Die Besteigung des Smokey Mountain

Philippinen Manilas ältester Bezirk Tondo ist zugleich eine der größten Müllkippen der Stadt

Resty geht auf die 60 zu und will an jedem Tag seines Lebens "a proud Tondo-Boy" - "ein stolzer Tondo-Junge" - gewesen sein. Leider gelte das Viertel, diese Stadt in der Stadt, bis heute für die meisten Filipinos als Inbegriff von Dreck, Müll und Kriminalität. "Doch sie täuschen sich alle. Tondo war immer ein Treibhaus für Rebellion, Mut und Verzweiflung. Aus Tondo kamen Revolutionäre wie Andres Bonifacio und Emilio Jacinto oder Schriftsteller wie der Poet und Guerillero Amado Hernandez." Außerdem, wäre anzufügen, haben auch die "Kings" des philippinischen Kinos, allen voran Ex-Schauspieler und Ex-Präsident Joseph Estrada, in diesem Quartier eine Zeitlang mit Dreharbeiten verbracht.

Norma geht nach Manila

Resty ist seit Mitte der sechziger Jahre das, was man einen politischen Aktivisten nennt. Er erhält seine Feuertaufe in der 1964 gegründeten Kabataang Makabayan, der Jugendliga der KP, als Armee und Polizei die Tondo-Leute wie Treibgut behandeln und mit Gewalt auseinander treiben, als hätten sie es nicht verdient, sesshaft zu sein. Menschen, denen man es jederzeit bestreiten kann, den verlorenen Faden des Lebens wieder aufzunehmen.

Auch Norma Alvarez hat darunter gelitten, dass oft die Verbannung aus ihrem Bezirk drohte. Die Haut der resoluten Mittfünfzigerin ist wettergegerbt, tiefe Furchen durchziehen ihr Gesicht. Wann immer sie lächelt, greift sie zum Taschentuch und ist sichtlich bemüht, dem Gegenüber ihr peinliches Malheur zu ersparen. Nur zwei Vorderzähne sind ihr geblieben. Arztbesuche, sagt Norma beiläufig, seien für sie ein Leben lang zu teuer gewesen.

Geboren wird Norma Alvarez als eines von acht Kindern in der Hafenstadt Catbalogan auf der Visaya-Insel Samar im Osten des Landes - in einer der bis heute ärmsten Gegenden. Mit ihrer Schwester Myrna kommt sie als 16-jähriger Teenager nach Manila und verdingt sich als Haushaltshilfe bei einer chinesischen Familie, die am Roxas Boulevard, Manilas damaliger Pracht- und Flaneurmeile, wohnt. Ein Quartier, das allein wegen seiner spektakulären Sonnenuntergänge als einer der schönsten Flecken Südostasiens gilt. Nach der erbärmlichen Kindheit auf Samar sei es für sie eine sorgenfreie Zeit gewesen damals am Roxas Boulevard, erzählt Norma. Sie habe genügend Pesos auf die hohe Kante gelegt, um der Familien in Catbalogan jeden Monat mindestens 15 Dollar, manchmal auch mehr, schicken zu können.

Sie verliebt sich in Tonio, der in North Pier, Manilas Nordhafen am Rand von Tondo, als Träger und Aufseher arbeitet. Als ihre chinesische Herrschaft sie daraufhin vor die Tür setzt, zieht Norma mit Tonio zusammen. Die beiden heiraten, sie ist 18, er 22, beide glauben an das große Glück und eine erträgliche Zukunft in Tondo und bekommen fünf Kinder, von denen zwei kurz nach der Geburt an Typhus sterben.

