Querfronten

Anti-Emanzipation Wie sich die Querdenken-Bewegung darstellt und welche Narrative sie bedient.
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„Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenn nur noch Deutsche“, Wilhelm II 1914 zu Parlamentarier um für Kriegskredite zu werben.

„Es gibt kein links oder rechts, es gibt nur noch mündige Bürger. Es geht hier um ganz Deutschland“, Sprecher einer Querdenken69-Demo 2020 zu Gegenprotestler*innen um für die Auflösung der Straßenblockade zu werben.

Die Parallelen der Rhetorik von Querdenkendemos und rechten sowie völkischen Narrativen zieht sich von Beginn an durch die Veranstaltungen und das Auftreten jeder Querdenken-Gruppe: Vergleiche mit Anne Frank und Sophie Scholl [1]; Slogans wie „Friede und Freiheit“, später mit Liebe und Gerechtigkeit ergänzt, die einer rechtsextremistischen Partei „Allianz für Friede und Freiheit“ auf Europaebene zuzuordnen sind [2]; Aneignen von Parolen wie „Deutschland erwache“ aus nationalsozialistischen Propagandaliedern oder „Gott mit uns“ mit denen die preußische Armee in den Ersten und die Wehrmacht in den Zweiten Weltkrieg gezogen sind; Struktureller Antisemitismus sowie Verharmlosung des Holocausts und Gleichsetzungen mit einer Impfpflicht; Rassistische und antifeministische Ressentiments; Queerfeindliches Aneignen der Pride Fahne als allgemeines Symbol für Nächstenliebe; Leugnung der NSU-Morde als linke Meinungsmache der Presse; Rhetorik von Ermächtigungsgesetzen im Infektionsschutzgesetz; Diffamierung von Antifaschismus als den wahren Faschismus; Selbstzuschreibungen von antifaschistischer Arbeit durch die Rolle des Sprachrohrs für NPDler*innen, die so wieder in den demokratischen Diskurs eingebunden werden; Paktieren mit der AfD; Auftreten von Kaiserreichsflaggen, Reichsbürger*innen, Neonazi-Hooligans [3] und Ordner*innen mit Tattoos rechter Symbolik auf Demonstrationen.

Die anti-emanzipatorische Agenda lehnt demokratisch-geschaffene Autoritäten ab, nur um sie im nächsten Atemzug mit neuen Autoritäten zu ersetzen. Die meisten Teilnehmer*innen sind sich dessen selbst nicht bewusst, während besagte Wortführer*innen eine klar erkennbare Strategie verfolgen. Unter der Prämisse demokratisch verfasst zu sein, schaffen diese eine Querfront aus Esoteriker*innen, Bürger*innen, Rechten und ja auch Linken, denen ihre Grundrechte wichtiger erscheinen als gesellschaftliche Emanzipation [4].

Auf öffentlichen Veranstaltungen äußert sich die Szene zunehmend militant. Presse und Journalist*innen werden zunehmend schwerer angegriffen und von Brand- und Sprengstoffanschlägen wird im öffentlichen Diskurs nur selten die Linie auf den inhärenten Extremismus der Szene gezogen [5][6].

Demonstrationen sind systematisch durchgeplant: Zu Beginn von Veranstaltungen wird einer Opferrolle eingenommen. Das Gruppengefühl wird durch diese Opferrolle gestärkt und in Form von Schweigeminuten für Betroffene von Polizeigewalt auf vergangenen Demonstrationen und dem anschließenden Singen der Nationalhymne gefestigt. Die anschließende Selbstzuschreibung einer avantgardistischen Rollen für die gesamte Gesellschaft im Widerstand werden überspitzt positiv geäußert. Das Gefühl eine Elite zu sein schwingt durchgehend mit. Selbstkritik wird konsequent ins lächerliche und absurde gezogen und überzeichnet. Auf dem Klimax dieser Rhetorik kippt der Ton und der Erfolg und das Scheitern der gesamten Bewegung wird aggressiv jedem einzelnen Individuum zugeschrieben. Die entstandene Spannung wird mit Tanzeinlagen wieder gelockert.

