Reportage aus Mali

Auszug aus DER REPORTER Westafrika befindet sich in Auflösung. Die Islamisten stehen vor der Haustüre Frankreichs. Es geht um den Kampf gegen den Terrorismus und um die Bodenschätze Frankreichs.
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„Ganz West – Afrika droht in einem Meer von Gewalt, Mord, Totschlag, Blut, Leid und Tränen zu versinken. Ganze Staaten stehen am Abgrund. Der Staat Benin löst sich gerade auf. Mali stand kurz vor der Eroberung durch Rebellen und drohte zu einem Gottesstaat nach Maßgaben der Terrorzelle al – Qaïda zu werden. Die ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Belgien sind nicht ganz unschuldig an dieser verheerenden Entwicklung. Sie haben diese Länder jahrhundertelang besetzt und die Bodenschätze geplündert. Bis heute werden den Ländern Afrikas keine Weltmarktpreise für ihre Waren bezahlt.

Aus schierer Not haben die Besatzer diese Staaten ihre Kolonialstaaten in die Unabhängigkeit entlassen, ohne ihnen eine belastbare staatliche Ordnung zu geben. Zur Sicherung der Ressourcen wurden willfährige Marionetten eingesetzt, die sich bald als korrupte Pharaonen in ihren Ländern gebärdeten. Menschenrechtsverletzungen, Nepotismus und Kleptomanentum sind bis heute an der Tagesordnung. In dieses Vakuum stoßen immer mehr interessierte Profiteure. Sie hängen den Koran in ihre Vitrine und ziehen mordend und raubend durch die Weiten Westafrikas. Ihre 'Aktivitäten' kennen keine Grenzen, denn diese Grenzen wurden willkürlich quer durch Stammesgebiete gezogen und sind auch nicht staatlich zu garantieren. Alleine Mali hat eine 7.250 Kilometer lange Grenze mit seinen Nachbarn und besteht zu 2/3 aus endlosen, dünn besiedelten Wüsten, auch die Sahelzone genannt. Die Anführer dieser Räuberbanden Mokhtar Belmokhtar und Abd al – Rahman al – Nigri, der gerade ein algerisches Gasfeld überfallen und viele Arbeiter ermordet hat, sind keine Gotteskrieger und keine religiösen Heilsbringer sondern Gangster. Deshalb ist die Bezeichnung 'Islamisten' auch pure Blasphemie. Folglich handelt es sich bei dem Militäreinsatz in Mali nicht um einen Kampf gegen den Islam, sondern um die Wiederherstellung der staatlichen Ordnung eines souveränen Staates.

Die Räuberbanden zieren ihre Pick – up mit der grünen Fahne des Islam und verheißen den oft wenig Gebildeten die Erleuchtung und das ewige Leben. Wenn diese 'Ungläubigen' sich nicht den Steinzeit – Gesetzen der Scharia beugen werden sie gnadenlos verfolgt, getötet oder vergewaltigt. Was das mit Religion zu tun, hat erschließt sich niemandem. Der Sprecher der 'Relations internationales du Congrès mondial Amazigh', die weltweit die Rechte der Berber, zu denen auch die Tuareg gehören, vertritt und verteidigt, spricht es aus: »La charia est la mort du peuple touareg!« (Die Scharia ist der Tod des Volkes der Tuareg!) Belkacem Lounès kritisiert auch die französische Regierung, die dem Treiben dieser islamistisch geprägten Räuberbande viel zu lange tatenlos zugesehen und es billigend in Kauf genommen hat, dass Mali fast in deren Hände gefallen ist. Erst als die Hauptstadt Bamako kurz vor dem Fall stand, griffen die Franzosen militärisch ein.

Der französische Staatspräsident hatte allen Grund, sich vor einem solchen Krieg zu fürchten. François Hollande wollte sich um die marode französische Innenpolitik kümmern, das Schulsystem erneuern, den Staatshaushalt sanieren und die darnieder liegende Wirtschaft ankurbeln. Auf gar keinen Fall wollte er sich in einen kräftezehrenden Krieg in den unendlichen Weiten der Sahelzone hineinziehen lassen. Schon gar nicht wollte er sich als Verteidiger französischer Rohstoffinteressen oder als Vorkämpfer gegen eine Religion denunzieren lassen, denn genau das gibt den Dauer - Theoretikern Raum für die ewig selben Phrasen von der Verschwörung des Westens gegen den Islam.

Es geht nicht nur um den Islam, es geht nicht nur um Uran, es geht um die Frage, ob Frankreich vor seiner Haustüre einen terroristischen Gottesstaat dulden kann oder nicht. Das haben die Franzosen längst verstanden, denn Frankreich ist ein multikulturelles aber laizistisches buntes Vielvölkergemisch. Die Drohungen der sogenannten 'Islamisten' gegen das französische Kernland wurden immer konkreter. Die Untersuchungsrichter von Paris befürchten eine Wiederholung der blutigen Bombenanschläge von 1962 und 1981. Ganz Frankreich befindet sich Alarmzustand Militär patrouilliert an den Flughäfen. Von seinen Verbündeten wird Frankreich jämmerlich im Stich gelassen, gerade so als ginge es sie nichts an, wenn Staaten wie der Tschad, Benin, Algerien, Niger, Mauretanien oder Mali in die Hände von Terroristen fällt.

