RE: Der Schande ausweichen | 19.06.2020 | 16:08

Mit den Stellen, wo ich zusammen gearbeitet hatte, kannte ich keine solchen Fälle, und ordnete die Vermittlung einzelner Pflegekindern an Männer mit pädophilen Neigungen in Berlin den 70/80ziger Jahre zu. Insofern kann ich dazu nicht mehr sagen, als die Artikel hergeben. Die Studie dazu habe ich noch nicht gelesen.

Es ist aber in der Zwischenzeit in den Ämtern eine Menge an Umstrukturierungen und Qualifizierungsmassnahmen zum Thema sexuellem Missbrauch passiert. So haben viele Jugendämter in Berlin durch Weiterbildungen spezialisierte, erfahrene Fachkräfte, bei denen sich die anderen KollegInnen jederzeit kollegiale Supervision besorgen können. Und es existiert in Berlin eine Hotline-Kinderschutz, seit ca. 10 Jahren. Gerade der Kinderschutz steht eigentlich im Mittelpunkt der Arbeit der sozialpädagogischen Dienste heute. Ausserdem verfügt jeder Bezirk über zwei Erziehungs- und Familienberatungsstellen, die über in der Behandlung traumatisierter Kinder erfahrene Psychologen verfügen.

Neben der Personalnot spielt bei der Vermittlung von Hilfen leider der Kostendruck eine Rolle, unter dem die Ämter Entscheidungen treffen müssen. Bezirke mit einer zu hohen Anzahl an Heim- und betreuter WG-Unterbringung und zu vielen Erziehungshilfen geraten immer in die Kostenfalle und müssen Leistungen kürzen.

Und wie schon erwähnt: Wegen der Personalnot und dem Druck, da wo Kinder sofort Schutz brauchen, zu intervenieren, entfielen in der Vergangenheit beim Jugendamt andere wichtige Leistungen im Bereich der Prävention bei sexuellem Missbrauch wie z.B. die Durchführung pädagogischer Veranstaltungen in den Schulen zu diesem wichtigen Thema. Darüber werden manchen Kindern auch Wege aufgezeigt, wem sie sich anvertrauen könnten.

Leider ist die Arbeit im Berliner Jugendamt wegen der Verantwortung und dem zu grossen Falldruck für junge SozialarbeiterInnen oft nicht mehr attraktiv genug.

RE: Der Schande ausweichen | 19.06.2020 | 12:35

"Da schreit die Doppelmoral der Kirche zum Himmel. Wenn eine geschiedene Kindergärtnerin eines katholischen Kindergartens wieder heiratet, wird sie entlassen. Wenn aber ein Priester Kindern sexuelle Gewalt antut, wird er versetzt und vor der weltlichen Gerichtsbarkeit geschützt."

Beides gehört zum Glück meines Wissens der jüngsten Vergangenheit an. Im ersten Fall klagte ein Chefarzt einer katholischen Klinik bis zum Europäischen Gerichtshof gegen seine Entlassung wegen der Wiederheirat und bekam Recht, im zweiten Fall verpflichtet sich die RKK im Ergebnis der untersuchten vergangenen Missbrauchsfälle in Deutschland die staatlichen Behörden (Polizei, Staatsanwaltschaft, Justiz,) regelhaft einzuschalten.

Wirklich wesentliche Änderungen in der RKK zum besseren Schutz der Kinder vor Übergriffen wären IMHO hauptsächlich Frauen in Weiheämtern (PriesterInnen etc.) und die Abschaffung des Zölibats.

RE: Der Schande ausweichen | 19.06.2020 | 11:26

"Es sind die Strukturen, in den Gerichten und Jugendämtern zum einen, im Lebensumfeld der Kinder zum anderen, die die Täter begünstigen."

Was sollte anders sein, bei den Familiengerichten und Jugendämtern, Ihrer Ansicht nach?

Ich persönlich machte als psychologischer Gutachter und Therapeut mit den Familiengerichten und Strafgerichten in Berlin in meiner beruflichen Tätigkeit positive Erfahrungen in Fällen des sexuellen Missbrauchs. Ich begleitete auch einige Kinder / Jugendliche in den Gerichtsverhandlungen. Da hat sich schon sehr viel in den letzten Jahren zugunsten der Opfer bis in die Verhandlungsführung hinein geändert.

Die Jugendämter leider chronisch unter dem neoliberalen Stellenabbau im öffentlichen Dienst und Fallüberlastung, keine Frage. Alle Jugendämter stellen deswegen gerade den Kinderschutz in den Mittelpunkt als prioritäre Pflichtaufgabe und vernachlässigen dadurch eher die präventiven Bereiche.

