Wahlkampf in Vulkanistan (Teil 3)

Hessische Landtagswahl | "Der Vulkan schläft - Wir nicht!" verheißt einer der Sieger-Sprüche des jüngsten Vogelsberg-Sloganwettbewerbs. Wie aufgeweckt sind die Wähler in Hessens tiefster Provinz?
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Viel ist auch im aufbrandenden hessischen Landtagswahlkampf von Armut die Rede. Von öffentlicher Armut - damit meint man dann vor allem schlechte Straßen, sanierungsbedürftige Brückenbauten, stinkende Schultoiletten und verwaiste Straßenecken, an denen einst (wann zuletzt?) noch ein Schutzmann stand. Aber es geht auch um private Armut: Kinderarmut, Hartz IV, atypische Arbeitsverhältnisse und ihre Folgen, also Altersarmut. Blutarmut und Gedankenarmut der politischen Akteure bleiben einmal außer Betracht. Aber auch die gibt es leider. Dafür wäre von der Armut der Aylbewerber, Flüchtlinge und Arbeitsmigranten zu reden. Ob diese zu Deutschland, zu Hessen und insbesondere zur hiesigen "Vulkan-Region" gehören - darüber gehen die Meinungen zunehmend auseinander. Einig ist man sich nur darin, dass man sie jetzt am Hals hat - wegen Merkel oder aus anderen Gründen, right or wrong.

Armut auf dem Lande

Auch im idyllischen Vogelsberg nistet sie also, die Armut. Und nicht etwa nur die neue migrantische. Darauf weisen mit einer gewissen Neigung zu Neiddebatten besonders diejenigen hin, die eine Zuständigkeit für die Armut von Achmed, Hamal oder Latifa ablehnen. Wo immer sich Lücken in der kommunalen Daseinsvorsorge auftun, wird angeprangert, dass für die Flüchtlinge doch immer Geld da sei, für die Einheimischen dagegen nichts. So ganz stimmt das natürlich nicht. Will sagen: Auch vor 2015 litt das staatliche Versorgungssystem bereits unter Auszehrung. Gerade dort, wo Fuchs und Hase sich am Ende des Tages eine gute Nacht wünschten, bricht demografiebedingt nach und nach so manches weg, an das man sich über Jahrzehnte hatte gewöhnen dürfen. Stichworte Ärzteversorgung, ÖPNV, Sparkassenfilialen, Grundschulen, Metzger, Bäcker, Tante-Emma-Läden in jedem Dorf. "Armut sieht auf dem Land anders aus als in der Stadt", fasste die Gießener Allgemeine das Ergebnis einer kirchlichen Tagung im vogelsbergischen Burg-Gemünden (Beitrag vom 17. März 2013) bereits vor Jahren zusammen. "Sie ist versteckter, aber es gibt sie..." Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster, Sozialwissenschaftler von der Uni Gießen, wird mit herber Kritik an den politischen Eliten zitiert. Er "sehe derzeit keine politische Partei, die sich ernsthaft mit der Entwicklung der ländlichen Struktur befasse."

Tanz auf dem Vulkan

Aber wie stehen die den Vogelsberg besiedelnden Vogelsbürger*innen, die man angesichts der größten nachgewiesenen Ansammlung von Schildvulkanen in Europa nicht gleich als Schild(vulkan)bürger*innen verdächtigen möchte, zu dieser dramatischen Situationsschilderung? Auch ohne die zunehmende Armutsmigration aus dem nahen Osten, den maghrebinischen Staaten, Schwarzafrika usw. wäre angesichts einer überalternden und schrumpfenden Bevölkerung, eines sich abzeichnenden Nachwuchsmangels in vielen Branchen und nur weniger zukunftsträchtiger Wirtschaftszweige in der Region die allgemeine Lage kaum optimistischer zu beurteilen. Einfache Lösungen nach dem Schema: "Ohne die Flüchtlinge ginge es uns besser!" scheinen sich da zu verbieten. Fühlt man sich von der Politik tatsächlich verlassen?