Damals, in den frühen siebziger Jahren, regiert der autoritäre Patriarch Ferdinand Marcos das philippinische Archipel und befördert die Präsidentengattin Imelda erst zur Siedlungsministerin, dann zur Generalgouverneurin von Manila. Die First Lady lässt sich nicht lange bitten und hat Visionen: Die Kapitale sollte zur "Mega-City mit menschlichem Antlitz" werden. Sie versteht darunter die Aufschüttung der Manila-Bucht, den Bau von Fünf-Sterne-Hotels, des Folk Arts Theaters sowie des Philippine International Convention Centers. Was ihren Geschmack verletzt, lässt Imelda kurzerhand abreißen, beseitigen oder verbannen. So geraten auch die Armen von Tondo ins Visier - fliegende Händler werden mit Razzien gejagt und "Squatters" aus dem Viertel über Nacht vertrieben. Norma erinnert sich, "es war 1976, als wir über Nacht obdachlos wurden. Bulldozer rückten an, ein Beamter schrie durch ein Megaphon, wir seien Illegale, der Boden gehöre der Regierung! Wir sollten verschwinden. Dann versprühten sie Tränengas und prügelten wie wild auf uns ein."

Norma hält sich über Wasser

Eine wenigstens kleine Entschädigung für diesen erzwungenen Exodus werden Norma und Tonio, der wenige Monate später an Tuberkulose stirbt, nie erhalten, von einer Entschuldigung der Regierung ganz zu schweigen. In Norma reift der Entschluss, nicht alles ergeben und willfährig hinzunehmen. "Es war das Mindeste, was ich nach Tonios Tod tun musste, ich ging in eine der Selbsthilfegruppen. Das war einfach notwendig, wollte ich mit meinem Mann nicht auch jeden Lebensmut verlieren."

Mit ihrer Schwester Myrna und den Kindern kommt sie für einige Monate bei Freundinnen unter - acht Quadratmeter für fünf Personen. Nachts werden Matten auf den blanken Boden ausgelegt, auf denen man schläft. In der Monsunzeit ab Mai, wenn das Thermometer auf 35 Grad Celsius klettert und die extrem hohe Luftfeuchtigkeit das Atmen erschwert, wetteifern Gestank und Hitze um den Verstand der Menschen. Elektrizität und fließendes Wasser gibt es nicht. Not macht erfinderisch, man zapft einfach die nächstbesten Wasserrohre an. Setzen die Monsunregen ein, verwandeln sich in Tondo ganze Häuserzeilen in wabernde Kloaken.

Norma hält sich über Wasser, indem sie mit ihren Kindern Müll auf dem nahegelegenen Smokey Mountain, der Großmüllkippe Manilas, sammelt. Tag für Tag und Jahr für Jahr tragen sie Bleche, Papier, Plastik, Rohre oder alles sonst noch Verwertbare zum Zwischenhändler und sind glücklich, wenn der Tag 20 Peso (damals etwa 2,50 Dollar) bringt. Bis zu 30.000 Menschen leben Anfang der achtziger Jahre in Manila vom Abfall und Dreck der Metropole. Einige bauen sich am Hang der Müllpyramide auf Stelzen ruhende Hütten, die sie mit Blumen und einem Jesusbild schmücken. Tondo expandiert und wird zu einem der weltweit am dichtesten besiedelten Elendsviertel - 1990 leben 65.000 Menschen auf einem Quadratkilometer und sterben wie die Fliegen an Tuberkulose, Typhus, Malaria und Durchfall.

"Der Smokey Mountain", erzählt Norma, "war mehr als 50 Meter hoch, so dass ihn viele das Wahrzeichen von ›Metro Manila‹ nannten. Für mich war die Plackerei auf der Halde irgendwann zuviel, so dass ich einige Zeit als Hand- und Fußpflegerin gearbeitet habe. Meine Kinder aber - die haben weiter Müll gesammelt."

Als 1995 Hundertschaften der Polizei den Smokey Mountain gewaltsam räumen, spielen sich unglaubliche Szenen ab. "Die Menschen wurden wie Ratten gejagt", erinnert sich Resty, der damals als Mitarbeiter der städtischen Armenfürsorge zu retten versucht, was nicht mehr zu retten ist. "Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie selbst auf Gebrechliche und Alte mit Latten und Hämmern eingeschlagen wurde. Mein Gott, jede Katze und jeden Hund würde man besser behandeln. Und dazu kam dieses massenhafte Elend, als sie nicht mehr im Müll wühlen und davon leben konnten. Ich habe Leute gekannt, die haben damals monatelang nur von Reis, Salz, Maniok und Wasser gelebt, weil ihnen der Smokey Mountain versperrt blieb und sie nichts mehr verkaufen konnten."

