"Damen sollen radfahren."

Feminismus Ist das Jubiläumsjahr "200 Jahre Fahrrad" ein Thema für das Frauenradfahren – oder umgekehrt?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Aufsatz "Sollen Damen radfahren?" beginnt im Jahrbuch der deutschen Radfahrer-Vereine 1897 mit folgenden Worten:

Sehr geehrte gnädige Frau!

In dem poetischen Winkel Ihres traulichen Salons, dieser herrlichen Plauderecke, in der ich mich gestern Abend weit über die übliche Besuchszeit hinaus — (doch ich fühlte mich vollkommen entschuldigt, denn im nebenliegenden Arbeitszimmer Ihres Gatten sassen drei weitere Besucher beim Abendskat und nur ein Nichtskatspieler weiss, was das zu bedeuten hat) — von Ihren immer eigenartigen und geistvollen Gedanken und Einwendungen fesseln liess, haben wir u. A. auch die neueste und merkwürdigste Erscheinung in unserem öffentlichen Leben behandelt, (...)

Das Schulportal Thüringen hat für diesen Text ein Arbeitsblatt mit Aufgabenstellungen für den Unterricht erstellt. In ein rundes Jubiläumsjahr passt das gut.

Eingebetteter Medieninhalt

200 Jahre Fahrrad

Im Jahr 2019 (+/-) wird jemand in einer Master-, Diplom-, oder Doktorabeit untersuchen dürfen, wie groß die Rolle Anzahl Bedeutung der Frauen im Rahmen des landesweiten Jubiläums "200 Jahre Fahrrad" war. Sie ahnen es? Dann gehört diese Forschungsfrage Ihnen.

"Die Radlerin" erschien in den 1890ern, dann "Radlerin und Radler" und "Draisena" – und wurden "1900 bzw. 1992 eingestellt". Es gab also - zumindest für ein paar Jahre - zahlendes Publikum, für das es sich lohnte Zeitung zu machen: die Bundesmitglieder der Radfahrerbünde und die werbende Wirtschaft. Möglicherweise aber auch: Radsportbegeisterte Verleger, die ihre Leidenschaft mit gewissem Sendungsbewusstsein für eine Weile "in den Markt drücken" konnten? Das Gute daran ist, (digitalisierte) Spuren des Frauenradfahrens gibt es längst.

Die Radfahrer-Vereine für Radfahrerinnen im Jahrbuch 1897 hatten beispielsweise diese Namen:

—. Velocia DamenRV. (...) Cl: Frankenbräu. Cla: Di. Gw. G: 1890. VO: Draisena. bZ: Damenfa.

—. V. d. Dreiradfahrer für Herren und Damen. Ehrenpr.: Comm.-Rath Reichardt, A.-Marienstr. 40. Vs: Klemich, Handelsschudir., A.-Schlossstr. 22. M: 60. G: 1886.

—. Münchener Damen RC. (...) M: 10. Cl: Schwanthaler Passage. Cla: Di Gw. G 1897.

Damen-RV Sport von 1894..

V „Berolina“ radfahrender Ehepaare 1896. (...) F: W. Beck, Greifswalderstr. 20. Damen-F: Frau Beck, Greifswalderstr. 20, Cl: Rosenthalerstr. 11/12. Cla: Fr 9 Uhr.

—. Damen-RC Germania.

Breslauer Damen-RV Felicitas.

Und es gab zuweilen klaren Altersbeschränkungen:

—. RV Friedenstein. (...) M: 20. G 1895. Cl: Zum Deutschen Hof. Als Mr können nur Herren üb. 25 Jahre. Damen von mindestens 17 Jahren aufgenommen werden.

Wer kochte das Abendessen?

Katrine Marçal fragt in ihrem Buch „Machonomics: Die Ökonomie und die Frauen“ wer für Mr. Smith das Abendessen kochte. Diese Frage ist hier relevant – auch für Radfahrer-Vereinsvorsitzende um 1897.

17:14 31.07.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Radfahrerwissen

Jens Bemme || Veloimker: Tourenbuch- und Fernwehforschung – alte und neue Gemeinschaften. - CC BY 3.0 de -
Radfahrerwissen

Kommentare