RE: Der neue Consumer-Freitag | 25.07.2017 | 00:08

Irgendwie kann man ja gar nicht mehr ernsthaft über das sich stetig verschlechternde (Software-)Design dieser Seite reden, weil es so evident ist: Die inhaltliche Verflachung und die in jeder Hinsicht zunehmende Beliebigkeit des Medienprodukts "der Freitag" münden in eine der üblichen Wisch-und-Tipp-Oberflächen, kontinuierlich durchsetzt von Reklame. Als Betrachter weiß man nicht mehr genau, ob man gerade in ein virtuelles Sanifair-Bezahl-Klo schaut oder doch noch vielleicht etwas Subversiveres tut. Hier werden ab jetzt offensichtlich ebenfalls die Kulturtechniken des untoten kapitalistischen Systems gepflegt - mit einer ollen Zeitung konnte man sich wenigstens noch den Hintern abputzen.

RE: Das Feindphantom | 23.07.2017 | 08:37

So geht "Freitag", Klasse!

Und: Danke.

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 20.07.2017 | 10:40

Schauen Sie mal hier; eine Krankenschwester und ein Arzt, beide offenbar unter Drogen stehend, die dem siechen Kapitalismus noch ein langes Leben bescheren wollen:

http://www.tagesspiegel.de/politik/digitalisierung-2-0-die-technologie-kann-uns-in-eine-goldene-zukunft-fuehren/20041360.html

http://www.deutschlandfunk.de/report-ueber-die-generation-global-die-neuen-altruisten.807.de.html?dram:article_id=391435

Diese beiden Exemplare hätte der Kapitalismusapologet Jaron Lanier nicht besser klonen können.

Interessant auch, wie sich sogleich die Medien auf so hirnrissiges Zeug stürzen und es verstärken. Warum wohl?..

Angesichts solcher Sachen kommt mir das, worüber wir hier in aller Abgescheidenheit reden in der Relation vor wie das Märchen von Hase und Igel. Und was mir noch auffällt: In welch' rasender Geschwindigkeit sich solche Leute/der Kapitalismus sich die progressiven Begriffe klaut und sie umwertet, auf das die Dinge unkenntlich oder gar in ihr Gegenteil verdreht werden.

Ich glaube, dass es auch deswegen so unglaublich schwer ist, einigermaßen vernünftig über die Dinge zu reden, über welche wir uns beide an dieser Stelle versuchen zu verständigen.

Und ich glaube auch, dass sich Leute wie Markus Beckedahl v.a. deswegen so widersprüchlich und scheinbar paradox verhalten, bzw., warum "die Netzaktivisten" die falschen Prioritäten setzen: Gerät die Tatsache, dass wir diese Diskurse unter den Bedingungen des Kapitalismus führen aus dem Blick, führen wir die Diskussion zu den Bedingungen des Kapitalismus. Heraus kommen dann alle die von Ihnen zu recht kritisierten Paradoxien im Verhalten einer in sich grundsätzlich uneinigen Gemeinschaft, i.d.F. jene der "Netzaktivisten".

Das Phänomen ist aber nicht nur auf diese Gemeinschaft beschränkt, es durchzieht alle echten Diskurse und alle Bereiche aller Gesellschaften. Dieses - fälschlich als Vielfalt oder Pluralismus gespiegelte - babylonische Gestammel erzeugt unterm Strich genau jenes Gefühl der Alternativlosigkeit, welche den Kapitalismus als "Ende der Geschichte" erscheinen lässt (und weshalb "die Leute" letztlich auch nicht "die Alternativen" nutzen können/wollen).

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 17.07.2017 | 22:17

Danke für den Link.

Im Einzelnen finde ich das alles richtig und gut, was Pasquale sagt. Und es wäre angesichts der gegenwärtigen Situation schon ein riesiger Schritt, wenn es in der Politik tatsächlich seriöse, beharrliche Bestrebungen gäbe, die Macht dieser Meinungsmonster wenigstens teilweise zu begrenzen, indem man sie wesentlich stärker reguliert, resp., zwingt.

