Quadratmeilen sammeln für Radfahrer

Kartenkunde Welchen Wert haben die alten Radfahrerkarten heute? Aus dem Puzzle könnte eine digitale Landkarte Europas werden.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

If it feels like we’re in the middle of a bike boom, it’s nothing compared to the 1890s.

Das schrieb der britische Journalist Jack Thurston in "More Than just a map" für den Blog eines englischen Sattelherrstellers. Die 1890er waren offenbar aufregende Zeiten für Radfahrer und Radfahrerinnen: voller neuer Bücher, Karten, Zeitungen, mit neuen Reisezielen, neuen Produkten und neuen Gewohnheiten.

Wer kennt zum Beispiel Kiesslings Radfahrer-Karten?

Eingebetteter Medieninhalt

Einige seiner Karten sind in Bibliothekskatalogen zu finden, oder digitalisiert auf Wikisource: 300 Quadratmeilen um Berlin und der Neue Radfahrer-Plan von Berlin mit Vororten (1904). Auch ein unveröffentlichtes Foto von "300 Quadratmeilen um Stettin" gibt es.

Eingebetteter Medieninhalt

Hat Alexius Kiessling auch andere Städte für Radfahrer kartiert?

Julius Straube zeichnete Radfahrerkarten. 1889: die Karte der Umgegend von Berlin (ein Gebiet von ca 85 Quadrat-Meilen umfassend). 1910: 1200 Quadrat-Meilen um Berlin : offizielle Karte des Deutschen Radfahrer-Bundes (Gau 20) Berlin. 1899: Provinz Brandenburg : 500 Quadrat-Meilen um Berlin ; mittlerer Teil. Schuf Straube auch Radfahrerkarten für andere Gegenden?

Man darf sich auch den königl.-sächsischen Generalstabs-Topographen Robert Mittelbach in Kötzschenbroda als Radfahrer vorstellen: Mittelbach war Verleger und 1897 Beisitzer im Hauptbezirk Dresden des Gau 21 (Sachsen) des Deutschen Radfahrer-Bunds. Mittelbachs Radfahrerkarten düften 1897 Maßstab gewesen sein.

Möglich wäre aber auch: Zum Geschäft eines tüchtigen Radfahrerkarten- oder Tourenbuchverlegers gehörten in den 1890ern selbstverständlich eine Mitgliedschaft und ein Amt in einem Radfahrerbund – womöglich fuhren sie auch Fahrrad. Schließlich wurden die Entwicklungskosten der Radfahrerkarten in den 90ern von den Radfahrerbünden subventioniert. Diese Material war gut ausgearbeitet. Noch eine Frage: Warum sollten Arbeiter-Radfahrer damals eigene Kartenwerke herausgegeben haben?

Radfahrerkarten heute

Welchen Wert haben diese alten Kartenwerke heute? Strecken aus Tourenbüchern lassen sich nun leicht mit jedem beliebigen Mappingtool online nachzeichnen. Vielleicht verknüpft man einen solchen GPS-Track mit zusätzlichen historischen (oder modernen) Inhalten oder Quellen: alte Ansichten, historische Adressbücher und Anzeigen. Technisch dürfte das leicht gehen, ... man müsste mal.

Cycling cities

Ergänzend zu dem Buch und Projekt Cycling Cities: The European Experience Hundred Years of Policy and Practice ließe sich eine digitale Gesamtkarte Europas aus historischen Radfahrerplänen und -karten verknüpfen: Paris, Ost-Frankreich, München, Berlin, Dresden (1930, 1935), Halle-Leipzig, Belgien, Jurjewschen Kreise, alle Gaue des DRB (heute in Warschau): z.B. Gau 23a - Glogau und Gau 23 - Görlitz, und weitere: z.B. in dieser Linksammlung.

16:38 13.08.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Radfahrerwissen

Jens Bemme || Veloimker: Tourenbuch- und Fernwehforschung – alte und neue Gemeinschaften. - CC BY 3.0 de -
Radfahrerwissen

Kommentare