus den Kriegen Napoleons ... in der russischen Taiga ... auf nicht vorhandene Tse-Tse-Mücken schießt ... und meint, ihnen die linke Flügelspitze weggeschossen zu haben ... dann, ja dann, hat man sich selbst zum „Narren“ gemacht und sich in die Ecke der selbstverschuldeten Inkompetenz katapultiert und dort nachhaltig einzementiert.

Nicht wissen, ist nicht schlimm.

Nicht wissen wollen ... schon.

P.S.

Beim gestrigen Treffen mit meinen blitzg`scheiten AbsolventInnen (ich bin auf meine Mädels und JunX sehr stolz) haben wir uns über diesen Zinsbeitrag köstlich amüsiert. Herzliches Dankeschön dafür ... :-)

19:32 06.09.2015
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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