Einmal Außenseiter, immer Außenseiter

Literatur Eine Bilanz zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski: Was ist von ihm geblieben, 26 Jahre nach seinem Tod? Wie gestaltet sich sein Nachruhm?
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Einmal Außenseiter, immer Außenseiter

Foto: Thierry Ehrmann/Flickr (CC BY 2.0)

Für die Verlagswelt und das Feuilleton sind Jubiläen von Autoren dankbare Ereignisse, seien es Geburtstage oder sich jährende Todestage. Charles Bukowski macht da keine Ausnahme. Zu seinem 100. Geburtstag am 16. August 2020 kann sich die Fangemeinde hierzulande über einige neue Bücher freuen: Zweitausendeins veröffentlicht eine unkonventionelle Bukowski-Enzyklopädie von Frank Schäfer, Kiepenheuer und Witsch eine Anthologie mit Texten über Katzen, der Maro-Verlag eine erweiterte Fassung der Biografie von Neeli Cherkowski. Im Hirmer-Verlag erscheint ein Fotoband eines Shootings von 1985. In der „Edition Lükk Nösens“ ist in der Heft-Reihe „Drecksack“ eine Bukowski-Sonderausgabe erhältlich und literaturkritik.de würdigt den Autor mit einer Themenausgabe zum runden Geburtstag. Die Süddeutsche Zeitung und die Augsburger Allgemeine haben entsprechende Beiträge gebracht, weitere Laudationen in den einschlägigen Feuilletons werden sicher folgen.

Stetig neue Bücher

Schaut man sich die Veröffentlichungen der letzten Jahre nicht nur hierzulande an, sondern auch in der Heimat des Dichters Amerika, so fällt die Konstanz auf: Es werden bis heute regelmäßig neue Bücher publiziert, vorwiegend Sammlungen von Short Stories und Gedichten, die entweder aus dem Nachlass stammen - Bukowski starb 1994 - oder in ursprünglichen, unbekannten Fassungen neu herausgegeben werden. Man könnte also aufgrund des steten Lesestoff-Nachschubs von der ungebrochenen Popularität Bukowskis ausgehen. Und dennoch bekennt der Bukowski-Freund und Inhaber des Augsburger Maro-Verlags Benno Käsmayr, der dem Skandal-Autor in den 1970er-Jahren in Deutschland zu ungeahnter Popularität verhalf, Bukowski laufe nicht mehr so gut. Das verwundert kaum, denn die Zielgruppe für die Bukowski-Publikationen dürften vorwiegend die männlichen Vertreter der Generation Ü50 sein, die in den Siebzigern und Achtzigern irgendwo zwischen 15 und 25 Jahren waren, den unvermeidlichen Generationenkonflikt ausfochten und üble Mädels-Hemmungen hatten (was zugleich sagt, dass Mädels Bukowski eher nicht lasen) - und dieser Zeit heute noch ein wenig nachtrauern. Das seinerzeit radikal andere, das nach bürgerlichen Maßstäben Schockierende der Sex-, Gossen- und Verlierergeschichten dürfte die heutige Generation im Sinne eines Sounds der Jugend kaltlassen. Im Zeitalter frei verfügbarer Internet-Pornografie, roher Ballerspiele, hemmungsloser Beschimpfungen in Sozialen Medien und stetiger öffentlicher Tabubrüche wirken die Bukowski-Stories wie die anachronistischen, bemühten Fantasien eines verschrobenen Alten. So wundert es nicht, wenn gerade Großverlage es sich zweimal überlegen, ob sie ein Bukowski-Buch veröffentlichen: Die Gedichtsammlung „Dante Baby“ wurde, so wird kolportiert, vom S. Fischer-Verlag abgelehnt, Maro als Kleinverlag griff dann zu. Bukowski ist kein Selbstläufer mehr.

Gelungenes und Missglücktes

Für einen Schriftsteller, der erst mit über 50 Jahren professionell zum Schreiben kam, ist das Werk Bukowskis durchaus als monumental zu bezeichnen: Sechs Romane, mehr als 5.000 Gedichte und etliche hundert Kurzgeschichten, zunächst in obskuren Literaturzeitschriften der 1970er-Jahre erschienen, später dann in unterschiedlichsten Zusammenstellungen immer wieder neu veröffentlich, und ebenso viele Briefe. Schreiben war für den seit seiner frühesten Jugend ausgegrenzten Eigenbrötler existenziell.

