Meine heutige Panikattacke

Psychedelische Kolumne Wir müssen uns darüber im Klaren werden, dass Cannabis unser Freund ist. Aber übertreibt es nicht, sonst löst ihr euch auf! Oder wollt ihr das? Nun, dann nur zu!
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es gibt Menschen die teilen ihr Cannabis gern mit anderen und Menschen die das nicht gern tun. Die erstgenannten tun es aus echter Menschenliebe: "Ich freue mich, dir eine tiefe, luzide Entspannung anbieten zu können, ein Urlaub von Bedeutung, ein Überempfindlichkeitsanfall, eine traurig schlendernde Fröhlichkeit." Wo bin ich hier reingeraten? Mein Leben ist eine Garage, die Cannabis mir erhellt und polstert, irgendein Tier in mir ist dabei, auszurasten, sich zu Tode zu quiecken in den Pranken der Ziellosigkeit, ich brülle fraktale Metaphern in die karge Zimmerecke, während Spotify meine Lautsprecher in Flugzeugturbinen verwandelt, die einen Gummi-Blues blasen, die den Tag unter beunruhigenden Schwingungen die Treppe herunterschubsen. Ich stehe im Türrahmen und winke mechanisch nach, wie das Roboter-Duplikat unserer Bundeskanzlerin, die traurig und ohne jede Kraft in ihrer dritten Periode steckt und bald nicht mehr weiß, wie sie ihre gute Laune weiter simulieren kann. Niemand kann sie ersetzen. Roger Willemsen sagte, sie chlorophormiert das Land. Ich habe eine Mutter die so alt ist wie Angela und auch sie ist in der DDR sozialisiert worden, ich spüre die Kälte und Phantasielosigkeit meiner Mutter in Angela. Die Metalität meiner Mutter hat es zur mächtigsten Frau der Welt gebracht; deswegen fühle ich mich auch in so besonderem Maße verantwortlich für Europa. Als ich das eben bemerkt habe, musste ich beschließen, einen Brief an meine Mutter zu schreiben, der mich von meinem Elternhaus ein für allemal trennt, so als würde ich meine Familie auf legale Weise töten.

Ich bin von irgendetwas tierisch aufgeladen, hinter meiner Verwirrung und kanzlerischen Versteifung liegt die unendliche Tropenlandschaft meiner Liebe, das was wirklich Sinn macht ist Liebe, nicht als Performance oder Sex-Institution, sondern als echte Verbindung, wortlose Versunkenheit. Aus der Bahn gerissen von bestimmten Lippen und Nackenhärchen. Ich werde unglaubwürdig, wenn ich mich in einem bestimmten Stil verfange. Vielleicht bin ich zu dumm um zu erkennen wie unglücklich ich bin? Verdammt, ich fühl mich so überwältigt von diesen Lippen, etwas in mir schämt sich, das so zu sagen, bin ich vielleicht nur ein Klischee der Liebe? Kann ich meinem Instinkt trauen, wenn ich mich nicht wirklich verstehe? Wird man sich für mich interessieren, wenn niemand mich versteht? Ende ich hässlich schielend in einer leeren Gasse am verkümmerten Rand der Stadt unter einem heulenden, orangen Sonnenuntergang mit Sun Ras "Springtime Again" im Ohr, diese volle, brünstige Entspannung.

Plötzlich widern mich meine Gedanken an und ich möchte in ein blaues Blumenbeet fallen und weiche Blitze vor meinen Augen haben und einschlafen. Oh, ich hab keine Ahnung, was irgendjemand wirklich von mir hält und ich höre Verleger, die sagen, dass sich kein Schwein für derartige Versager wie mich interessiert und ich muss wirklich lachen deswegen, ich finde es großartig, dass ich mich erkannt habe. Ich spanne einen bunten Regenschirm auf und laufe durch den frischen Nieselregen in Erfurt Nord, abgesehen von den Autos und den meisten Häuserfassaden ist Erfurt im nächtlichen Nieselregen durchaus charmant und ich lebe lang genug hier, um diese Stadt meine Heimat nennen zu können. Heimat ist ein seltsames Wort geworden, nicht nur in Hinblick auf den im nächsten Jahr anstehenden, dramatischen Rechtsruck im Parlament, sondern auch in Hinblick auf die vielen Millionen Menschen, die sich in den nächsten Jahrzehnten auf den Weg zu uns machen müssen, weil sie sonst keine Chance haben zu überleben. Der Klimawandel schreitet voran, die führenden Köpfe werden psychotischer, die einfachen Leute haben in den Erz-Nationalen eine Alternative gefunden, eine viel schlechtere, aber immerhin etwas dramatisch Anderes als die Mittelmäßigkeit und Feigheit und Phantasielosigkeit der beiden großen Volksparteien. Der rechte Rand hat Feuer und Hoffnung zu bieten, macht Mut, mutig zu sein und die eigene Erbärmlichkeit und Lieblosigkeit in Hass gegen bestimmte Menschen zu verwandeln. Mein Stiefvater hat die Demütigungen, die er auf Arbeit erfahren hat - er ist ein sehr schwacher, devoter, feiger Fettsack -, auf seine Familie umgeleitet. Die Rechtskonservativen wollen die Familie stärken und lenken den Frust dummer, herzloser Väter gegen Asylsuchende, Vertriebene und Sozialschmarotzer.