Ich glaube aber nicht (mehr) daran, dass man das auf dem Weg von gesetzlichen Verhaltensvorschriften und/oder mit Formen des liberalen Korporatismus erreichen kann. Theoretisch wäre es da vielleicht effektiver, wenn die Gewinne solcher Unternehmen (und ihrer Ableger) derartig saftig besteuert würden, dass es für solche Hütten betriebswirtschaftlich keinen Sinn mehr ergäbe, sich selbst gigantomanisch aufzublasen. -Bei der Erfindung von Steuern, wenn es um das Geld breiter Bevölkerungsschichten geht, sind die Staaten traditionell ja sehr kreativ. Warum nicht auch mal an dieser Stelle also? (Zusatzschwierigkeit: Das müsste natürlich international geregelt sein.) Na ja, Sie ahnen es bestimmt schon: Daran glaube ich noch viel weniger angesichts der Realitäten (Beispiel groß | Beispiel klein).

Was also tun? Ich finde ja, Steve Ballmer (ehem. MS-Chef) hat mit seiner Krebsgeschwür-Bemerkung, wahrscheinlich ziemlich unfreiwillig, einen wunderbaren Weg gewiesen: Die freien, nichtkommerziellen Alternativen. Diese publik machen, immer wieder, offensiv, laut, sie unterstützen, ideell, materiell, öffentlich, publizistisch, strukturell, daran mitarbeiten (wenn man kann - fast jeder könnte; man muss deswegen nicht programmieren können), sie selbst nutzen, anderen dabei behilflich sein, wann immer es geht. Das kann jeder, der es will. Und keiner müsste so darauf warten, bis die Politik oder sonstwer sich bequemt.

Es wäre allein schon ein Riesending, wenn breite Schichten der Öffentlichkeit überhaupt wüssten, dass es alltagstaugliche, freie, nichtkommerzielle, dezentrale Alternativen auf Augenhöhe (oft sogar darüber) zu den Kommerziellen gibt, sowohl bei den Softwares als auch bei den Diensten...

RE: Was die Tech-Industrie mit Marx zu tun hat | 17.07.2017 | 01:47

Aber ja doch... Ich werde den Teufel tun und etwa Ihre wunderschönen stockholm-syndromigen Projektionen verunreinigen.

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 16.07.2017 | 22:41

"Warum, glauben Sie, nutzen wir diese Alternativen nicht? Dummheit? Bequemlichkeit? Unwissen? Misstrauen?"

Meine kurze Antwort auf Ihre Frage lautet: Aus Unwissenheit, letztlich. -Soll ich das ausbuchstabieren?..

"Bei Suchmaschinen haben wir ja das gleiche Problem. Und in der Politik im Prinzip auch."

Ja + Ja. -Soll ich auch das noch mal ausbuchstabieren?..

":-)"

Dto. .

(An dieser Stelle auch einmal: Vielen Dank, dass Sie als Autor eines redaktionellen Beitrags den Dialog so beharrlich pflegen; das ist durchaus nicht üblich.)

RE: Was die Tech-Industrie mit Marx zu tun hat | 16.07.2017 | 01:25

Au weia, Frau Meier...

Bei so viel kaltschnäuzigem Realismuskotau auf Kosten von 9 Zehnteln der Weltbevölkerung weiß man gar nicht, wo man anfangen soll.

Aber das kapiert der feucht-fröhlich-nass-forsche Autor vermutlich erst dann auch selbst, wenn ein Algorithmus direkt aus dem Silizium-Tal ihn und seine reaktionäre Hauptsatz-Hybris ersetzt, er Holter-die-Polter sozial ausgegrenzt ist, nix zu wohnen und recht zu beißen, vielleicht kein sauberes Wasser mehr zum Trinken und vor allem nur noch Netflix hat.

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 15.07.2017 | 23:37

Ach so, noch 'n Treppenwitz ist mir eingefallen zu "Mit der "Logik des Kapitals" zu argumentieren ist das eine, ein Alternativ-Modell konkret zu beschreiben, das andere." und meinem darauf bezogenen, vorhergehenden Kommentar von heute, 14:22.

Und der geht so:

Friendica, Hubzilla, Diaspora* & GNU Social. -Twitter?.. Mastodon!

