Die Psychologie der Modefarbe Weiß

Sommer-Retrospektive Bevor der Sommer aufhört und die Fashionweek A/W 2014 anfängt, bleibt Zeit, um sich zurückzulehnen und die Trends des Sommers Revue passieren zu lassen.
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Gesehen in Neukölln (bzw. auf den Fashionblogs Neuköllns) diesen Sommer: Adiletten, Socken in Adiletten, Gelb, Babyblau, Rosa und vor allem – viel Weiß. Während die erstangeführten modischen Sichtungen psychologisch schnell abgehandelt sind, (-gemütlich, ironisch, sommerlich) ist vor allem der letzte Trend in der Sommerlookpalette ein psychologisch durchaus interessanter. Nicht nur weil das Tragen der Farbe oder präziser Nicht-Farbe Weiß bevorzugt einem Adel vorenthalten sein dürfte, der es sich erlauben kann, sich für den Aufenthalt in einer fleckenfreien Parallelwelt einzukleiden, sondern vor allem weil hier -wie üblich in der Mode- Sehnsüchte zu Tage treten, die durchaus auch politisch interpretiert werden dürfen.

Die umfängliche und genaue Recherche zur Bedeutung der Farbe Weiß kann hier erste Hinweise dafür leisten, wie der Text auf der höchst seriösen Homepage http://www.lichtkreis.at/ zeigt: „Physikalisch ist Weiß die Summe aller Farben. Weiß hat keinen negativen Zusammenhang, so ist sie die vollkommenste Farbe. Weiß symbolisiert: Licht, Glaube, das Ideale, das Gute, der Anfang, das Neue, Sauberkeit, Unschuld, Bescheidenheit, Wahrheit, die Neutralität, die Klugheit, die Wissenschaft, die Genauigkeit.“

Was also will der Träger eines komplett weißen Outfits uns sagen und was für eine politische Implikation enthält die Wahl seiner oder ihrer Kleidung unter Umständen? Ganz genau – gar keine. Wie von einer Teflon-Pfanne, prallt an der neutralen Farbe Weiß alles an möglicher politischer Einstellung von vorneherein ab; der Träger lässt sich stattdessen alle möglichen Meinung offen und warnt, in Unschuld gekleidet, vor Inhalten.

Nachdem die ironische Hipster-Mode, die von unmodischen Menschen fälschlicherweise immer noch als Subkultur statt als stinknormale Mode Erscheinung aufgefasst wird, in den 00er Jahren ihren großen Auftritt hatte, ist in den letzten Jahren vor allem eine Hinwendung zum Puren, zum Minimalistischen zu erkennen - exemplarisch am kometenhaften Erfolg des cleveren H&M Sublabels COS abzulesen. Dass der Komplettlook in Weiß jetzt einen solchen immensen Erfolg verzeichnet, markiert nun einen Klimax dieses Trends. Weiß, als Farbe der Unschuld und Neutralität, lässt sich dabei als Kontrapunkt zu T-Shirts aus den 70ern und 80ern verstehen, auf denen politische Botschaften noch unumwunden auf der Brust prangten. Der Weißträger – Träger von schwarzer Unterwäsche mal ausgeklammert – gewährt nämlich keinen Einblick in das, woran er glaubt.

Im Gegensatz zu den Existenzialisten, die gerne mit einer Vorliebe zu schwarzen Textilien in Verbdindung gebracht werden, behält sich der Weißträger kraft des Symbolismus seiner favorisierten Farbe Neutralität und damit alle Meinungen vor – er bekennt keine Farbe, ja, er bekennt sich nicht mal zu einer Farbe. Der Weißträger ist der Nichtwähler unter den Modischen; entgegen aller Grautöne vergangener Jahre, entscheidet er sich dazu einen Neuanfang zu wagen und erstmal an nichts zu glauben.

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14:31 02.07.2014
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Geschrieben von

Queca

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