Rasender Nathan

Performance Bridge Markland schafft eine ganz eigene Version von ‚Nathan dem Weisen‘

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Als Nathan das Dach über dem Kopf abbrennt und ein fahrender Ritter seine Tochter aus den Flammen rettet, ist die Rettung zwar schön aber auch ein Problem. Denn der fahrende Rittersmann ist ein Christ, Nathan ein Jude und zudem spielt sich das ganze im Reich eines moslemischen Herrschers ab, der sich von Nathan Geld leihen möchte. Der Clash der Religionen und Kulturen ist vorprogrammiert. Das schon im Jahre 1779 veröffentlichte Stück ‚Nathan der Weise‘ von Gotthold Ephraim Lessing hat die Berliner Künstlerin Bridge Markland nun in eine ganz moderne Form gefasst. ‚Classic in the box‘ nennt Markland das Format, in dem sie bereits Goethes Faust und Schillers Räuber präsentiert hat. Das Puppenspiel der expressiv agierenden Künstlerin findet dabei in und aus einem metergroßen Karton heraus statt. Darin verschwindet Markland immer wieder, um dann mit einer neuen Handpuppe aufzutauchen. Markenzeichen von Markland ist die radikale Handlungsbeschleunigung und Verjüngung der Klassiker. Die Neufassungen werden unterlegt mit einem rasanten Musikeinsatz der vor keiner Genre- und Stilgrenze halt macht. Für Nathan spielen unter anderem Die Ärzte, Depeche Mode, Herbert Grönemeyer, Black Sabbath und die Sex Pistols auf. Meist sind es nur wenige Sekunden lange Soundschnipsel, die eine dramatische Wendung unterstreichen oder einleiten. Aber der punktgenaue Soundeinsatz löst das Stück aus den letzten verstaubten Fesseln. Auch die Struktur der Erzählung unterzieht Markland einer Verdichtung und jagt den Zuschauer durch eine vielstimmige Hörversion, die vom Band gesprochen wird. Zu der vollziehen ihre eigens angefertigten Puppen ihre Auf- und Abgänge mit einem Höllentempo das schwindeln macht.

Dabei ist die Handlung des Stückes und sein Fokus hochaktuell. Nach allerlei Verwirrungen über die Herkunft des Ritters und der geretteten Tochter kulminiert die Handlung in der vom bankrotten Sultan Saladin zu fällenden Entscheidung. Er hat darüber zu befinden, ob letztlich ein harmonisches Miteinander der durch die Agierenden repräsentierten, unterschiedlichen Religionen möglich ist. Während der zwischenzeitlich befragte christliche Patriarch eher zur Hinrichtung der häretischen Jungfrau neigt, zeigt sich der moslemische Sultan auf Anraten Nathans weise und gütig, was schließlich zum Happy End führt.

Die etwas verzwickte Handlung erfährt durch das Puppenspiel von Markland nochmals eine deutliche Verdichtung. Aber die liebevoll von Eva Garland erstellten Puppen und das quicklebendig wuselnde Spiel Marklands ziehen den Betrachter unmittelbar in den Bann. Die Handpuppen werden munter, ebenso wie die eigentlich starre Mimik der aus Pappmaschee gefertigten Gesichter. Wenn der Ritter feststellt, bei der Rettung von Jungfrau Recha habe er eigentlich eher unwillentlich und so gehandelt, wie ein Ritter das nun mal macht, eben Jungfrauen retten wenn es brennt, fiebert der Zuschauer unmittelbar mit, ob die beiden trotz des anfänglichen Desinteresses des Ritters noch ein Paar werden. Markland, die virtuos mit den Handpuppen agiert, ist die ganze Zeit blaß geschminkt ebenfalls aus der Box hervor lugend sichtbar. Mit ihrer ausdrucksstarken Mimik dramatisiert sie die jeweiligen Handlungssequenzen um ein weiteres.

Gefördert ist das Stück mit den Mitteln aus dem Programm NEUSTART KULTUR des Fonds Darstellende Künste. Die Förderung hat Markland die Möglichkeit eröffnet, mit professionellen Tontechnikern und Sprechern zusammen zu arbeiten. Damit ist sie eine der wenigen Glücklichen, die durch die aktuelle Krisensituation und die damit verbundenen Schließungen der Kulturstätten nicht nur negativ betroffen sind. Viele sind um ihre Einkommenssituation gebracht und werden schlimmstenfalls noch mit Betrugsvorwürfen wegen Subventionsschwindel behelligt. Markland jedenfalls ist so ein ungeheuer farbiges und temporeiches Stück gelungen, dessen Appell an die friedfertige Koexistenz der Religionen und Völker auch heute noch hochaktuell ist.

Richard Rabensaat

Wieder am 3./4. Dezember 2021 und 13. /14. /15. Januar 2022, jeweils 20 Uhr, Brotfabrik Berlin, www.brotfabrik-berlin.de

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