Das ist schwer einzuschätzen. Der Vogelsberger neigt nicht unbedingt dazu, sich mit Versäumnissen der Obrigkeit lauthals auseinander zu setzen. Zudem sind gerade Heimatverbundenheit und Volksnähe angesagt. Die Volksparteien CDU/CSU und SPD sind nach der Bundestagswahl im November 2017 arg zerzaust. Und geben nun (mal wieder) vor, verstanden zu haben und sich besonders um die "abgehängten ländlichen Regionen" kümmern zu wollen. "Sie wissen, wie schön es bei uns im Vogelsberg ist", empfängt im April 2018 der Spitzenkandidat der SPD, Swen Bastian, seinen hessischen Landesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel bei einer Wahlkampfveranstaltung im Vereinsheim der SG 1920 Landenhausen. "Leider reicht das allein im harten Standortwettbewerb nicht aus."

Man könnte hier den Appell heraus hören, jetzt nicht wieder nur die Vorzüge des Landlebens zu loben. Doch was hilft einer Region aus ihrem Abgehängtsein heraus, wenn "schön" als Standortvorteil nicht mehr ausreicht? Zusätzliche Attraktionen im Standortwettbewerb vielleicht? Letzterer ist zu einem Mantra der SPD-Politik im ehemaligen "SPD-Land" Vogelsbergkeis geworden. Doch neue Ideen scheint es nicht zu geben. Also kreist das Denken um eine wirkungsvollere Selbstdarstellung. Wo man nichts Neues zu bieten hat, muss das Vorhandene eben noch geschickter präsentiert werden. Durch besseres Standortmarketing. Das muss oft reichen, wenn auf kommunaler Ebene das Geld fehlt für echte Standortverbesserungen.

Erst 2015 - noch unter der Kreistagsmehrheit von Rot-Grün und FWG - hatte man parteiübergreifend eine scharfe Note gegenüber der schwarz-grünen Landesregierung in Wiesbaden verfasst, um "die dauerhafte Finanznot der Kreise, Städte und Gemeinden" anzuprangern, die auch durch die seinerzeit beabsichtigte Neuordnung des Kommunalen Finanzausgleichs nicht behoben werde. Die Kreis-CDU hatte sich damals als einzige Partei dem Warnschuss gen Wiesbaden verweigert. Inzwischen regiert sie in einer schwarz-roten GroKo. Über zu wenig Geld aus Wiesbaden darf jetzt nicht mehr gemeckert werden.

Nach Wählerstimmen liegen die Sozialdemokraten zwar nur noch auf Rang zwei, aber dank eines Kuhhandels mit der CDU als dem stärkeren Koalitionspartner im Kreistag, die bei der letzten Direktwahl des Landrats großzügig auf einen eigenen Kandidaten verzichtet hatte, dürfen sie weiterhin den obersten Wahlbeamten und Verwaltungschef stellen. Dass es schön sei im Vogelsberg und es sich dort gut lebe, gehört laut provinzfürstlich-landrätlichem Dekret nunmehr zu den Dogmen der erfolgreichen Selbstvermarktung. Wer öffentlich anders redete, könnte auch gleich den Holocaust leugnen. Und somit kennt die Selbstdarstellung des Vogelsbergs nur noch eine Laufrichtung: "Zum Lichte empor". Da fragt man am besten nicht, was vielleicht noch schöner sein könnte als das nur Geschönte oder ohne eigenes Zutun immer schon Schöne. "Hell aus dem dunklen Vergangen leuchtet die Zukunft hervor."