Inhaltlich muss man berücksichtigen, dass die Täter die kindlichen Opfer mit allen Mitteln unter Druck setzen und oft nur andere Auffälligkeiten, Symptome bei den Kindern indirekt auf einen möglichen sexuellen Missbrauch hinweisen, weil die Opfer niemanden etwas vom Missbrauch erzählen dürfen und vor den Folgen Angst haben. Erst nach einer Heimunterbringung, der Trennung vom Täter oder der Beendigung des Missbrauchs, quasi in einer sicheren Umgebung, vertrauen sich manche Kinder einem Therapeuten / Helfer an und können die Traumata schildern bzw. verarbeiten. Was sollen aber die MitarbeiterInnen im Jugendamt tun, wenn ein Verdacht auf sexuellem Missbrauch besteht, der nicht ausreichend ist, um eine Heimunterbringung zu beschliessen gegen den Willen der Eltern? Sie können nur versuchen, dem betroffenen Kind einen pädagogischen oder therapeutischen Helfer an die Seite zu stellen, was die Täter blockieren, oder vertraute Bezugspersonen des Kindes zu sensibilisieren. Erfolgt umgekehrt eine falsch indizierte Unterbringung würde das Jugendamt nämlich auch wieder in der öffentlichen Kritik stehen.

RE: Der innere Frieden | 26.05.2020 | 14:08

"Ich sah die Christbäume vom Himmel, als Vorankündigung eines Bombenangriffs auf meine Heimatstadt - durch die Kinderaugen meiner Mutter."

Dass die Menschen über die Fähigkeit der Imagination verfügen, würde ich jetzt nicht als Beleg für eine biologische Vererbung von konkreten Erlebnisinhalten und konkreten Situationen der Vorfahren bewerten wollen, auch wenn Sie es wie einen realen Fimbericht aus der Vergangenheit erlebt haben.

RE: Der innere Frieden | 25.05.2020 | 08:51

"Die Erkenntnis, dass traumatische Erfahrungen kommenden Generationen vererbt werden können, steht bei den Kriegsenkel-Seminaren drohend im Raum. Die Forschungsergebnisse der Epigenetik, die eine Weitergabe dieser Erfahrungen über die DNA nahelegen, sind für viele Teilnehmer*innen schockierend."

Das scheint mir in mehrfacher Hinsicht so nicht zuzutreffen

1. Die Epigenetik untersucht Veränderungen der Aktivität von Genfunktionen bei gleichbleibender Weitergabe der DNA an Tochterzellen, d.h. am Genotyp der DNA-Sequenzen treten keine Änderungen auf. Es ändert sich aber u.U. im Verlaufe des Lebens der Phänotyp (chemische Änderungen der Proteine, die an das DNA binden), während der Genotyp, die Gensequenz, gleich bleibt.

2. Paternale Effekte bei der epigenetischen Vererbung treten im Vergleich zu maternalen selten auf, weil mit dem Spermium deutlich weniger epigenetisches Material vererbt werden soll als über die Eizelle. Es stellt sich somit die Frage, wie sich der Autor eine epigenetische Weitergabe der traumatischen Erfahrung der Großväter auf die Enkel im Konkreten biologisch vorstellt.

3.. Es gibt meines Wissens keine gesicherten Nachweise, dass (traumatische) Erfahrungen als solche epigenetisch vererbt werden. Die gesicherten Nachweise beziehen sich hauptsächlich auf die Untersuchung starker Stressfaktoren, die in der Schwangerschaft auftreten und die bei den Kindern statistisch zu mehr psychischen Erkrankungen führen als in der Kontrollgruppe. Eine Studie mit eineigen Zwillingen zeigte, dass sie epigenetisch mit 3 Jahren stark übereinstimmten, sich aber je unterschiedlicher ihr Leben verlief, desto mehr unterschieden sie sich im Alter in ihrer Epigenetik. D.h. die Annahme einer biologische Weitergabe von großelterlicher (speziell noch der männlichen) traumatischen Erfahrungen an die Enkelkinder , muss man derzeit als reine Spekulation betrachten.

Für die Enkel mag es vielleicht beruhigend sein, zu wissen, dass sehr wahrscheinlich keine drohende Wolke biologischer Vererbung der Nazi-Vergangenheit ihrer Großeltern über ihnen hängt bzw. ihre DNA belastet..

RE: Werft ab eure Sorgen | 17.05.2020 | 10:38

Korrektur: Die Erzählung heisst: "Herr und Hund".