:-)))

Und jetzt schauen Sie sich mal bspw. hier beim "Freitag" die "ab Werk" angebotenen Verlinkungen zu sozialen Netzwerken an. Ein Trauerspiel, das einen Hund samt Hütte jammert angesichts der Alternativen. -Und, hey, wir sind hier nicht bei bild.de, der FAZtazSZsponfocus-online oder so.

Angesichts solch fehlenden publizistischen Supports selbst hier zu den bereits bestehenden Alternativ-Modellen, die nicht nur hinreichend beschrieben sondern bereits programmiert sind und laufen, braucht man doch eigentlich gar nicht mehr weiter großartig über Johnny Twitters große Würfe herumzuhirnen, oder?

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 15.07.2017 | 14:22

OK, ich versuche mal, etwas mehr zu buchstabieren (obzwar ich zugebe, dass ich ein schlüssiges Alternativmodell nicht ausbuchstabieren könnte. Dazu fehlen mir das Wissen, die Kompentenz, die Mitstreiter und auch die Zeit - das ist nicht mein berufliches Fachgebiet).

"Natürlich geht es nicht darum, nur den Privat-Besitzer wechseln zu wollen. Haeuslers Aufruf war eine legitime Zuspitzung, um das Thema anzufixen."

Na sicherlich; das war mir schon klar.

Der Ansatz von Johnny Haeusler ist ja nicht grundfalsch oder gar hinterhältig. Aber er wäre m.E. ein halber Schritt in die richtige Richtung, der letzten Endes immer auch ein ganzer Schritt in die falsche sein kann (und traurigerweise meist auch ist - siehe bspw. Geschichte der Sozialdemokratie).

Wenn man also überlegt - im Sinne einer unbedingt notwendigen Demokratisierung solcher Strukturen bzw. eine Unternehmung wie Twitter - das Gebilde "eigentümertechnisch" in so eine Art Kooperative oder Genossenschaft (oder auch in einen gemeinnützigen Verein o.Ä.) umzuwandeln, darf man das große (gesellschaftlich-politisch-ökonomische) Umfeld nicht außer Acht lassen und etwa glauben, damit hätten sich dann grundsätzlich alle Probleme für alle Zeiten gelöst. Welche Unbill in solchen, eigentlich "guten", solidarischen Ansätzen und deren Umsetzungen stecken (mir fällt jetzt nur dieses eine Beispiel ein; es gibt sicherlich viel-viel mehr und auch aktuellere: Neue Heimat) muss man angesichts der herrschenden ökonomischen Verhältnisse immer und sozusagen "auf der Rechnung" haben. Sonst kracht der Schuss nach hinten los.

"Vergesellschaftung" meint in diesem Zusammenhang, dass eine Struktur wie bspw. Twitter eben nicht einzelnen Personen gehört, aber auch nicht einer vielleicht großen Gruppe von Personen, seien diese nun Aktionäre oder Vereinsmitglieder oder Genossen. Es sollte, wenn schon, ausnahmslos allen gehören (und nicht nur denen, die Anteile erworben haben oder Biträge zahlen). Das geht aber nur, wenn man so ein Unternehmen/Struktur jeglicher Kapitalverwertung konsequent entzieht - was, um diesen Einwand vorwegzunehmen, im Augenblick utopisch scheint.

Vielleicht ist, um dem "richtigen Schritt" sich ein wenig weiter anzunähern, es hilfreich, noch einmal zu schauen, wie das z.B. mit GNU/Linux und der GPL gewollt ist und praktisch funktioniert (und wie groß der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist und warum) und ob so etwas teilweise oder auch ganz übertragbar ist auf solche Projekte wie: "Let's buy Twitter". Jedenfalls so lange, wie der doofe Kapitalismus noch existiert, und um währenddessen nicht nur auf der Stelle zu treten mit virtuellen, radikalen Maximalforderungen. Gerne aber doch bereits jetzt schon das Ganze mit etwas mehr Gesellschafts-Utopie aufgeladen, als ich diese in Johnny Haeuslers Vorschlag finden kann (sein Google-Doc zu öffnen verbieten meine Browsereinstellungen - woran ich mich angesichts Google auch halte).
Übrigens: Wenn ein ehemaliger Microsoft-Chef die GPL als "Krebsgeschwür" bezeichnet, liegt man hier bei der Suche nach weiteren und weiter führenden Lösungsschritten vielleicht doch gar nicht mal so falsch...

