„Und alle so yeaaah“

Urheberrecht Ist unser Urheberrecht zu streng für eine lebendige Meme-Kultur? „Wir brauchen ein Recht auf Remix“ fordert der Journalist Dirk von Gehlen im Interview mit Thilo Kasper.
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Thilo Kasper: Immer, wenn ich Memes auf dem PUTSCH Blog teile, habe ich Angst vor Post vom Abmahnanwalt. Ist unser deutsches Recht zu streng für eine lebendige Meme-Kultur?

Dirk von Gehlen: Meme bewegen sich frei im Internet. Jeder kann sie kopieren und kosten- und verlustfrei weiterreichen. Das ist die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie und stellt ganz viele Rechtsbereiche, aber zuallererst das Urheberrecht vor eine riesige Herausforderung. Das Urheberrecht darf kein strenges Rechtsgut sein, das in erster Linie Abmahnanwälte als Geschäftsmodell verwenden. Es muss dazu dienen, Kreativen Verdienstmöglichkeiten für ihre Leistung zu schaffen. Meme legen offen, dass wir kein Remix-freundliches Urheberrecht haben. Gleichzeitig zeigen sie, was für tolle politische Meinungsäußerungen durch Remix entstehen können und dass diese Art der kreativen Artikulation vielleicht ein Teil der Meinungsfreiheit ist.

Was muss konkret geändert werden, um die Rechtssituation zu verbessern?

Wir brauchen ein Recht auf Remix. Die Kopie ist die Grundbedingung des Digitalen. Lösungen für ein modernes Urheberrecht müssen mit der Kopie und nicht gegen die Kopie arbeiten. Das heißt nicht, dass das Urheberrecht abgeschafft werden soll, aber wir müssen es den digitalen Bedingungen anpassen.

Es gibt heute schon die Möglichkeit, zum Beispiel mit Creative-Commons-Lizenzen, als Autor mehr Rechte für die Nutzung des eigenen Werks einzuräumen. Reicht es nicht, davon mehr Gebrauch zu machen?

Wir sehen einen klaren Wandel im Umgang mit Bildrechten am Beispiel von Youtube. Youtube ist eine Plattform, die ganz viel Wert darauf legt, dass ihre Inhalte teilbar sind. Google hängt dann seine Werbung in die Youtube-Videos und verdient mit jedem Klick Geld. Dieses Geschäftsmodell ist nicht für jeden adaptierbar, und wir müssen aufpassen, dass am Ende nicht nur die Großen, wie Google oder Spotify, profitieren, sondern auch Kreative und Nutzer. Aber man kann daran Prinzipien ablesen. Wie ändern Menschen den Umgang mit Bildern, Bildrechten und Lizenzen? Ich finde es total spannend das zu lernen und nicht einfach zu sagen, „Ich möchte, dass die 80er wiederkommen“ – die werden nicht wiederkommen. Ich möchte verstehen, wie die 2010er Jahre funktionieren, und dafür sind Meme ein wahnsinnig tolles Beispiel.

Auf dem „Phänomeme“-Blog hast du Internet-Memes mit Zeitungskarikaturen verglichen. Wo siehst du Überschneidungspunkte dieser beiden Formate?

Ich glaube, dass politische Meme eine Art demokratisierte, aktualisierte Version der Karikatur sind. Die Karikatur ist ein gestalterisches Element, mit dem politische Meinung ausgedrückt wird. Und die gestalterischen Elemente sind heute eben nicht mehr nur karikaturistischer oder zeichnerischer Art, sondern für jedermann im Netz verfügbar, indem man Bilder aus dem Kontext reißt, in neue Zusammenhänge stellt oder mit neuen Zitaten versieht.

Im Gegensatz zur Karikatur kommen Internet-Memes nicht aus einer Redaktion, sondern von anonymen Schöpfern. Vor kurzem hat die Bildzeitung ein Merkel-Foto-Meme gestartet und dafür jede Menge Kritik geerntet. Müssen Memes anarchisch sein, oder ist es nicht sogar erstrebenswert, sie in einen redaktionellen Kontext zu stellen?

Ich würde wahnsinnig gerne auf einer regelmäßigen Basis Meme sehen, die wie Karikaturen funktionieren. Aktuelles politisches Geschehen, auf Basis von Memen kommentiert, das gibt es fast gar nicht, und das finde ich schade. Ich glaube, dass sich Meme extrem verbreiten und auch popularisieren werden, und dass auch Mainstream-Medien sie immer stärker aufgreifen. Ganz einfach, weil sie ein Bestandteil von gegenwärtiger Kultur sind, für den sich vor allem junge Menschen sehr stark interessieren. Das führt dann dazu, dass auch die Bildzeitung einen Tumblr startet, und Leute das natürlich total kritisch sehen. Ein Witz ist eben nicht nur ein Witz, sondern die Frage ist auch, wer erzählt dir den Witz. Hier spielt der Kontext wieder eine große Rolle. Ich glaube dennoch, dass Redaktionen Meme noch viel klarer aufnehmen werden, wie zum Beispiel Jimmy Kimmel im amerikanischen Fernsehen. Es gibt auch Agenturen die Meme steuern. Zum Beispiel die „Supergeil“-Supermarktwerbung wurde über gekaufte Posts auf wichtigen Blogs verbreitet. Den viralen Effekt, auf den es am Ende doch noch ankommt, kann aber niemand kaufen. Solange dieses Risiko des Scheiterns bleibt, bleiben Meme interessant.

Du interessierst dich für Memes und Co.? Mehr über neue politische Bildkultur findest du auf unserem Tumblr-Blog: www.putsch-berlin.de

Interview: Thilo Kasper
Kamera: Benjamin Kis

Dirk von Gehlen ist 39 Jahre alt und Redaktionsleiter von jetzt.de. In seinen Büchern „Mashup“ und „Eine neue Version ist verfügbar“ setzt er sich mit den Herausforderungen der Internet-Kultur auseinander und erforscht im „Phänomeme“-Blog der Süddeutschen Zeitung die Welt der Internet-Memes. Im Remix Museum der rechtaufremix-Kampagne kuratiert er die Meme-Abteilung.

Mehr über das „und alle so yeah“-Meme:
bit.ly/RmCoWr

Das Remix Museum:
rechtaufremix.org/museum

Zum Phänomeme-Blog:
gefaelltmir.sueddeutsche.de

Interview: Thilo Kasper, Kamera: Benjamin Kis
08:56 11.08.2014
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Putsch

Wie kann Politik visuell erzählt werden? Thilo Kasper vom PUTSCH Blog schaut hin, von Graphic Journalism bis Internetkunst.
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