Die russische Föderation, ein imperialistischer Staat?

Kampf um Rohstoffe Nach dem Ende der UDSSR sicherte sich Russland Einfluss in den autonomen Republiken – und deren Rohstoffe. Steht das in einem Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine?
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Der russische Zentralstaat sichert sich den Zugang zu Rohstoffen in den autonomen Republiken
Der russische Zentralstaat sichert sich den Zugang zu Rohstoffen in den autonomen Republiken

Foto: Hanschke/Getty Images

Putin hebt in seinen historischen Ausführungen regelmässig hervor, dass Gebiete, zu denen auch die heutige Ukraine gehört, seit Anbeginn historische altrussische Länder waren. Warum tut er das?

Ich sehe den Hauptgrund darin, mögliche regionale Autonomiebewegungen in der russischen Föderation zu verhindern wie z.B. diejenigen in Tschetschenien mit den Tschetschenienkriegen. Die nationale Oligarchie und der Zentralstaatsapparat wollen keine Unabhängigkeit von Republiken wegen der Ausbeutung der Rohstoffe.

In der Zeit, wo die westeuropäischen Kaiserreiche die Teile der Welt mit Armeen kolonialisierten, expandierte das Zarenreich mit Eroberungen sehr stark, indem es eine sog. Binnenkolonialisierung durchführte. Bei der Oktoberrevolution war das russische Reich mit seinen Binnenkolonien die zweitgrösste Kolonialmacht nach England wie Lenin meinte. Die „Kolonien“ bekamen den Status von autonomen Republiken in der UDSSR bei den Bolschewiken, was Putin heute als einen grossen Fehler bezeichnet.

Mit der Auflösung der UDSSR erhielten die meisten autonomen Republiken die Unabhängigkeit wie die Ukraine, Kasachstan, Tadschikistan u.a.. Einige – aber nicht alle wie das an Erdgas reiche Turkmenistan – rohstoffreiche Republiken verblieben bei der Russischen Föderation wie u.a. Dagestan (mehrheitlich muslimisch) mit Rohstoffen am kaspischen Meer oder Jakutien u.a.

Autonomiebewegungen in den rohstoffreichen Republiken

Der vorletzte Präsident in Dagestan war Kommandant der Nationalgarde, kam aus Moskau wie der aktuelle auch. Eine imperiale Ausbeutung findet wirtschaftlich innerhalb der russischen Föderation statt. Dagestan zum Beispiel bleibt trotz seiner reichen Rohstoffe im kaspischen Meer eine der ärmsten Republiken Russlands, während die grossen Rohstoffkonzerne Oligarchen gehören.

Man könnte das analog auf andere ethnisch nicht russische Regionen übertragen wie z.B. das rohstoff- und diamantenreiche Sacha in Sibirien. Wikipedia schreibt zu Jakutien: „Mit Auflösung der Sowjetunion wurden Sacha weitreichende Autonomierechte zugestanden. Daraufhin installierte dessen Präsident Michael Nikolajew als Gegner von Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin und des Putinismus und zur Vorbereitung der Unabhängigkeit von Russland eigene Gold- und Devisenreserven. Über ein Klientel-System kontrollierte er das Gebiet, bis ihn 2001 ein Gericht – nach mehrmaligem Umentscheiden – aufgrund des Drucks des russischen Zentralstaates von der Wiederwahl ausschloss.“ Heute gehört die überwiegende Mehrheit im Parlament der Partei Einiges Vaterland an und die Ölförderung den bekannten grossen russischen Firmen.

Die USA unterstützten in der postsowjetischen Arena politisch alle Bestrebungen, die russische Föderation zu filetieren, weil sie über Vasallenregierungen – der Tschetschienkrieg der Dschihadisten zur Gründung einer islamischen Kaukasus Republik galt im Westen als Freiheits- und Unabhängigkeitskampf, in Russland als Terrorismus – sich Zugriff auf die Rohstoffe erhofften. Diese Autonomiebestrebungen haben Putin und die Oligarchen auf allen Ebenen mit allen Mitteln und in allen rohstoffreichen Republiken bekämpft und sich damit die Feindschaft der USA eingehandelt. Ein Teil der Erträge holt sich das westliche Finanzimperium jetzt wahrscheinlich mit den Sanktionen auf die Devisen und Goldreserven zurück und es intensiviert den Wirtschaftskrieg seit der Krimannektion. Von einem langen Ukrainekrieg versprechen sich die USA erneute Autonomiekämpfe in den autonomen rohstoffreichen Republiken und die Unabhängigkeit neuer Staaten in einem infolge des Krieges und Wirtschaftssanktionen geschwächten russischen Zentralstaat.

Zurück zur Strategie des kalten Kriegs

Im Syrienkrieg als Verbündeter und militärischer Helfer für die Assad-Diktatur begrenzte der Kreml ebenfalls die Macht der USA, des Hegemons auf der arabischen Halbinsel, und sicherte sich wieder Einfluss als Regionalmacht im Nahen Osten, was die USA auf eine Strategie des kalten Krieges einschwenken liess, komplett weg von Entspannungspolitik und Abrüstung. Zeichen dafür sind die Kündigung des ABM- und Inf-Vertrages, die NATO-Osterweiterungen sowie die Aufrüstung.

In der Ukraine, einem geostrategischen Schlüsselland, knallen jetzt die imperialen Blöcke militärisch aufeinander schon seit 2014. Für die russische Regierung und die Oligarchen ist die Krim und der Marinestützpunkt Sewastopol primär militärisch wichtig, deshalb wurde die Krim annektiert. Der Nationalismus und das Historiennarrativ Putins dienen dazu, dem russischen Zentralstaat und den Oligarchen die Macht über die in den Republiken vorhandenen Rohstoffe ideologisch zu sichern. Er führt die einfachen, sonst arbeitslosen Menschen aus dem Fernen Osten oder dem Kaukasus auf das Schlachtfeld in die Ukraine. Die Soldaten auf beiden Seiten der Front erhalten nichts von den Rohstoffen, sie bekommen ein kostenloses Grab.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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