Realpolitik wurde inzwischen nicht nur im Vogelsberg durch Ankündigungsrhetorik und autosuggestives "Wir schaffen das" ersetzt. Welt der Wunder und der erstaunlichsten Zauberkunststücke. Selbst eine Seifenblase kann noch durch ihre schiere Größe beeindrucken. Will sagen: Für eine gewisse Zeit können Alibi-Aktionen und Potemkinsche Luftschlösser zukunftsorientierte Planungen und entschlossenes Handeln vortäuschen. "Brot und Spiele" statt "Brot für die Welt". Wie sagte doch einst der unter Demenz leidende Bundespräsident Heinrich Lübke als Dank für das Willkommenslied eines gemischten Chors: "Sie haben schön gesungen. Und mehr als schön kann man nicht." Wohl mit dem Ziel, eine ähnlich selbstgenügsame Sicht der Dinge in die Köpfe der Vogelsbürger einzupflanzen, ließ Landrat Görig unter großzügigem Einsatz von EU-Fördermitteln gleich die Regionalhymne "Wir sind Vogelsberg" (wie Spötter behaupten, in "RRR-Dur", einer den Vogelsbergern wegen ihres etwas schwerfälligen Lokal-Idioms zugeschriebenen orttypischen Tonart!) komponieren. In kühner Adaption von Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" schwärmten zudem tanzpädagogische Fachkräfte aus, um mit Teilen der Bevölkerung eine "Vulkan-Flashmob" betitelte Choreo einzuüben, dank derer Markt- und Supermarkt-Parkplätze jederzeit gezielt in einen Taumel der lokalpatriotischen Begeisterung versetzt werden können. Tanz auf dem Schildvulkan. Doch wann kommt das böse Erwachen?

Hei-mut, die ich meine...

Das derzeit gültige REK (Regionalentwicklungskonzepz) 2014-2017 "Vulkan aktiv" legt nun schon in der zweiten Förderperiode als Leitbild fest: "Der Vogelsberg ist eine dynamische und anpassungsfähige Region mit hoher Lebensqualität in der Mitte Hessens." Ist sie das tatsächlich? Falsche Frage. Was in dieses Leitbild nicht passen will, wird eben passend gemacht. Oder ausgeblendet. Wie die Armen in der Region. Die es zwar gibt. Die man aber nicht sehen soll, weil hierdurch das Bild der in verwegener Aufholjagd mit den stärksten Regionen Hessens Schritt für Schritt aufschließenden Randregion getrübt würde. Es gibt einige Aussichtspunkte im Oberwald, die einen Blick auf die Skyline von Frankfurt erlauben. In Homberg-Ohm dagegen veranstaltet man einen "Tag der offenen Leerstände". Und in Romrod klagt man über Vandalismus im Lost Place "Neues Landhotel".

Armut auf dem Land fällt nicht so krass ins Auge wie beispielsweise in Mainhattan. Man sieht weder Obdachlose, die "Platte machen", noch lange Schlangen vor Suppenküchen. Aber Armut fällt weit eher den Nachbarn auf, wird peinlich und führt zu sozialer Isolation, weil man sich gegenseitig ganz anders beobachtet als in anonymen Großstadt-Ghettos. "Jeder weiß doch hier, was der Andere für eine Unterhose trägt", metaphert die Gießener Allgemeine zum Thema verschämte, aber schwer zu verbergende Armut.

Metapher hin oder her: Bei allem Desinteresse an der Unterwäsche seines Nachbarn wüsste man als Zugezogener (der man zeitlebens und auch in nächster Generation noch bleiben wird) gern einmal, was unter einer "langärmelich Engerhos" (hochdeutsch: einer langärmeligen Unterhose) zu verstehen sei. Meines Erachtens wird hier eine sprachliche Schnodderigkeit sichtbar, die vor allem den eingeborenen Dialektsprecher kennzeichnet. Er spart sich schlicht den Aufwand, zwischen den Ärmeln und den Beinen eines Kleidungsstücks zu unterscheiden. Im Hinblick auf die hierdurch erzeugte Mentalität bedeutet dies, dass der Vogelsberger in der Ausdrucksweise gern vage bleibt und sich auch im Alltag nicht gern auf etwas festlegen lässt. Dementsprechend hasst er übergenaue Mitmenschen, bei denen es sich i.d.R. um Zugezogene handelt. Die nachfolgenden Reaktionen auf den Kommentar eines solchen Fremdkörpers im Volksganzen im Online-Magazin "Oberhessen live" (Es geht um den durch die Verwaltung fahrlässig falsch terminierten "10-jährigen Geburtstag des Vogelsberger Familienbündnisses") bestätigen meinen Erklärungsversuch vogelsbergischer Mentalität.