Norma geht leer aus

Der Mann, der die Deponie schließen lässt, ist General Fidel Ramos, der dem Diktator Marcos als Polizeichef und stellvertretender Generalstabschef gedient hat und zwischen 1992 und 1998 selbst zum Präsidenten der Philippinen aufsteigt. Die Leute aus Tondo wollen das erbärmlich Wenige, das ihnen die Besteigung des Smokey Mountain bisher brachte, nicht hergeben. Und wenn, dann nur gegen eine wirkliche Alternative. Also ringt sich die Ramos-Regierung zu einem spektakulären Projekt durch: Es wird ein Abkommen zwischen der staatlichen National Housing Authority und dem Geschäftsmann Reghis Romero geschlossen, wonach dessen Baufirma R2 Builders auf einem 21 Hektar großen Areal am Smokey Mountain und auf weiteren 40 Hektar aufzuschüttenden Geländes 3.500 Wohneinheiten für die "Squatter Families" bauen soll. Im Gegenzug darf die Firma einen Teil der sanierten Fläche sowie sämtliche Wohnungen vermarkten, die über die vereinbarten 3.500 hinaus entstehen. Die Kosten werden auf 3,46 Milliarden Peso (seinerzeit 80 Millionen Dollar) veranschlagt. Das von beiden Vertragsparteien gepriesene große Ziel: den Schandfleck Smokey Mountain beseitigen und einem Teil der Community von Tondo ein erschwingliches Zuhause geben.

In den folgenden Jahren wird der Vertragstext immer wieder korrigiert - bis schließlich Anfang 2004 die rosa und cremefarben gestrichenen Häuser stehen. Die ersten Bewohner ziehen ein und gleich wieder aus, denn die Neubauten erweisen sich als unbewohnbar. Die Gebäude sind zwar auf planiertem, aber noch gashaltigem und nicht entsorgtem Terrain des Smokey Mountain entstanden. Ein Reinfall, eine Katastrophe für Zehntausende aus Tondo, eine Farce und Geschäftsposse, wie sie Manila nicht eben selten erlebt. Bei diesem Deal sind Millionen von Pesos in den Privattaschen der Auftragnehmer versickert. Für das Asyl der kleinen und großen Trostlosigkeiten aber bleibt alles beim Alten.

Am 7. Februar 2007 veröffentlicht die Zeitung Manila Times einen Bericht, wonach in Tondo etwa 3.000 Menschen, es könnten auch mehr sein, eine neue, Einkommen schaffende Tätigkeit entdeckt hätten: Sie verkauften eine ihrer Nieren zum Preis von bis zu 120.000 Pesos. Da allein in Japan über 10.000 Menschen auf eine Nierentransplantation warteten, schreibt das Blatt, eröffne sich also ein "neuer Markt für die Armen Manilas".

Ein Jahr später planen Regierungsbehörden wie die Philippine Ports Authority, die National Housing Authority und das Department of Public Works and Highways unter der Formel, wir müssen endlich dem Elend zu Leibe rücken und das Nordhafengebiet von Tondo modernisieren, eine neuerliche Umsiedlung der dort lebenden Menschen. Diesmal könnten nahezu 850.000 betroffen sein, aus Navotas und Caloocan City und den anderen nördlichen Distrikten von Tondo. "Nur diejenigen, die dort seit einer langen, langen Zeit leben und das nachweisen können", sagt Norma Alvarez, "erhalten von der Stadtverwaltung eine kleine Entschädigung von vielleicht 15.000 Pesos. Die meisten Leute aber, die gehen wie wir leer aus."

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