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Radelnde Narrative Erst war "200 Jahre Fahrrad", dann ging es nahtlos "nach 45" weiter: Wird die deutsche Fahrrad- und Radfahrergeschichte öffentlich unbewusst lückenhaft erzählt?
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Oberflächlich betrachtet ist war der Bund Deutscher Radfahrer Anfang und Ende der deutschen Radsportgeschichte.

Oberflächlich betrachtet war der Arbeiter-Radfahrerbund "Solidarität" Anfang und - umbenannt in Rad- und Kraftfahrerbund "Solidarität" - irgendwie auch (anhaltendes) Ende der Arbeiter-Radfahrer-Geschichte. Die historische Vielfalt der Radfahrervereinigungen spiegelte Wikipedia kaum wieder. Dem BDR kann man kaum einen Vorwurf machen, dass der historische Name "Deutscher Radfahrer Bund" in 'seinem' aktuellen Wikipedia-Artikel nicht auftaucht. Eine Leerstelle ist es trotzdem.

Der Vorwurf trifft auch nicht den ADFC, der mit diesen Geschichten direkt wenig zu tun hat. Auch nicht, wenn man das Argument pauschal gelten lassen wollte, dass die Radfahrer-Alltagsgeschichte in den Jahrzehnten zwischen 1850 und 1950 als Erfahrungsschatz und mit potentiell wirkmächtigen Narrativen aus historischen Quellen für die gesellschaftliche Lobbyarbeit möglicherweiserelevant sein könnte und unter Umständen heute noch immer systematisch unterschätzt wird.

These: Erst war '200 Jahre Fahrrad' und dann ging es nahtlos 'nach 45' weiter; wird deutsche Fahrrad- und Radfahrergeschichte öffentlich unbewusst nur lückenhaft erzählt? Gilt das nur für die Institutionen (Vereine und Verbände)? Wenn ja, warum? Unwissenheit? Desinteresse? Dominante Wahrnehmungsmuster (z.B. Auto, Technik, Marken)?

Radfahrer*innen-Vielfalt

Es gab so viel mehr: Radfahrervereine allerorten. Radfahrerverbände in Regionen, die etwas auf sich hielten. Und als Konkurrenzdachverband zum Deutschen Radfahrer-Bund, von dem sich die viele Radfahrer in Sachsen 1891 mit medialem Getöse (vgl. Deutscher Radfahrer-Bund vs. Stahlrad, 1890/91) getrennt hatten: die Allgemeine Radfahrer-Union / Deutscher Touren-Club (A.R.U.).

Es gab Streit allenthalben – um Grundsätzliches (Profis vs. Amateure) und sicher auch um Persönliches: "nationale" Alleinvertretungsansprüche in Verbindung mit widerstrebenden Unabhängigkeitsgelüsten, siehe Arbeiter-Radfahrer-Bund "Freiheit". Das waren Spannungen, die zwischen den Radfahrerverbänden bis in die Gegenwart nachwirken, so heißt es (BDR/SRB, DRB/RKB).

Es gab auch Kooperation (für Radwege, für einheitliche Verkehrsregeln, Sportfeste, Publikationen, ...). Und es gab Fabrikantenkartelle: z.B. wurde das Kartell Deutscher und Österreichischer Radfahrer-Verbände 1898 gegründet; jede Menge Akteure und Themen für Fans Politischer Ökonomie, für die Sport-, Wirtschaft- und Institutionengeschichte you name it.

Waren das alles Arenen von Radfahrern oder waren (ab wann?) auch Radfahrerinnen beteiligt?

Die Entwicklungen in den Niederlanden und in Deutschland vergleicht Anne-Karin Ebert in Radelnde Nationen (2010). Pflichtlektüre! (Google bietet schnellen Einblick.) Mehr davon bitte – im Idealfall mit Open Access, im Detail dann relevant auch für alle Suchmaschinen dieser Welt und neue Lexikonartikel.

17:27 07.08.2017
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Geschrieben von

Radfahrerwissen

Jens Bemme || Veloimker: Tourenbuch- und Fernwehforschung – alte und neue Gemeinschaften. - CC BY 3.0 de -
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