Genau dieser Hang zur Ungenauigkeit bzw. die Unfähigkeit zur exakten Beschreibung eines Ist-Zustands erleichtert es den politisch Mächtigen, öffentliche wie private Armut hinter irgendwelchen Floskeln verschwinden zu lassen. Da wird selbst die Statistik zur Spielwiese neckischer Versteckspiele. Mag der blöde Hase wie in der Fabel noch so oft mit dem Hinweis auf die hohe Zahl von Auspendlern oder die künftige Altersarmut infolge des überproportionalen Anteils von Teilzeitarbeit und atypischen Beschäftigungen an den sozialversicherungspflichtigen Beschäftiggungsverhältnissen im Vogelsberg auflaufen; immer steht Landrat Görig bzw. seine Verwaltung schon im Igelkostüm bereit, um die im Vergleich zu ganz Hessen geringen Arbeitslosenzahlen zu rühmen oder fälschlich zu behaupten, der jahrzehntelange Trend des Auspendelns sei "gedreht", und inzwischen gäbe es mehr Ein- als Auspendler (Fakten-Check: Tatsächlich 17.290 Auspendler, 8080 Einpendler, Pendlersaldo minus 9210).

Bürger und Politiker reden aneinander vorbei

Spätestens nach den AfD-Erfolgen bei der Bundestagswahl 2017, aufgrund derer die Rechtspopulisten im Bund nun stärkste Oppositionspartei sind und auch in den Ländern mehr und mehr an Boden gewinnen, haben die etablierten Parteien die Heimat entdeckt. Unzufriedene Heimat. Heimat, die sich irgendwie benachteiligt fühlt. Das Land wurde "abgehängt". Und erfährt nun unter dem Etikett der "abgehängten ländlichen Region", deren Belange man nun stärker berücksichtigen wolle, vermeintlich neue Wertschätzung. Von den auch auf dem Lande abhängenden Gestalten (zumeist mit Migrationshintergrund) schweigt die Wahlkampfrhetorik lieber, um nicht schlafende AfD-Sympathisanten zu wecken. Wie auch von den Armen unter den Alteingesessenen bzw. den Armutsmigranten aus der deutschen Bevölkerung, die der günstigen Mieten wegen zuwandern, oder wegen der schlechten Löhne, Hartz IV oder den zu geringen Renten. Das wäre doch nun mal ein wichtiges Thema für den Landtagswahlkampf der SPD. Doch sie wird's wohl wieder "verkacken". Weil sie nicht begreift, dass Armut kein abstraktes "Gerechtigkeitsproblem" ist und auch nicht überall im Kontext zu hoher Mieten oder sanierungsbedürftiger und durch einen hohen Migrantenanteil überlasteter Schulen wahrgenommen wird. Die Menschen möchten wissen, wie sie mit Armutsrenten oder die Lebenshaltungskosten nicht mehr abdeckenden Arbeitseinkommen zurecht kommen sollen. Wie die Situation überlasteter und unterbezahlter Kräfte in der Kranken- und Altenpflege, die lange genug bekannt ist, spätestens morgen grundlegend verbessert werden soll. Wie die Bildungschancen ihrer Kinder jetzt und sofort gewahrt werden können - trotz fehlender Lehrer oder Inklusion oder hohem Migrantenanteil. Deutschland zerfällt zunehmend in schichtspezifische Milieus. Selbst ohne muslimische Zuwanderer boomen die Parallelgesellschaften. Und in etlichen davon haben die Menschen die Hoffnung verloren, dass es ihren Kindern einmal gleich gut oder sogar besser gehen wird wie den Eltern. Das waren einmal die Wähler, die die SPD zu einer starken Kraft der Mitte machten und in vielen Auseinandersetzungen um Rahmenrichtlinien, Gesamtschulen, Reform der gymnasialen Oberstufe usw. usf. mal der einen oder der anderen Volkspartei zu Mehrheiten verhalfen.

