Proletarisches Beruferaten

Empirie & Citizen Science Wer zählt und ordnet die im Jahrbuch der deutschen Radfahrer-Vereine erwähnten Berufe – z.B. nach Arbeiterklasse, Bürgertum und "Andere"?
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Georg Pauli war Lehrer in Demitz-Thumitz in der Oberlausitz. Gregers Nissen war Lehrer in Altona. Edmund Kammel: Apotheker in Weilheim. Theophil Weber: Verleger in Leipzig. Und auch die anderen bürgerlichen Geister des Radfahrsports hatten 1897 eher bürgerliche Jobs, Berufe, Hobbies und Tätigkeiten. Radfahren begann vor 150+ Jahren im männlichen Bürgertum. Erst später fuhren auch Frauen und Fahrräder wurden billiger und erschwinglich für die Arbeiterklasse.

Die Beschäftigung mit altem Radfahrerwissen lebt für mich vor allem auch von diesen "Typen": Persönlichkeiten, die damals das Land landauf landab erkundeten. Europa, die Nachbarländer, Gegenden zwischen den Staaten, Ortschaften der nahen und fernen Umgebung – selbständig und auf zwei Rädern, "mit dem Notizstift in der Hand" (Kammel über Kammel?, R. Haslinger, S. 105) Verfasser von umfang- und detailreichen Tourenbüchern.

Wer waren diese prägenden Typen in den Arbeiter-Radfahrer-Bünden und -vereinen?

Leerstelle: Arbeiterberufe 1897

Nur in wenigen der (Arb.-B.)-Einträge im Jahrbuch der Radfahrer-Vereine sind 1897 die Berufe der Vorstandsmitglieder benannt, z.B.:

Ludwigshafen

—. RV Vorwärts (Arb.-B). 1. Vs: Heinr. Morhard, Schreiner, Bleichstr. 12. 2: Jean Galster, Mündenheimerlandstr. Chr. Weller, Former, Maxstr. 6.

Lichtenau

b. Ansbach Arb.-RB (Arb.-B). Vs: K. Reissenleiter, Werkführer.

In Eckenheim beim RV „Blitz“ war "K: Jean Hof, Cartonnagen-Arb." aktiv: ein Cartonnagen-Arbeiter? In Mannheim: ein "K: Ph. Knieriem, Vorarbeiter,". Im Halberstädter Arb. RV Vorwärts (Arb.-B) arbeitete der Vorsitzende K Berg [in der] Gutenbergbuchdruckerei.

Apolda bietet eine parlamentarische Besonderheit:

—. Arb. RV (Arb.B) Vs: A. Baudert, Landtagsabgeordn.

Ob A. Baudert "echt proletarisch" war, lässt sich vermutlich mit historischen Landtagsprotokollen überprüfen.

Warum sind die Berufsbezeichnungen der Arbeiter-Radfahrer 1897 im Radfahrer-Jahrbuch so selten? Fehlendes Prestige? Vermeintlich geringer Networking-Nutzen für ein Adressbuch, das vornehmlich die Bürgerlichen bezogen?

Ein vollständiger empirischer Vergleich all dieser Vereinsangaben steht noch aus.

Wer hat Interesse an einer solchen Auswertung?

20:10 06.08.2017
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Jens Bemme || Veloimker: Tourenbuch- und Fernwehforschung – alte und neue Gemeinschaften. - CC BY 3.0 de -
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