EuroVelo 1897+

Europa der Regionen Europa ist für Radfahrer ein attraktiver Flickenteppich. Was sonst? Das wird so bleiben. Für Fernwehforschung ist das spannend.
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Die North Sea Cycle Route EuroVelo12 führt 5.900 Kilometer um die Nordsee. Ob Schottland dabei bleibt - oder "jetzt erst recht" - werden wir erleben: warum auch nicht.

EuroVelo 1-12 wird es auch noch geben, wenn der Brexit in den Geschichtsbüchern steht und Edinburgh sich weiter von London emanzipiert. An den Routen 10 und 11 wird dann auch noch Polnisch gesprochen. Vielleicht ändert sich die Nummerierung, die Verbindungen verschwinden wahrscheinlich nicht.

Im Begleitwort der zweiten Auflage des Wanderbuchs des Deutschen Radfahrer-Bundes, Band IV., Ost-Deutschland schrieb Gregers Nissen 1925:

Die zweite Auflage von Ost-Deutschland umfasst das selbe Gebiet wie die I. Auflage, obgleich unserem Vaterland grosse Gebietsteile entrissen wurden und der Korridor uns von Ostpreussen trennt. Ich habe die Hauptstrassen durch die abgetrennten Teile aufgenommen, in der Hoffnung, dass es auch mal wieder anders kommen kann. …

Europa war vor 120 Jahren und danach für Radfahrer ein Flickenteppich: Uneinheitliche Radfahrbestimmungen, Grenzkarten, um ein Fahrrad auch ins Nachbarland mitnehmen zu dürfen, unerfreuliche Einfuhrzölle für englische Fahrräder ... Tourenbücher für Radfahrer wurden von regionalen Radfahrerbünden und ihren Autoren für die jeweilige Region herausgegeben. Die Wikisourceliste digitalisierter Tourenbücher folgt daher der "Gau-Eintheilung des Gebiets des Deutschen Radfahrer-Bundes" von 1892 – digitalisiert von der Biblioteka Narodowa. Die schöne Idee "Europa der Regionen" findet man in dieser digitalisierten Karte, in ihrer analog-digitalen Geschichte und in Verbindung mit regionalen Tourenbüchern wieder, wenn man will.

Bundesgeschäftstellen

Die regionalen Radfahrerbünde Europas sind unerforscht und weitestgehend in Vergessenheit geraten. Wenige existieren noch, z.B. der Sächsische Radfahrer-Bund von 1891. Streit mit dem Deutschen Radfahrer-Bund führte damals zur Abspaltung in Leipzig. Im selben Jahr wurde der Oberlausitzer Radfahrer-Bund gegründet, 1906 der Lausitzer Radfahrer-Bund. Das badische Oberland hatte einen, der 1920 nach kontroverser Anbahnung doch nicht mit dem Süddeutschen Radfahrer-Bund verschmolz. Mit dem Schwarzwälder Radfahrer-Verband und den "Süddeutschen Radfahrern" hatte das dort nach dem 1. Weltkrieg gut geklappt. Die Schweizer-Vereine wurden schon 1912 ausgeschlossen und der "Süddeutsch-Schweiz. Radfahrer-Verband" erhielt einen neuen Namen.

Es gab noch viele weitere regionale Bünde (Vogtland, Hessen und Nassau), Verbände und Lobbygruppen – und gute Gründe abseits der großen überregionalen - teils konkurrierenden, teils kooperierenden - Radfahrerorganisationen eigene Interessen, Identitäten und Animositäten zu pflegen. Und dann gab es noch die Arbeiter-Radfahrer der "Solidarität"... Vor diesem Hintergrund bekam der Begriff "Bundesgeschäftsstelle" für mich einen neuen Klang, der mit der Bundes-"BRD" erstmal wenig zu tun hat.

Die alten regionalen Radfahrerbünde hierzulande - und ggf. im nächsten und übernächsten Nachbarland - sind heute zur Adoption freigegeben: Forschung zu ihrer Geschichte ist überaus wünschenswert. Wikipedia hilft dabei, sie wieder sichtbar zu machen.

EuroVelo 2017

Die damaligen Orte und die Wege dazwischen sind weitgehend noch dort wo sie waren – und damit die Touren und Routen der alten Radfahrerinnen und Radfahrer vor circa hundert Jahren.

Gab es um 1900 einen schottischen Radfahrer-Bund? – Für Schottlandfans ist das womöglich ein schöner Gedanke.

08:42 01.08.2017
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Radfahrerwissen

Jens Bemme || Veloimker: Tourenbuch- und Fernwehforschung – alte und neue Gemeinschaften. - CC BY 3.0 de -
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