Manch einem in der jetzigen schwarz-grünen Landesregierung, so stänkert Schäfer-Gümbel mit Blick auf die Rückkehr zur Macht in Wiesbaden, müsse man "erst einmal klar machen, dass Hessen nicht hinter der Stadtgrenze von Frankfurt am Main" aufhöre. Donnerwetter aber auch. Dort allerdings regiert seit 2016 eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen unter einem SPD Oberbürgermeister, die als Sündenböcke oder Hauptverantwortliche für "19 Jahre Zentralisierung zugunsten der großen Städte und zu Lasten des ländlichen Raums" auch keine überzeugende Figur abgeben. Und wenn die Schottener Bürgermeisterin Susanne Schaab (ebenfalls SPD) "einen Kolonialismus seitens des Ballungsraums am Werk" sieht, weil man einerseits das kostbare Trinkwasser zur Versorgung von Rhein-Main abpumpe und Vogelsberger Quellen trocken fielen, während man andererseits der Region Schutzgebiete überstülpe und so die Ansiedlung zusätzlichen Gewerbes behindere, dann möchte man doch wissen, ob hier nicht parteiübergreifend genau dieselben Kräfte "am Werk" waren, die auch zugesehen haben, wie die Urbanisierung auf Kosten der ländlichen Regionen voran getrieben wurde. Und wenn Schaab es als Lösung ansieht, die dem ländlichen Raum vorenthaltene Entwicklung im Bereich der gewerblichen Wirtschaft durch Verstärkung des Tourismus zu kompensieren, dann darf vielleicht darauf hingewiesen werden, dass der Vogelsberg faktisch schon immer von seinen Feriengästen gelebt hat und dieser Wirtschaftszweig ja wohl ebenfalls vernachlässigt wurde. Nicht anders ist es zu erklären, dass die Region nach wie vor zu den weniger bekannten Urlaubsregionen Deutschlands gehört und gerade dabei ist, aufgrund der Industrialisierung der Landschaft durch die Windkrafterzeugung touristisch an Boden zu verlieren. Die "guten Erfolge" der Tourismusförderung sind also relativ zu sehen.

Schäfer-Gümbel, der - nicht weit vom Vogelsberg - in einem Landstädtchen mit traditionsreicher Braustätte von überregionaler Bedeutung wohnt, erklärt sich spontan zum quasi abgehängten Quasi-Vogelsberger, der um die "besonderen Herausforderungen des Lebens im ländlichen Raum" wisse. Wie biederte sich doch einst ein John Fitzgerald („Jack“) Kennedy erfolgreich bei der Berliner Frontstadt-Bevölkerung an? "Ik bin aain Börlinäär!" Was heißt: "Ich bin ein Vogelsberger!" bloß in heimischer Mundart?