Betrachtet man sich das Gesprächsklima und die Themen in Chatgruppen und Kanälen von Querdenken, Eltern stehen auf oder Studenten stehen auf trifft man auf ein durchweg (passiv) aggressives Diskussionsverhalten. Die kleinsten Anzeichen von kritischer Selbstreflexion werden angegangen und Autor*innen werden persönlich bedrängt. Das Einordnen von Gewalterfahrungen durch die Polizei wird nicht solidarisch begegnet, sondern als Schwäche ausgelegt. Ebenso werden Debatten um Kritik von Gegenprotesten, oder allgemein von Außen, als abweichlerisch dargestellt und von Beginn an Mundtod gemacht. Offensichtlich Rechte diskutieren nicht mit, machen jedoch aktiv Stimmung gegen kritische Inhalte und Themen, sobald diese auftauchen.

Ursache vieler Merkmale der Querdenken-Bewegung ist ihr Politisierung und Mobilisierung, die auf einer rein egoistischen Motivation heraus geschehen ist und eben nicht aus einer historisch-gesellschaftlichen Notwendigkeit. Das allein ist noch kein Hinweis darauf, dass diese Szene auf lange Sicht gesehen in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wird und über die Corona-Pandemie hinaus nicht nennenswert wirken wird.

Ersteres wird darauf ankommen, wie Bund und Länder weiterhin der Pandemie begegnen werden. Wird dies solidarisch, sozial und nachhaltig getan, wird verhindert, dass allein Kapitalinteressen durchgedrückt werden und darüber hinaus der Querdenken-Szene ihr Fundament genommen. Die Ablehnung von Masken ist hier letztlich (nur) Ausdruck eines fehlenden Politikverständnisses. Eine solidarische Lösung wird jedoch ohne eine Umverteilung von oben nach unten nicht machbar sein. Die Pandemielasten dürfen nicht auf die unteren 90% abgewälzt werden - wie bisher. Kritik am Pandemiemanagement der Regierungen muss geäußert werden, aber muss diese konstruktiv und demokratisch geäußert werden. Leider besteht ein größeres Interessiere für populistische und propaganditische Kritik, sodass konstruktive Stimmen und Forderungen medial untergehen. Die Presse scheint ihre Fehler von 2015 und der AfD zu wiederholen.

Das Wirken von Querdenken als Organisation über die Pandemie hinaus ist eine offene Frage, wird aber hauptsächlich im Fortbestehen ihrer Narrative und ihrer Rhetorik sein. Die verschwörungsideologische Politisierung wird sich nachhaltig in denen halten, in denen sie einmal aufgegangen ist. Die Gefahr besteht in einer immensen Stärkung von rechten Gruppen und Strukturen, auch in urbanen Regionen. Wir sehen bereits wie sich die AfD der Corona-Leugner*innen-Szene anbiedert und wie sich Mitglieder und Sympathisant*innen aktiv in Querdenken einbringen. Diese Unterstützer*innen kommen zu einem hohen Grad aus der Banken- und Finanzbranche und haben damit enorme Ressourcen die Bewegung am Leben und ihre Themen präsent zu halten. #hinterdemfaschismusstehtdaskapital

Die Querdenken-Bewegung ist klar rechtsradikal bis rechtsextremistisch und gehört als solcher entgegengetreten; denn der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.


Referenzen:
[1] https://www.youtube.com/watch?v=gMuNRcBXe9c
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Allianz_f%C3%BCr_Frieden_und_Freiheit
[3] https://m.youtube.com/watch?feature=youtu.be&v=4OamwYXqVyc
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Querfront
[5] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-10/berlin-brandanschlag-explosion-staatschutz-ermittlung-corona-beschluesse-protest
[6] https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-10/berlin-rki-gebaeude-brandsaetze-polizei-ermittlung
[7] https://correctiv.org/faktencheck/hintergrund/2020/08/27/im-netz-der-corona-gegner/
[8] https://asvi.noblogs.org/recherche/

10:31 23.11.2020
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