Bukowskis Werk wird nach wie vor gegensätzlich rezipiert. Eine Extremposition markiert beispielsweise der Artikel von Felix Stephan „Er war der Dschungelkönig der Achtziger“, 2017 in der „Welt“ erschienen, der in dem polemischen Satz kulminiert, dass „in seinem [Bukowskis] Werk kein einziger interessanter Satz“ steht. Mag diese effekthascherische Aussage als persönliche Einschätzung ja noch durchgehen, unterschlägt Stephan doch einige anerkannten Qualitäten des Bukowski´schen Werks: die enorm präzisen, lebensnahen Dialoge; die reduzierte, treffende Sprache; der scharfe Blick auf das Lebensmilieu der Gosse. Dennoch steckt in ihr etwas durchaus Zutreffendes: Bukowski war Vielschreiber, war Spontanpoet und übertrieb es nicht selten mit dem Alkohol. So schrieb er durchaus manches zusammen, was als misslungen gilt. Gleichzeitig lassen sich seinem Werk viele Perlen finden. Man vergleiche etwa frühe, unbeholfene Short Stories der Marke „Die Welt retten“ mit dem makaber-schockierenden Text „Ein Mann“, bei dem jedes Wort die Auslotung menschlicher Abgründe trägt. In seinen guten Momenten, und davon gibt es einige, war Bukowski der Meister des passgenauen Formulierens.

Ebenso war Bukowski Meister der Beobachtung und des intuitiven emotionalen Erfassens. Seinem Roman „Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“, der allgemein als Spiegel der Depressionsjahre Amerikas und aufschlussreiches Zeitgemälde seiner kleinbürgerlichen Kultur gilt, stehen zahlreiche, ausdrucksstarke Gedichte der Marke „The Laughing Heart“ oder „Bluebird“ an der Seite. Ohnehin entdeckt man in der letzten Zeit die Qualitäten der späten Lyrik Bukowskis, was nicht zuletzt an den zahlreichen Nachlass-Veröffentlichungen liegt. Im Alterswerk Bukowskis treten die imageprägenden Einfälle mit sexuellem Einschlag und die gezielten Provokationen zurück und werden durch präzise, kluge Alltagsbeobachtungen und tiefsinnige Reflektionen ersetzt. Fast möchte man meinen, Bukowski sei im Alter arriviert und geläutert, dabei waren lediglich die Geldsorgen und das tramphafte Leben gewichen.

Erinnern an Bukowski

Welche Institutionen, außer den Verlagen, kümmern sich noch um das Fortleben von Bukowski in der öffentlichen Wahrnehmung? Es gib einige eher schlecht gepflegte Facebook-Seiten zum Autor, eine scheint ein Ableger der nicht mehr existierenden Seite charlesbukowski.com zu sein. Eine zentrale Informationsseite im Web dagegen ist bukowksi.net, ebenfalls mit paralleler Facebook-Seite. bukowski.net wird offensichtlich von ein paar Bukowski-Freaks betrieben. Hier werden regelmäßig Texte, unbekannte Briefe, Fotos usw. publiziert. Manche Bukowski-Jünger fördern durch eindrucksvolle Recherchen, im Forumsbereich heiß diskutiert, bislang Unbekanntes zu Tage, etwa zu Bukowskis langjähriger und früh an Alkoholismus verstorbener Geliebter Jane Cooney Baker.

In Deutschland kümmert sich die Charles Bukowski-Gesellschaft um das Andenken an Leben und Werk des in Deutschland geborenen amerikanischen Autors. Auch wenn der Außenauftritt ein wenig improvisiert wirkt und die Aktivitäten offensichtlich von einem überschaubaren Kreis von Bukowski-Fans ausgehen - allen voran der rührige Vorsitzende Roni -, schafft es die Gesellschaft immerhin, regelmäßige Treffen mit hochkarätiger Besetzung zu veranstalten und Jahrbücher herauszugeben, die wiederum der Maro-Verlag veröffentlicht. Allerdings würde die Gesellschaft in Sachen Außenwirkung und Reichweite davon profitieren, wenn sie an eine Institution, zum Beispiel an eine Universität, gekoppelt wäre, wie dies bei anderen großen literarischen Vereinigungen der Fall ist. Immerhin ist die deutsche Charles Bukowski-Gesellschaft international die einzige ihrer Art. Dass es in Amerika keine der „Hemingway Society“ ähnliche Vereinigung zu Bukowski gibt, spricht dafür, dass es an einer schlagkräftigen, öffentlichkeitswirksamen Initiative fehlt, was auch mit der reservierten Haltung der letzten Ehefrau und Nachlass-Erbin Linda Lee Bukowski zu tun hat. Den Nachlass selbst übergab sie 2006 der renommierten Huntington Library.

Aktivitäten Einzelner sind auch die vielen Youtube-Sequenzen zu verdanken, die in den letzten Jahren verfügbar gemacht wurden: Bukowski als Interview-Partner, als Hausmann in seinem Domizil in San Pedro, als Vortragender bei Lesungen. Einerseits wirkt Bukowski in den Filmen abgeklärt, ruhig und reflektiert, wenn er mit sonorer Stimme und geschlossenen Augen vor sich hinsinniert, wie jemand, der alles im Leben durchgemacht hat, den nichts mehr erschüttern kann. Andererseits wird das bekannte, die Rezeption steuernde Bukowski-Bild zementiert: Er bittet ein Interview-Team höflich, aber unmissverständlich, endlich zu verschwinden; auf die Fragen, woher er seine Inspiration bezieht, tippt er vielsagend auf seine Bierflasche; die französische Kultursendung „Apostrophes“ verlässt er 1978 volltrunken und vorzeitig. Der Eklat hat seiner Popularität keineswegs geschadet, aber eben auch das Image des leichtfüßigen Trunkenboldes gefestigt.