Landrat Manfred Görig wüsste das, tut sich aber eher schwer mit den Wahlkampfattacken seiner Landespartei unter der Überschrift: "Vernachlässigung des ländlichen Raums durch Schwarz-Grün". Denn die stehen nicht nur im Gegensatz zu dem Bild, das die Kreis-GroKo tagtäglich von der blühenden Landschaft rund um Hoherodskopf und Taufstein zu vermitteln versucht, um die Erfolge der eigenen Arbeit ins rechte Licht zu rücken. So gern man sich punktuell auch Aufregerthemen wie dem geraubten Vogelsbergwasser anschließt und die Empörung teilt, dass dieses im schmarotzenden Ballungsraum dazu noch billiger abgegeben wird als in der Ursprungsregion, soll der Vogelsberg sich weder aus Sicht der Kreis-CDU noch aus Sicht der Kreis-SPD als in besonders auffälliger Weise "abgehängt" darstellgen. Schließlich arbeitet man seit Jahren daran, dass sich dies faktisch ändert und das "Image" des Landstrichs zwischen Knüll, Rhön, Spessart, Wetterau und dem westhessischen Bergland endlich nachholt, was der gewandelten Realität entspricht. Mit einer Ausnahme: Wenn man sich wieder einmal um Fördermittel für abgehängte Regionen bemühen muss, die in regelmäßigen Abständen ausgelobt werden. Denn eines ist nun mal unübersehbar: Entwicklung ist im Vogelsbergkreis aus eigener Kraft, aus selbst erwirtschafteten Erträgen und Überschüssen, nicht möglich. Bis zuletzt befand man sich unter dem Schutzschirm der Landesregierung zwecks Abbaus jahrzehntelanger Überschuldung. Hoffnungsvolle Perspektiven entstehen nur dank ständiger Förderprogramme; von der EU, diversen Bundesministerien und diversen Landesministerien. Ein ewiger Widerspruch zwischen unterstellter Vernachlässigung und der in regelmäßigen Abständen sprudelnden Subventions-Pipeline. Da muss man lavieren.

Leuchttürme im Hinterland

Die EU unterstützt seit vielen Jahren, wir erwähnten es bereits, die Ausarbeitung regionaler Entwicklungskonzepte für unterentwickelte ländliche Regionen. Das zugehörige Förderprogramm heißt "LEADER", und das wiederum steht für "Liaison Entre Actions de Développement de l'Économie Rurale" (Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft). In den letzten Jahren ist man dazu übergegangen, überwiegend private Investitionen durch Zuschüsse zu fördern, die zumeist ein Mehrfaches der Zuschüsse mobilisieren. So bleibt doch das eine oder andere in der Region hängen. Besser als nichts, aber immer noch zu wenig für den ganz großen Durchbruch, für den es aber irgendwie auch keinen Masterplan gibt.

Im November 2017 konnte man auf das 25-jährige Bestehen des Regionalen Entwicklungskonzepts für den Vogelsbergkreis zurückblicken. Die öffentlich verbreitete Erfolgsbilanz: Nahezu 300 Einzelprojekte wurden in dieser Zeit über Leader gefördert, ausgewählt durch einen Beirat. Für weitere 100 Vorhaben konnten Förderungen über andere Programme vermittelt werden. Nur wenige Vorhaben wurden bislang als nicht förderwürdig eingestuft oder kamen aus anderen Gründen nicht zustande. 10,5 Millionen Euro Leader-Mittel haben in dieser Zeit 32 Millionen Euro Investitionen in rund 150 Existenzgründungen und Erweiterungen von Kleinbetrieben, in rund 80 touristische Infrastrukturprojekten und 70 Vorhaben im Bereich Kultur und Soziales angestoßen. Hinzu kommen noch weitere 18 Millionen Euro Investitionen in 18 öffentliche und private Bioenergieanlagen, die mit 3,2 Millionen Euro Fördermitteln mobilisiert wurden. In der Summe flossen also in den 25 LEADER-Jahren 13,7 Millionen Euro aus der EU-Kasse in die Vogelsbergregion.