RE: Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV | 14.07.2017 | 11:38

Verstaatlichen?.. Demokratisieren?.. "Let's by it!" (N. Schneider/Guardian)?..

Sie werfen mit Ihrem Beitrag "Setzen die Netzaktivisten die richtigen Prioritäten?" die vollkommen richtigen Fragen auf. Aber Johnny Haeuslers Antwort darauf (die eigentlich Nathan Schneider im "Guardian" formulierte), ist aus meiner Sicht nicht die richtige. Nicht, weil ich es für unmoralisch und ungerecht halte - das zwar auch - sondern vielmehr, weil der selbe Prozess auf etwas niedrigerer Stufe von vorne beginnt - man hätte so die Logik des Kapitals, statt sie zu durchbrechen, bedient. Das wäre dann statt Greenwashing gewissermaßen mal ein Democracywashing des Kapitalismus.

Die richtige Antwort wäre m.E, solches Privateigentum zu enteignen, um es zu vergesellschaften. Denn so, wie keiner die Luft und das Wasser (und natürlich auch den Boden; die Erde) allein besitzen kann und darf, weil dies' allen gehört, so ist es natürlich dann auch mit den großen Dingen, die die sogenannte Daseinsvorsorge betreffen. Es (be)trifft alte und neue Medien also auch (in einer globalisierten Welt sowieso).

Damit sich etwas ändert i.d.S., wie auch Sie es sicherlich gerne hätten (Demokratisierung; und zwar die Echte, nicht der gegenwärtige Popanz davon), muss man den Eigentümern mit solchen Dingen mindestens seriös und glaubhaft drohen. So lief das ja auch in etwa damals, vor über hundert Jahren, mit Rockefeller und dem Sherman Antitrust Act; die Politik bekam Fracksausen, weil die Leute - sich dem Ausgang links zuwendend - den herrschenden Verhältnissen den Rücken kehrten. Allerdings sieht man an dieser Geschichte ("Als die Aktienkurse nach der Entflechtung in den Keller rauschten, kaufte Rockefeller die billiger gewordenen Papiere auf und wurde erst so richtig zum Krösus.") aber auch, dass es wohl bei Drohung allein letztlich nicht bleiben kann, bzw., der Logik, bzw. Un-Logik, des Kapitals nicht mit Gesetzen oder Verfahren beizukommen ist.

Ist jetzt ganz schön grundsätzlich (und etwas holzschnittartig) erst mal. Aber diese Dinge muss man ja auch beginnen zu besprechen, wenn man tatsächlich etwas nachhaltig ändern möchte, weil man das Gegenwärtige für falsch, ungerecht, kriminell und zerstörerisch hält.

Übrigens würde ich, selbst wenn ich wollte oder könnte, Twitter oder Facebook niemals kaufen (weshalb Haeuslers und Schneiders Idee eben auch nicht gut ist; die sollten lieber über die echten und vorhandenen Alternativen sprechen, auf dass es alle hören). Schon weil sie (FB/Tw) falsch gelabelt sind: Das sind keine "sozialen Netzwerke". Das sind (mal abgesehen von Ihren, sehr richtigen, Zuschreibungen im o.g., externen Beitrag) zunächst einmal fette, mächtige Knoten, technisch enorm zentralisierte Strukturen (ansonsten würden ja Geschäfts-/Bereicherungs-/Ausbeutungsmodelle mit entsprechenden Hierarchien nach Innen wie Außen auch gar nicht funktionieren; schöne Archillesferse übrigens dieser IT-Monster) an denen dann eine Art von Netzen hängt, in denen die Nutzer zappeln, ohne es recht zu bemerken. Echte Netzwerke gehen, wenn sie sozial sein wollen, ganz anders: Immer dezentral. Und die braucht man nicht zu kaufen. Die gibt es schon. Man muss sie nur nutzen.