Götterdämmerung

Ideologie In Europa vollzieht sich der Zusammenbruch einer herrschenden Ideologie, ob dem auch ein Sturz der herrschenden Klasse folgt ist ungewiss.
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Ob das Referendum in Italien, die Wahl Donald Trumps oder der Brexit, das politische Establishment der westlichen Welt ist tief erschüttert.

Kaum ein Land in Europa oder Nordamerika in dem es keine bereits eskalierte oder sich zuspitzende politische Krise gibt. In unterschiedlichen Ausprägungen gilt dies auch für die Schwellenländer, insbesondere für Südafrika und Brasilien.

In Einzelfällen liegt dies sicherlich auch an hausgemachten Problemen, hinter dieser Häufung und Gleichzeitigkeit der politischen Krisen muss aber auch ein globales Phänomen stehen.

Dieses Phänomen ist ein globaler Vertrauensverlust in die gesellschaftlichen Eliten und die herrschenden Ideologien des Kapitalismus.

Ideologisch hatte das Kapital spätestens 1990 triumphiert. Der längst nicht mehr ganz ernst genommene Gegner im Osten brach zusammen und was folgte war die Fortsetzung und Verschärfung des durch Reagan und Thatcher längst begonnenen Angriffs auf die ökonomische Nachkriegsordnung auch in Kontinentaleuropa.

Das Kapital machte sich breit, seinem Anspruch nach ist es totalitär. Alles hat sich der Verwertung des Wertes unterzuordnen und so traten andere gesellschaftliche Konflikte eben in eine Phase der Auflösung ein. Die Gleichstellung der Frau machte große Fortschritte ebenso die Akzeptanz anderer Lebensformen anstatt der traditionellen Familie, auch die Grenzen der Staaten wurden durchlässiger. Inzwischen wirbt Vodafone mit einem Transgendermodel und die Allianz warb noch vor kurzen mit der lesbischen Fußballspielerin die ihre Altersvorsorge neu regeln will. Keiner dieser Konflikte hat bereits so sehr an Bedeutung verloren wie etwa der Konflikt zwischen den großen christlichen Konfessionen, aber man konnte den Eindruck gewinnen, das dies der Weg ist auf dem wir waren. Bis die reaktionäre Rechte ihre Wiedergeburt erlebte.

Doch auch zuvor lief einiges schief. Was ein und die selbe Person als Frau gewann, büßte sie als Lohnabhängige wieder ein. Den vielen Unterschieden zwischen den Menschen, die entschärft wurden, der Unterschied in den Geschlechtern, den sexuellen Orientierungen, der Herkunft, der Religion, stand die sich beständig global verschärfende soziale Frage gegenüber.

Nach der Finanzkrise glaubt kaum noch jemand an das kapitalistische Versprechen von Wohlstand für alle. Zu scharf ist der Unterschied zwischen der Klasse der Besitzenden und der der Lohnabhängigen dafür geworden. Viele haben sich daher der Vergangenheit zugewendet, vor allem Männer, vor allem Weiße, vor allem Alte. Der Wert der Waren genügt nicht als der einzige Wert der Gesellschaft und diejenigen, die unter den alten Werten, wie sie in der traditionellen Familie oder der nationalen Borniertheit verkörpert sind, nicht zu leiden hatten, wenden sich ihnen wieder zu. Die Linke ist nicht unschuldig an dieser Entwicklung. Es war nicht falsch von ihr gegen Rassismus, Sexismus und andere Formen vormoderner Borniertheit anzugehen. Ihr Fehler war, dies nur allzu oft im Verbund mit der liberalen Bourgeoisie zu tun, daher wird sie jetzt als Alternative nicht ernst genommen. Hinzu kommt, dass die meisten Linken den Feind nach wie vor als Neoliberalismus bezeichnen und nicht als Kapitalismus. Sie offenbaren ihre eigene Sehnsucht nach der Vergangenheit, dem sozialen Kompromiss und Frieden, sie wollen nicht einsehen das dieser Kompromiss von der Gegenseite endgültig aufgekündigt wurde. Dies spiegelt sich auch in ihrer Selbstbezeichnung: „Links“ ist keine Kampfansage „sozialistisch“ zumindest in Deutschland schon.

Wenn die Sozialisten dem rechten Backslash etwas entgegen setzen wollen, müssen sie zugleich bereit sein, gegen ihre vermeidlichen liberalen Verbündeten loszuschlagen und abseits von faulen Kompromissen eigene Alternativen zu entwickeln.

18:14 05.12.2016
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