Das Leuchtturmprojekt kommunal-privatwirtschaftlicher Kooperation im Rahmen des LEADER-Programms "Vulkanregion Vogelsberg" ist in die Jahre gekommen und hat sich abgenutzt. Der Geist der wissenschaftlichen Recherche hat es Stück für Stück entzaubert. Auf der Suche nach einem identitätsstiftenden Alleinstellungsmerkmal stieß man auf das Narrativ "größter Vulkan Europas", in den äußeren Abmessungen in etwa identisch mit dem Kreisgebiet. Da erscheint vor dem geistigen Auge des Außenstehenden natürlich sogleich ein Erdball mit gigantischer Ausbuchtung, ein Rauch und Magma speiender Mega-Vogelsberg-Vulkan, der - so glaubte man zunächst - vor ca. 17 bis 15 Millionen Jahren hier entstanden sei. Rein standortmarketingtechnisch eine Wucht (rein physikalisch wohl eher die Ursache einer Unwucht der armen Mutter Erde), wenn, ja wenn das Narrativ denn so richtig gewesen wäre. War es aber nicht. Ein eindrucksvoller Riesenschlot vom Schlage eines Mount Fuji hat sich hier nie erhoben. Immerhin, korrigierten sich die Forscher dann zunächst, habe es sich um den größten Schildvulkan Europas gehandelt, also so etwas wie den Mauna Loa auf Hawaii, der zwar nicht durch eine gewaltige Eruption, sondern durch ständige Lava-Rinnsale aus zahlreichen Erdspalten zu schlussendlich doch respektheischender Dimensionen angewachsen sein könnte. Aber auch das traf es letztlich nicht. Es blieb der Nachweis etlicher kleiner Schildvulkane, deren Ausstoß zwar die größte Basaltfläche Europas hatte entstehen lassen, die aber durch die Erosionskräfte von vielen Millionen Jahren zu einer höchst unspektakulären Hügellandschaft mit einigen entlegenen Außenposten geschrumpft war. Da bedurfte es doch etlicher „Stotzillergeboller“ (oberhessisch mundartlich für "Purzelbäume"), um daraus noch das unverwechselbare Merkmal einer Region zu machen, das die Touristenströme anzieht.

Man löste das Problem mit dem Mittel des Werbetextes. Das Wort "Vulkan" wurde überall angehängt, wo noch Platz für einen Bindestrich war. "Vulkan-Aktiv" nennt sich das gesamte Entwicklungskonzept, das dafür gesorgt hat, dass man beispielsweise auf dem Vulkan-Radweg zum Vulkan-Bäcker fahren und ein Vulkan-Brot kaufen. Nur der erwartete Vulkan, schon gar nicht der größte Europas, ist auf den ersten Blick nirgends zu sehen. Um sich die vulkanischen Ursprünge der Landschaft, die es auch außerhalb des Vogelsbergs vielerorts gibt, vor Augen führen zu können, muss man in das Schottener "Vulkaneum" (eine Art erdgeschichtliches Museum) gehen, das durch Konversion einer ausgedienten Feuerwache entstand, oder an einer der erdgeschichtlichen Führungen zu diversen "Geotopen" teilnehmen, die die vulkanische Vergangenheit anhand auffälliger Felsformationen, Aufschlüssen von Gesteinen und Bodenformationen sowie wichtiger Fundstellen von Mineralien und anderem mehr bezeugen. Im Vogelsberg, so macht man sich selber froh, findet man eine besondere Vielfalt solcher Zeugnisse, weil der Vulkanismus im Vogelsberg eben auch sehr vielfältig war. Wirklich prickelnd und massentourismusverdächtig erscheint das nicht. Laute andächtigen Staunens entringen sich da wohl nur grauhaarigen Volkshochschulfans aqllerlei Geschlechts, die eine hohe innere Bereitschaft aufweisen, auch den kleinen Wundern am Wegesrand besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Der große Wurf ist dieser künstliche Vulkan-Hype also nicht gerade, obwohl mit Rücksicht auf eine Rechtfertigung der beträchtlichen Ausgaben zu seiner Auslösung ständig das Gegenteil beschworen wird. Indessen versucht man, heimlich ständig nachzubessern. Entweder, um das Vulkan-Narrativ endlich noch eindringlicher und identitätsstiftender zu vermitteln, oder um kleinräumig zusätzliche Wirtschafts-Impulse oder Aufmerksamkeits-Effekte zu schaffen. So gab der Landrat aus LEADER-Mitteln einen Vulkan-Song in Auftrag. Die Originalität dieser Eingebung hielt sich wie immer in bescheidenen Grenzen, denn es gab bereits eine Vielzahl von Vorläufer-Vulkansongs. Einzelne Städte wie die heimliche Vogelsberg-Metropole Alsfeld, gaben eigene Entwicklungskonzepte in Auftrag. Doch auch hier versagte man sich den Aufbruch ins Unbekannte und hielt am Bewährten fest. An der Deutschen Märchenstraße gelegen und schon immer märchenaffin, will man Alsfeld derzeit just zur totalen Märchenstadt ausbauen, totaler, radikaler und märchenhafter, "als wir es uns überhaupt nur vorstellen können" (Reichsmärchenminister Josef Goebbels). Irgendwie erschreckend.

