U + E = Unsichtbar

Postpunk Knapp 30 Jahre nach ihrem Entstehen erscheint „Die unsichtbare LP“ von Die Tödliche Doris als Box-Set

Historische High-End-LP-Box-Sets sind albern. Erst recht, wenn sie von Punkbands kommen. Man merkt daran, wie konservativ gerade Punks sein können. Das gilt nicht nur für Gruppen wie Die Ärzte, deren Publikum ja ohnehin im Klassik-Rock-Segment schwimmt. Auch von Avantgardebands wie Throbbing Gristle gibt es Deluxe-Liveeditionen.

Wolfgang Müller – Künstler, Musiker und Autor, auch für diese Zeitung – hat einmal über die Veröffentlichungspolitik seiner Gruppe Die Tödliche Doris geschrieben: „Die Konzerte habe ich zwar auch alle auf Band, aber sie erscheinen sicher nicht als Edition in einer Box mit 15 LPs. Da würde mir Musik zu sehr zum Fetisch.“ Sämtliche Doris-Publikationen, die nach der Auflösung 1988 erschienen, seien Dokumente sehr spezieller, abgeschlossener Konzepte. Niemals seien es Best-of-Platten oder reine Konzertdokumentationen.

Und nun erscheint also ein Box-Set, das Die unsichtbare LP heißt. Die Tödliche Doris, das muss man vorab vielleicht wissen, arbeitete medienübergreifend in den Bereichen Musik, Performance, Video, Malerei, Objektkunst und Literatur. Wolfgang Müller hatte das Projekt 1980 in Westberlin mit Nikolaus Utermöhlen gegründet. Es entstand gleichermaßen im Umfeld der Punkbewegung wie auch der Westberliner Kunsthochschule.

Die unsichtbare LP war zunächst immateriell und wurde verwirklicht, indem zwei andere Alben der Gruppe – Sechs und Unser Debut – gleichzeitig auf zwei Anlagen abgespielt wurden. Text und Musik sind genau aufeinander abgestimmt und fügen sich zu einem neuen, eben unsichtbaren Album zusammen. Die beiden Platten nehmen in vielfacher Weise aufeinander Bezug: Ihre Stücke haben fast exakt dieselbe Länge, das Bandfoto auf der Vorderseite der einen LP wird auf der Rückseite der anderen wiederholt – nur haben dort Müller, Utermöhlen und das dritte Mitglied Käthe Kruse ihre Hemden getauscht.

Amiga war nicht interessiert

1986 erschienen beide Platten kurz nacheinander. Ursprünglich sollte die eine in der BRD, die andere in der DDR erscheinen. Allerdings war das sozialistische Staatslabel Amiga nicht interessiert. Die beiden Postpunk-Alben sind höchst unterschiedlich. Unser Debut enthält als Songs erkennbare Stücke und hat durchaus Popappeal, Sechs hingegen ist sperrig, es sind eher sprachliche und musikalische Experimente.

In seinem Buch Subkultur Westberlin (2014) schreibt Wolfgang Müller, die beiden Platten repräsentierten Unterhaltungsmusik und ernste Musik. Die Zusammenführung dieser Gegensätze erfolge in der Realisierung der Unsichtbaren LP. Und so ist auch der Wunsch zu verstehen, dass Die unsichtbare LP das Ergebnis von Ost- und Westveröffentlichungen sein sollte. Nicht eindeutig lesbare Werke gehörten ganz zentral zum Programm der Gruppe. Dies zeigte sich auch in der hybriden geschlechtlichen Identität. Den Körper der Doris bildeten zwei Männer und eine Frau.

Das mühselige, aber lohnende Unterfangen, beide Scheiben zeitgleich abzuspielen, war lange so gut wie unmöglich. Die alten Platten der Gruppe sind selten und teuer. Die Box enthält nun neben einem Nachdruck der Gebrauchsanweisung in Postergröße die beiden Alben in transparentem Vinyl und neutralen Hüllen. Kein Best of, sondern schlicht die Weiterführung eines vor fast 30 Jahren erdachten Konzepts.

Info

Die unsichtbare LP Die Tödliche Doris Major Label 2015

06:00 05.08.2015
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