Dr. Phono

Ausstellung Der Medienkünstler Clemens von Wedemeyer untersucht in Braunschweig die fragwürdigen psychiatrischen Experimente des Deutschen Spracharchivs
Radek Krolczyk | Ausgabe 39/2014
Dr. Phono
Raum- und Klangwerk: aus von Wedemeyers aktueller Installation
Foto: Fred Dott / © Clemens von Wedemeyer

Der Begriff Ausstellung legt nahe, dass Dinge an einem Ort versammelt worden sind, um sie anderen zu zeigen. Was aber, wenn es in einer Ausstellung so gut wie nichts zur Ansicht gibt? Erfahren kann man das zurzeit im Braunschweiger Kunstverein. Der Medienkünstler Clemens von Wedemeyer hat für das Haus, in dem das Deutsche Spracharchiv einmal ansässig war, ein Raum- und Klangwerk mit dem Titel Every Word You Say produziert.

Von Wedemeyer, der 1974 in Göttingen geboren wurde, ist in erster Linie Filmkünstler. Seit einigen Jahren schon zählt er zu den bekannteren deutschen Künstlern, 2012 stellte er auf der Documenta aus. Immer wieder interessiert ihn die Geschichte konkreter Orte. Dabei bedient er sich oft dokumentarischer Mittel, um das Fiktionale im Dokumentarischen herauszustellen. Für die Documenta befasste er sich mit dem ehemaligen Benediktinerkloster Breitenau in der Nähe von Kassel. Das Haus diente den Nazis als Arbeitslager, nach dem Krieg war es ein Mädchenerziehungsheim. Ulrike Meinhof behandelte die restriktiven Bedingungen, unter denen die Mädchen dort untergebracht waren, in ihrem Film Bambule (1970). Von Wedemeyers Filminstallation Muster thematisiert beides. Die Geschichten setzen sich voneinander ab, aber es werden auch Kontinuitäten sichtbar. Als drittes Szenario zeigt er eine Besichtigung des Klosters durch eine Schulklasse. Verschiedene Geschichtsschichten legen sich so über ein und denselben Ort.

Die eigenen Schritte

Auch im Kunstverein Braunschweig beschäftigt sich von Wedemeyer nun mit dem Vorleben des Gebäudes, in dem er ausstellt. Von 1940 bis 1942 residierte das Deutsche Spracharchiv in der frühklassizistischen Villa. Ein Institut, das sich der Erforschung vermeintlicher sprachlicher Anomalien verschrieben hatte. Anschließend siedelten die Nationalsozialisten den von ihnen neugegründeten Kunstverein in dem prunkvollen Bau an. Ursprünglich hatte das 1808 fertiggestellte Gebäude der Familie eines Getreidehändlers als Wohnhaus gedient. Erst Ende der 1920er Jahre war es in den Besitz der Stadt übergegangen.

Diese wechselhafte Geschichte nimmt von Wedemeyer auf. Indem er hier kaum etwas zeigt, rückt auch das Gebäude selbst in den Mittelpunkt – helle Zimmer mit Blick auf den Park, schmale Korridore und verschlossene Türen. In der Eingangshalle stößt man auf neoklassizistische Figuren. In antiker Manier stehen dort in Wandnischen eingefasst vier römische Göttinnen. Von Wedemeyer hat ihnen kreisrunde Spiegelmasken vor die Gesichter geschnallt. Zweisprachig halten sie abwechselnd die Einführung in die Ausstellung.

Den ansonsten leeren Räumen hat Clemens von Wedemeyer Stimmen und Geräusche beigefügt. Beim Gang durch die beiden Etagen hört man immer wieder das Klopfen an Türen, Klirren von Schlüsselbünden und Schritte auf Holzdielen. Es sind die eigenen Schritte, die zuerst aufgenommen und im Folgenden wieder abgespielt werden. Der Besucher wird so zunehmend in von Wedemeyers Erzählung hineingezogen. Auf einem leeren Tisch klappert eine Schreibmaschine. Aus den Zimmern tönen Stimmen. Man schaut aus dem Fenster in den Park hinter der Villa, sieht die alten Kastanien und hört einen Psychologen reden. Fast fühlt man sich selbst, als gehörte man zur Anstalt.

Immer wieder sind Aufnahmen des Deutschen Spracharchivs zu hören: Vergleiche etwa zwischen Dialekten und psychiatrischen Gesprächen. Der Gründer des Archivs, Eberhard Zwirner, war sowohl Sprachwissenschaftler als auch Nervenarzt. Clemens von Wedemeyer hat die Ausstellungsräume entsprechend in „Laboratorium“ und „Psychiatrie“ unterteilt – wobei die Übergänge fließend sind. Gemeinsam ist beiden Bereichen ein unverkennbarer Hang zur Normierung. Eberhard Zwirner selbst hatte 1939 erklärt, seine Abteilung habe die Aufgabe, „Schallplatten und Tonfilme von Gesprächen mit Geisteskranken und Sprachgeschädigten aufzunehmen, objektiv zu untersuchen und die Forschungsergebnisse auf die Ergebnisse der Hirnforschung zu beziehen, um so die Hirnfunktion genauer zu studieren“. Zwirners Wissenschaft, die Phonometrie, wirkt dabei selbst pathologisch – ihr Normierungsdrang geradezu aggressiv. Von Wedemeyer stellt Aufnahmen in Hochdeutsch und einem niederdeutschen Dialekt einander gegenüber. Es sind seltsame Sätze wie „Ich schlage dich gleich mit dem Holzlöffel, du Affe!“, die der Wissenschaftler seine Probanden sprechen lässt.

Und auch bei den Heilungsgesprächen zwischen Psychiater und Patientin wird das Gewaltverhältnis innerhalb der Behandlung deutlich. Der Arzt stellt sich über die Kranke. Er treibt sie mit seinen Fragen, die er ständig wiederholt, vor sich her: „Warum beschmieren Sie die Zelle?“ – „Was wollten Sie studieren?“ – „Warum machen Sie das?“ Irgendwann hört man, wie sie zu ihm sagt: „Wenn Sie nicht da wären, dann wäre ich normal.“

Um 17 Uhr kommt eine Aufpasserin und entlässt den Besucher-Patienten zwangsweise. Dann ist sonntags hier Schluss. Im Kunstverein wird es still.

Every Word You Say Clemens von Wedemeyer Kunstverein Braunschweig, bis 16. November

06:00 08.10.2014
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