„Mali ist ein Binnenstaat in Westafrika. Er grenzt an Algerien im Norden, Niger im Osten, Burkina Faso und die Elfenbeinküste im Süden, an Guinea im Südwesten und an Senegal und Mauretanien im Westen. Der 1,24 Millionen km² große Staat wird von 14,5 Millionen Menschen bevölkert. Seine Hauptstadt heißt Bamako. Der größte Teil der Bevölkerung lebt im Südteil des Landes, der von den beiden Strömen Niger und Senegal durchflossen wird. Der Norden erstreckt sich bis tief in die Sahara und ist äußerst dünn besiedelt. Auf dem Gebiet des heutigen Mali existierten im Laufe der Geschichte drei Reiche, die den Transsaharahandel kontrollierten: das Ghana-Reich, das Mali-Reich, nach dem der moderne Staat benannt ist, und das Songhai-Reich. Im goldenen Zeitalter Malis blühten islamische Gelehrsamkeit, Mathematik, Astronomie, Literatur und Kunst. Im späten 19. Jahrhundert wurde Mali Teil der Kolonie Französisch-Sudan. Zusammen mit dem benachbarten Senegal erreichte die Mali-Föderation 1960 ihre Unabhängigkeit. Kurz danach zerbrach die Föderation und das Land erklärte sich unter seinem heutigen Namen unabhängig. Nach langer Einparteienherrschaft führte ein Militärputsch 1991 zur Verabschiedung einer neuen Verfassung und zur Etablierung eines demokratischen Mehrparteienstaates. Im Januar 2012 brach ein bewaffneter Konflikt in Nordmali aus, im Zuge dessen Tuareg-Rebellen die Abspaltung des Staates Azawad von Mali proklamierten. Der Konflikt wurde durch den Putsch vom März 2012 und späteren Kämpfen zwischen Islamisten und den Tuareg noch verkompliziert. Angesichts der Gebietsgewinne der Islamisten begann am 11. Januar 2013 die Operation Serval, im Verlaufe derer malische und französische Truppen den Großteil des Nordens zurückeroberten. Die UN-Sicherheitskonferenz unterstützt den Friedensprozess mit der Entsendung der MINUSMA.Die wichtigsten Wirtschaftszweige sind die Landwirtschaft, die Fischerei und in zunehmendem Maße der Bergbau. Zu den bedeutendsten Bodenschätzen gehören Gold, wovon Mali den drittgrößten Produzenten Afrikas darstellt, und Salz. Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. In kulturellen Bereichen hat Mali lange Traditionen vorzuweisen. Speziell in Musik, Tanz, Literatur und bildender Kunst führt es ein eigenständiges Kulturleben, das weit über seine Grenzen hinaus bekannt ist. Trotzdem liegt das Land im Human Development Index nur auf dem 176. Platz.“

"Nach schier endlosen Gefechten rund um Timbuktu ziehen sich die Tuaregs und die mit ihnen bis dahin verbündeten Islamisten langsam zurück. Offensichtlich gab es ein Zerwürfnis zwischen den radikalen Anhängern der Al – Qaïda und den eher traditionellen Tuareg. Aber nicht ohne verbissen um jede Lehmhütte zu kämpfen. Anerkennend stimmen die Journalisten darin überein, dass die Tuareg überaus mutige Burschen sind, die in Punkto Tapferkeit den französischen Elite – Soldaten in nichts nachstehen. Charly dirigiert sein Kamerateam und kämpft sich, nur bewaffnet mit einem Mikrophon, zusammen mit den französischen Soldaten Haus für Haus vor, bis er im Zentrum der Stadt angekommen ist. Berge von Leichen pflastern seinen Weg. Frauen wurden vergewaltigt, Kinder wurden erschlagen, Männer wurden enthauptet. Es stinkt nach Blut, Leichen, Tod, Elend und Gewalt. Die Heiligtümer wurden geschändet. Es ist das schiere Chaos. Auch die Franzosen haben Verluste erlitten. Ein Helikopter mit zwölf Soldaten wurde mit einer chinesischen Flugabwehrrakete abgeschossen. Die Leichen liegen verkohlt in den Trümmern einer Moschee. Diejenigen, die den Absturz überlebt haben, wurden grausam gefoltert und schließlich enthauptet. Der eintreffende französische Kommandeur ist voller kaltem Zorn und kann seine Legionäre nur durch eiserne Disziplin davon abhalten, gefangene Terroristen zu lynchen."