Improvisation und verdienstvolle, aber ungebündelte Aktivitäten Einzelner scheinen das postume Bukowski-Bild zu prägen. Das ist besser als nichts, deutet jedoch auch darauf hin, dass Bukowski in seinem Außenseiterstatus fortlebt und nach wie vor nur schwer aus dem Underground auf den Olymp anerkannter Dichter zu heben ist.

Die Forschung gibt sich reserviert

Gerade für die literaturwissenschaftliche Forschung ist Bukowski immer noch ein zweischneidiges Schwert. Verglichen mit einem Thomas Pynchon beispielsweise ist der Output an Forschungsliteratur zu Bukowski relativ klein, vor allem angesichts des Werkumfangs und des kontroversen Bildes, das zum wissenschaftlichen Diskurs einladen müsste. Neuerdings widmet sich vor allem Abel Debritto, ein amerikanischer Literaturwissenschaftler, dem Werk Bukowskis. Er hat 2013 das mittlerweile als Standardwerk geltende Buch „King of the Underground. From Obscurity to Literary Icon“ veröffentlicht, gilt als detailversessener Rechercheur und kümmert sich um die Herausgabe neuer Gedicht- und Kurzgeschichtensammlungen. Zudem scheint er einen guten Draht zu Bukowskis letzter Ehefrau zu haben, ohne deren Einverständnis neuerliche Veröffentlichungen von Bukowski-Texten nicht möglich wären. Dennoch entspringen die wissenschaftlichen Aktivitäten individuellen Bestrebungen, es fehlt ein übergreifendes Forschungsprojekt oder eine Stiftung, die gezielt das Bild Bukowskis, das bis heute auf Stereotype beschränkt ist - Bukowski der Säufer, der Sexbesessene, der Abartige, der Loser -, erweitern und vermehrt auf die vorhandenen Qualitätsaspekte seines Werks hinweisen könnte.

Noch nicht im Olymp

Es ist keineswegs so, dass Bukowski seinen festen Platz in der Literaturgeschichtsschreibung gefunden hätte. In den einschlägigen Wikipedia-Artikeln zu „Amerikanische Literatur“ bzw. „American literature“ wird Bukowski nur jeweils in einem Nebensatz erwähnt. Durchkämmt man die zahlreichen im Internet verfügbaren Listen der wichtigsten amerikanischen Romane oder Short Stories des 20. Jahrhunderts, wird man Bukowski dort vergeblich suchen. Ebenso liefert die Suche in der Online-Ausgabe der Encyclopedia Britannica im Eintrag „American Literature“ und dort unter „The 20th Century“ zu Bukowski: nichts. Auch wenn man eine gesunde Skepsis gegenüber mancher Internetquelle walten lassen mag, in der Gesamtschau ergibt sich ein eindeutiges Bild: Bukowski wird von seinen Fans zu einem der wichtigsten amerikanischen Autoren hochgejubelt, in der allgemeinen Wahrnehmung jedoch rangiert er unter ferner liefen. In dieser Wahrnehmung erreicht Bukowski keineswegs den Status der anerkannten Größen der amerikanischen Literatur, etwa den Status eines Ernest Hemingways, eines John Dos Passos, eines E.L. Doctorows oder einer Toni Morrison.

Die Außenseiterrolle, die Bukowski für sich reklamiert und beständig zementiert hat, wird er auch 30 Jahre nach seinem Tod nicht los. Einmal Außenseiter, immer Außenseiter, so scheint es. Insofern kann man durchaus die Einschätzung in Frank Schäfers neuem und durchaus fabelhaftem Buch „Notes on a Dirty Old Man. Bukowski von A bis Z“ in Frage stellen, dass Bukowskis Texte kanonisch und der Dichter ein moderner Klassiker sei. Wäre die amerikanische Literatur ein Film, käme Bukowski in ihm der Status der hervorragend besetzten Nebenrolle zu. Auch wenn sich Bukowski in sympathischer Selbstüberschätzung für den besten amerikanischen Autor hielt, hätte ihm auch diese Zuordnung sicher nicht missfallen.

Ein Fall für Philatelisten

Immerhin in einem Punkt hat er mit dem großen Ernest Hemingway, dem er in einer Art Hassliebe verbunden war, gleichgezogen: Unlängst ist Bukowski eine Briefmarke gewidmet worden. Allerdings nicht in Amerika oder Deutschland, in denen der gebürtige Andernacher seine größten Erfolge feierte, sondern - merkwürdig genug - in Nordmazedonien. Immerhin. Und auch hier zeigt sich: Der Außenseiterstatus lässt sich nur schwer neu organisieren. Vielleicht vermögen die Aktivitäten zu Bukowskis 100. Geburtstag, den Blick für Bukowski als ernstzunehmenden Autor weiter zu schärfen. Verdient hätte er es, der alte eigenwillige, sympathische Kämpfer.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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