Es war so ein massiver Fehler von der SPD, Merkel 2005 zur Kanzlerschaft zu verhelfen. Sie hätten mit der Linken ein Rot-Rot-Grün-Experiment wagen sollen, sie hätten wirklich etwas verändern können zum deutlich Positiven für die ganze Bevölkerung. Sie hätten den Grundstein für ein neues, fröhliches, weltoffenes, gemütliches, demokratisches Europa legen können. Stattdessen der selbe langweilige Mist wie unter Schröder und Kohl und Schmidt. Ich habe keinerlei Verehrung für sie übrig, Willy Brandt ist mir von den politischen Lichtbildern der letzten 100 Jahre vielleicht noch am sympathischsten, aber auch er ist wohl nicht mehr zeitgemäß, die Leute brauchen jetzt einen kalten Führer, der ihnen die gierigen, bösen Ausländer vom Hals hält, weil es ja nichts wichtigeres gibt. Die Leute werden bösartig wie mein Stiefvater, sie haben Verachtung übrig für Leute, die hier statt anderswo glücklich sein wollen, sie fühlen sich einfach benachteiligt, wie sie früher benachteiligt worden sind. Mein Stiefvater ist ein cholerischer, liebloser Besserwisser, er hat meine liebe Mutter ruiniert. Angela Merkel hat irgendwie ihre Würde bewahrt.

Oh Mann, mir ist Angela Merkel sympathischer als meine Mutter! Was sagt das über meine Erziehung aus? Und was sagt das widerum über meine Chancen aus, ein ernstzunehmender Schriftsteller und Journalist zu werden? Manchmal ist man drin, manchmal ist man draußen, ich halte überall meine Nase rein und hab die Geduld einer Viper. Konfetti! Konfetti! Posaunen und Konfetti!

Die Frage, mit welchen Facebook-Freunden ich diesen Text teilen will, wichtiger noch, mit welchen nicht, ist grad dramatischer als ich mir eingestehen will, denn mein Faible für Woody Allen und Noise-Musik und psychedelische Drogen kommt mir wie ein Klischee vor, aber sobald ich keine Angst mehr vor diesem Klischee hab, beginne ich es zu verstehen, denn wie du mal gesagt hast: wer Angst vor Klischees hat, hat sie bloß nicht verstanden. Mein lyrisches Ich gleitet aus dem Körper und kracht gegen die Straßenbahn, während ich wieder zu mir komme.

Vielleicht setzt sich in der Freitags-Community jemand damit auseinander. Immer muss ich mir Leser angeln. Vielleicht muss ich dort fischen, wo die Menschen die meisten Hoffnungen haben, dass sich etwas zum Positiven entwickelt. Oder kann man auch als Linker zynisch sein? Ich schüttel gern jedem, der meinen Text mag, persönlich die Hand, bei grundlegender Sympathie biete ich meine volle Freundschaft an, ich habe gern viele Freunde. Alles was ich sage ist mir ernst. Ingwertee ist besser als Erfurt! Alles ist ein Klischee. Das Amt der Bundeskanzlerin, das Amt des Bäckers, das Amt des Bettlers. Alle folgen ihren Programmierungen. So auch ich. Was für ein trauriges Ende.

02:40 05.12.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rael

Der Künstler begeht nie einen Mord, er ist feige und schlaff. er kriegt noch nicht mal mit, dass Frühling ist. - Alina Vituchnovskaja
Schreiber 0 Leser 2
Rael

Kommentare 5