„Von der Welt weitgehend unbeachtet, bahnt sich in der Sahel- Zone, dem südlichen Maghreb, im zum französischen Hegemonialgebiet gehörende Mali, ein neuer gefährlicher internationaler Konflikt an. Was war geschehen? Im März dieses Jahres putschte ein Teil des Militärs gegen den langjährigen Präsidenten in der im Süden des Flächenstaates gelegenen Hauptstadt Bamako. Seither sind der gesamte Norden des Landes mit zweidrittel der Gesamtfläche Malis rund um die Stadt Timbuktu in der Hand der Rebellen, die sich mit radikalen Islamisten, den Tuareg und der Al-Qaida verbündet haben. Der Nomadenstamm der Tuareg hat sich in der Zwischenzeit wieder von den Rebellen getrennt. Den stolzen Tuareg war die fundamentalistische Auslegung des Islam mit Einführung der Scharia und der damit einhergehenden Menschenrechtsverletzungen wie Massenvergewaltigung von Frauen, der Rekrutierung von Kindersoldaten und die brutale Herrschaft der Al-Qaida zu streng. Diese Verbrechen entsprechen nicht den Stammesriten der Tuareg.

Das Szenario der Elfenbeinküste wiederholt sich gerade in Mali. Doch Frankreich hat eine neue sozialistische Regierung und einen mit allen Winkelzügen der Politik vertrauten direkt gewählten Staatspräsidenten, der sich so leicht nicht als Kolonialherr denunzieren lassen will. François Hollande rief sogleich eine neue Afrika Politik aus. Es gilt nun nicht mehr 'La France d’Afrique' sondern 'La France et Afrique'. Man bemerke den feinen Unterschied in der Semantik. So etwas kann eben nur einem mit allen Wassern gewaschenen Absolventen der ENA einfallen. Resultat: Frankreich interveniert nicht, sondern ruft, streng nach dem international geltenden Recht, den Weltsicherheitsrat der UNO an. Und der beschloss gestern einstimmig eine militärische Intervention in Mali gemäß Chapter VII der UN – Charta.

Da kommt doch der Beschluss des Weltsicherheitsrates für eine militärische Intervention in Mali gerade recht. Natürlich ist das ein rein humanitärer Einsatz. Und natürlich streng nach den Regeln der UNO. Logisch! Es geht nur darum, Deutschland gegen den islamischen Terrorismus zu verteidigen, Brunnen zu bohren, den Frauen wieder ihre Menschenwürde zurück zu geben, die fehlgeleiteten Kindersoldaten wieder auf den rechten Pfad der Tugend zurück zu führen und Schulen für sie zu bauen. Haben wir diese verlogenen Begründungen nicht schon einmal irgendwo gehört? Das kommt uns allen doch irgendwie so bekannt vor?“

„In Mali liegen einige der ältesten Städte Westafrikas. Djenné entwickelte sich vom 9. Jahrhundert durch Zuwanderung von Sarakolle aus dem zerfallenen Ghana zu einem Handelszentrum, das seinen Höhepunkt im 13. Jahrhundert erlebte und dessen Architektur bis heute für die Dörfer des Niger-Binnendeltas Vorbild steht. Das am Südrand der Sahara gelegene Timbuktu entwickelte sich ab dem 12. Jahrhundert zu einer der wichtigsten Städte der Region, die von ihrer strategischen Lage am nördlichsten Punkt des Nigerbogens profitierte.Während diese alten Städte sinkende Bevölkerungszahlen vorweisen, weist Mali insgesamt eine schnelle Verstädterung auf, die die neuen urbanen Zentren rasant wachsen lässt. Neben dem allgemein hohen Bevölkerungswachstum tragen die Landflucht aufgrund sich verschlechternder ökologischer Verhältnisse, Dürre oder politischer Instabilität zu einer schnellen Urbanisierung bei. Lebten im Jahr 1965 noch 9% der Malier in Städten, so werden es 2015 voraussichtlich etwa 41% sein.

Die mit Abstand größte Stadt des Landes ist Bamako, das von 6500 Einwohnern im Jahr 1908 auf etwa 1,3 Millionen Einwohner im Jahr 2002 gewachsen ist. Die Stadt ist Regierungs- und Verwaltungszentrum des Landes und dient als Brückenkopf ins Ausland, speziell für Entwicklungshilfe. Eine grenzüberschreitende Bedeutung hat sie jedoch nicht. Weitere bedeutende Städte sind Sikasso (2005: knapp 145.000 Einwohner), Ségou (105.000 Einwohner) und das Zentrum der malischen Baumwollverarbeitung Koutiala (75.000 Einwohner 1998). Durch den Zustrom von Dürreflüchtlingen sind Mopti (81.000 Einwohner 1998) und Sévaré stark gewachsen. Die Städte im Nordsahel wie Timbuktu (2005: 30.000 Einwohner) oder Gao sind von Abwanderung, vor allem junger Leute, betroffen.“

Auszug aus meinem Buch DER REPORTER

www.monsieurrainer.com

14:01 26.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Rainer Kahni

Rainer Kahni besser bekannt unter dem Namen Monsieur Rainer ist Journalist und Buchautor. Er ist Mitglied von Reporters sans frontières.
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Rainer Kahni

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