Im für Vogelsberger Verhältnisse geradezu weltstädtischen Alsfeld hat der im kommunalen Sold stehende "Wirtschaftsförderer" Uwe Eifert sich ein "Gründerzentrum" einfallen lassen, das aber schon im Zuge erster öffentlicher Erörterungen zum "Gründer-Netzwerk" down gegradet wird. Als erstes bringt Eifert einmal einen "Namenswettbewerb" für das neue Förderinstrument ins Gespräch. Ein Leserbriefschreiber spottet:

"Oh - Vorsicht Kreativitäts-Explosion! - da hilft natürlich ein Gründerzentrums-Namenswettbewerb!!! Vorgabe - und jetzt halten Sie sich fest! - "Es [das Gründerzentrum] soll modern sein, aber nicht zu modern, dass es nicht mehr zu Alsfeld passt. Außerdem soll es die Besonderheiten der kleinen Stadt hervorheben". Wie wär's mit "Froschkönig Uwe's Fachwerk-Gründerscheune, nur echt mit den Spinnweben"! Also wenn das mal nicht "die Bekanntheit und die Akzeptanz des Netzwerkes direkt vom ersten Tag an groß" hält. Und natürlich wird - Corporate Identity!!! - gleich ein ganzes Set von Werbeträgern im unverwechselbaren Spinnweben-Look mitgeliefert: Luftige Tragetaschen aus recycelten Lochkarten, original eingetrocknete Kolben-Füllfederhalter mit original verrosteter Stahlfeder, eventuell auch noch mit der Fettspritze (vom Lanz-Schlepper) präparierte "Alsfelder"-Bierdeckel als lustige Lesezeichen. Und zwecks Einbeziehung der Zielgruppe gibt's noch Zielfernrohre aus dem Ersten Weltkrieg mit Herkunftszertifikat "Made in Kiautschou". Als einheitlicher Aufdruck (natürlich in Sütterlin) schwebt mir vor: "Wann’s går niedt offällt, wann’s fehn doud, brache mer’sch aach wahrscheins niedt so ubedingt."

Unwillkürlich kommt einem das Zitat des ehemaligen mittelhessischen Regierungspräsidenten Dr. Lars Witteck wieder in den Sinn, der von den Zweit- und Drittbesten sprach, mit denen die Entwicklung gestaltet werden müsse, da doch die Besten weggingen. Als Braindrain (wörtlich: Gehirn-Abfluss im Sinne von Talentschwund, somit der Abwanderung der Intelligenz einer Volkswirtschaft) bezeichnet man die volkswirtschaftlichen Verluste durch die Emigration besonders ausgebildeter oder talentierter Menschen aus einem Land. Dies betrifft vor allem Akademiker, Künstler, Unternehmer und Facharbeiter.

So ist es wohl. Die "Zweit- und Drittbesten" - hier im Vogelsberg bleiben sie zunehmend unter sich. Und die "Spitzenpolitiker" profitieren davon, dass das Volk ja nur die wählen kann, die sich zur Wahl stellen bzw. die aufgestellt werden. Friss oder stirb!

15:51 20.06.2018
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