RE: Werft ab eure Sorgen | 17.05.2020 | 10:21

Ein Freund schenkte mir mal das Buch "Vom Glück des Wanderns", weil ich wöchentlich ca. 100km mit meinen beiden Hunden in der Schorfheide, einem grossen Waldgebiet mit Seen in der Uckermark (Brandenburg) unterwegs bin. Bekanntlich erhält man oft Geschenke, die sich mit dem ausgeübten Hobby beschäftigen. Das Buch sammelte schon etwas Staub an, bis ich es wieder hervorholte, als einer meiner Hunde einen Beinbruch auskurieren musste, der ihm von einem anderen durch einen kurzen festen Biss wie in einen Knochen absichtlich in aggressiver Weise zugefügt wurde. Zum Glück kann er mich jetzt wieder begleiten. So lernte ich das Buch kennen und wie jemand anders schriftstellerisch das Wandern meditativ reflektiert und überhöht, während es für mich zum ganz Alltäglichen, Banalen gehört, ein paar Stunden am Tag zu wandern.

Zum Alltäglichen gehörte es auch für Thomas Mann, jeden Tag an der Isar mit seinem Hühnerhund Bauschan spazieren zu gehen. In der von mir geschätzten Erzählung, der "Herr und sein Hund" beschreibt er detailliert seine täglichen Spaziergänge und die Natur an der Isar.

RE: Unüberschaubares Eskalationsrisiko | 06.05.2020 | 12:01

Macht damit die SPD nicht die Tür einen winzigen Spalt für ein SPD-Grüne-Linke Bündnis auf?

Die Forderung nach dem Abzug von A-Waffen aus DE und dem Beitritt zum A-Waffen-Verbot-Vertrag der UNO (DE fehlt weiterhin auf der Liste der Unterzeichnerstaaten) formulierte auch A. Baerbock, nach der Aufkündigung des INF-Vertrages durch D. Trump, während die Linke den NATO-Austritt und stattdessen ein kollektives Sicherheitssystem in Europa unter Einschluss von Russland vorschlägt incl. Abrüstung, und natürlich ebenso den Abzug der A-Waffen auch verlangt.

RE: Was uns Linke eint: Wir haben keine Ahnung | 03.05.2020 | 08:38

Linke Analysten erklären ganz gut, was es in Europa bedurfte hätte, um mit der neuen Infektionserkrankung Covid-19 umzugehen, nämlich:

* personell gut ausgestattete Gesundheitsämter, die flexibel auf eine Seuche reagieren können

* ein personell und qualitativ breit aufgestelltes öffentliches Gesundheitswesen

* mehr Personal, bessere Ausbildung und Schulung, höhere Bezahlung für Pflegekräfte in Krankenhäusern und der Pflege, speziell für Senioren und Pflegebedürftige

* Produktion lebenswichtiger Güter wie Medizinprodukte u.a. Medikamente, Schutzkleidung in der EU ("Globalisierungskritik)

* höhere öffentliche Unterstützung der Forschung und demokratische Kontrolle der Pharmafirmen

* mehr Studienplätze für Ärzte in Deutschland

* Liste kann fortgesetzt werden :-) .

Also, wo liegt jetzt das Problem? Das dem Freitag vielleicht Journalisten mit klarsichtigen Analyse-Fähigkeiten fehlen und stattdessen Artikel aus dem Bauch heraus über subjektive, oberflächliche Stimmungen verfasst werden?

RE: Bizarre Blüten | 03.05.2020 | 00:42

Und haben Sie mal einen Link auf den Beipackzettel?

Beipackzettel zu HYDROXYCHLOROQUIN

"Woher weiß Drosten das so genau? Wäre es theoretisch nicht möglich, dass es Viren gibt, die er noch gar nicht kennt?"

Sehr unwahrscheinlich, dass solche nicht entdeckt werden. Die Viren-Forscher untersuchen weltweit die genetischen Verwandtschaftsverhältnisse des Virus-Covid-19 (bisher ca. 160 mit sehr kleinen regionalen Änderungen, die bei der Vermehrung entstehen können), in X-Tausenden von Proben. Da würde natürlich auffallen, wenn in den Proben ein Virus wäre, das man noch nicht kennt und man würde das Virus sofort weiter analysieren.

"Haben Sie vielleicht mal einen Link auf die Validierungsstudie?"

Habe ich jetzt nicht rausgesucht, weil ich bei einer solchen Aussage Prof. Drosten vertraue. Falls Sie es interessiert, werden Sie es bestimmt bei einer Recherche finden oder Sie fragen Prof. Drosten, Charite Berlin.