Bosworth will durchatmen

Nordkorea/USA Der US-Sonderbotschafter reagiert gelassen auf die jüngsten Turbulenzen zwischen Seoul und Pjöngjang. Für die Annäherung zwischen beiden Staaten ist dies eine Chance

Es waren turbulente Wochen, in denen sich auf der koreanischen Halbinsel die Republik südlich und die Demokratische Volksrepublik nördlich des 38. Breitengrades einem Wechselbad aus Drohgebärden und Versöhnungsgesten aussetzten. Seit Februar 2008 regiert mit Lee Myung-Bak in Seoul ein Hardliner, der seinem Spitznamen Der Bulldozer offenbar gerecht werden will. Ein Mann, der entschlossen wirkt, Kim Jong-Il nichts zu schenken.

Aus Empörung darüber setzt Pjöngjang alles daran, Seoul Paroli zu bieten und einen von den USA seit Jahren propagierten Regimewechsel unter allen Umständen zu vermeiden. Dazu sind gemäß starrer Staatslogik der Besitz von Mittel- und Langstreckenraketen sowie ein eigenes Nuklearprogramm unverzichtbar. Gerade erst meldet die staatliche Nachrichtenagentur KCNA, das Land mache keine Abstriche an seiner Urananreicherung, ganz im Gegenteil. Das wird ausgerechnet zu einem Zeitpunkt gemeldet, da Washingtons neuer Emissär für Nordkorea, der knapp 70-jährige Diplomat Stephen Bosworth, zu einer Reise nach China, Südkorea und Japan aufbricht, um dort den weiteren Umgang mit Pjöngjang abzustimmen.

Rückflug mit Bill Clinton

Nordkoreas Führung fühlte mit dem Amtsantritt von Barack Obama die Hoffnung genährt, wenn schon international geächtet, so wenigstens als Feind geachtet zu werden, dem ein Umgang auf gleicher Augenhöhe zugestanden ist. Stattdessen machte Außenministerin Hillary Clinton zunächst kein Hehl daraus, im Verhältnis zu Pjöngjang Konfrontation nicht missen zu wollen. Doch ernannte sie mit Stephen Bosworth einen Vermittler im Range eines Sonderbotschafters, der ungerührt von aller Hysterie die Ansicht vertritt, bei Nordkorea empfehle sich „kollektives Durchatmen. Man sollte in Ruhe überlegen, was zu tun ist“.

Immerhin war es Ex-Präsident Bill Clinton, der Anfang August zu einem Überraschungsbesuch nach Pjöngjang reiste und dort mit Kim Jong-Il zusammentraf. Ein solcher Besuch war ursprünglich als Clintons letzte präsidiale Auslandsreise für den Januar 2001 geplant. Der Staatsgipfel mit Clinton sollte aus Sicht Pjöngjangs die lange ersehnte Aufwertung bringen und das Kalkül bedienen, durch direkte Kontakte mit den USA Konflikte schneller lösen zu können als bei den trägen Verhandlungen in der Sechser-Gruppe mit Chinesen, Südkoreanern, Japanern und Russen. Promptes Ergebnis der jetzigen Clinton-Visite war die Begnadigung der beiden US-Journalistinnen Laura Ling und Euna Lee durch Kim Jong-Il persönlich. Die beiden durften sofort mit Clinton in die USA zurückfliegen. Ling und Lee waren Mitte März an der nordkoreanischen Grenze verhaftet, vor das Oberste Gericht gestellt und im Juni zu je zwölf Jahren Arbeitslager wegen »schwerer Verbrechen gegen die koreanische Nation« und »illegalen Grenzübertritts« verurteilt worden.

Zuletzt wurde die Diplomatie der Schikanen und Nadelstiche, auf die sich Seoul und Pjöngjang schon immer vorzüglich verstanden, regelrecht zur Manie, die keiner von beiden entbehren mochte. Südkorea ließ sich erneut auf groß angelegte Militärmanöver mit US-Truppen ein, die Regierung bewilligte Anfang Juli für den Zeitraum von 2010 bis 2014 ein gigantisches Aufrüstungsprogramm von 178 Billionen Won (knapp 100 Milliarden Euro), um sich „gegen eine nukleare Bedrohung aus dem Norden“ zu wappnen. Ende August zündeten die Südkoreaner ihre Rakete Naro-1, um künftig Satelliten in eine Erdumlaufbahn von bis zu 300 Kilometern Höhe zu befördern, während Wissenschaftsminister Ahn Byong-Man parallel dazu ankündigte, bis 2025 eine Sonde zum Mond schicken zu wollen. Selbst den gemeinsam mit Pjöngjang im Süden der Volksrepublik errichteten Gaeseong-Industriekomplex (GIC) stellte Südkoreas Staatschef Lee kurzerhand in Frage, als nordkoreanische Behörden einen Techniker des mächtigen Hyundai-Konzerns wegen Spionage festnahmen. Hyundai war maßgeblich am Aufbau des GIC beteiligt.

Hyundai-Chefin bei Kim

Pjöngjang parierte diese Attacken stets mit drakonischen Worten und drohte dem Süden mit »furchtbarer Vergeltung«, sollte der weiter an seiner »feindseligen Politik« Gefallen finden. Zeitweilig verhängte Pjöngjang eine Blockade des GIC, um dann wieder eine Erhöhung der jährlichen Pachtgebühren und Steuern von bislang umgerechnet 16 auf 500 Millionen Dollar zu verlangen. Was den »Geliebten Führer« Kim Jong-Il nicht daran hinderte, am 16. August die Hyundai-Chefin Hyun Jeong-Eun zu einem freundschaftlichen Gespräch zu empfangen. Drei Tage zuvor war der seit Ende März inhaftierte Mitarbeiter des Konzerns freigelassen worden.

Versöhnliche Töne gab es unisono in Seoul und Pjöngjang, als im August mit Südkoreas Ex-Präsident Kim Dae-Jung ein exponierter Sympathisant der »Sonnenscheinpolitik« unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen wurde. Für den Versuch einer Aussöhnung mit dem Norden hatte Kim im Jahr 2000 den Friedensnobelpreis erhalten. Er wollte als erster südkoreanischer Politiker einen Weg finden, um das innerkoreanische Verhältnis von Schlacken der Vergangenheit zu befreien, und traf sich deshalb mit Kim Jong-Il in Pjöngjang. Dabei ging es beiden Seiten glaubhaft darum, Misstrauen, Feindschaft und jene tiefe Entfremdung zu überwinden, die beide koreanische Staaten seit über sechs Jahrzehnten immer weiter auseinander treibt.

Mit dem Amtantritt von US-Präsident George W. Bush und der Verdammung Nordkoreas auf die „Achse des Bösen“ überlagerten ab 2001 die Feindbilder, was sich als Kontext der Vernunft abzuzeichnen begann. Doch nun gibt es offenbar wieder eine Chance auf eine neue Annäherung. Denn die Administration von Barack Obama hat sich nun endlich zu bilateralen Gesprächen mit Nordkorea bereit erklärt. Und das könnte möglicherweise der Beginn einer neuen Ära sein.

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