Glanzlose Gloria

Philippinen Die Wahlen auf den Philippinen entscheiden darüber, ob sich der Inselstaat von der Präsidentschaft Arroyos erholt oder zum Armenhaus Südostasiens verkommt

Die Amtszeit der seit Januar 2001 regierenden Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo war ein verlorenes Jahrzehnt. Vetternwirtschaft und Korruption grassierten ebenso wie Armut und Arbeitslosigkeit. Weit über 1.000 Menschen wurden Opfer außergerichtlicher Hinrichtungen. Die Täter sind allesamt auf freiem Fuß. Die Kultur der Straffreiheit wurde zum tristen Markenzeichen der Arroyo-Regierung. Schließlich bescherte die Präsidentin durch eine rasante Umverteilung von unten nach oben dem internationalen Big Business und der einheimischen Oligarchie fette Jahre.

Am 10. Mai buhlen nun 50.261 Bewerber um 17.999 Posten – vom Präsidentenamt bis hinunter zum Sitz auf Gemeinde- und Dorfebene. 50,72 Millionen registrierte Wähler sind aufgerufen, ihre Stimmen erstmals in einer automatisierten Wahl abzugeben. Gewinnchancen haben lediglich vier der insgesamt neun Kandidaten für das höchste Staatsamt

Karrieren nach Maß

Benigno „Noynoy” Aquino III (geboren 1960) ist ein Sohn der früheren Präsidentin Corazon C. Aquino (1986-1992 im Amt), die im Sommer 2009 verstarb. „Tita (Tante) Cory“, wie sie im Volksmund liebevoll genannt wurde, gilt für den Inselstaat als Ikone der Demokratiebewegung, die im Februar 1986 die langjährige Marcos-Diktatur zu Fall brachte. Als Kongressabgeordneter und Senator der Liberal Party blieb der Sohn jedoch blass. Er ist Teileigentümer der 6.453 Hektar umfassenden Hacienda Luisita, die immer wieder zu Kontroversen führt, weil sie von jeder Landreform und Aufteilung bislang verschont blieb. Was sich dagegen an Bauernprotest erhob, wurde blutig niedergeschlagen. Wie sein Konkurrent Teodoro entstammt „Noynoy“ dem superreichen, politisch einflussreichen Cojuangco-Clan, der in zwei Lager gespalten ist. Ein Flügel, der in der Vergangenheit als Marcos-treu galt, wird heute unter anderem von seinem Cousin „Gibo“ repräsentiert, während „Noynoys“ Mutter dem reformorientierten Flügel der Großfamilie angehörte.

Kandidat Manuel „Manny” Villar, Jr. (geboren 1949) stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Durch ein geschickt geknüpftes Netz von Freunden und durch die Einheirat in eine begüterte Familie gelang dem Selfmade Man der Partido Nacionalista eine beispiellose Karriere. Lukrative Geschäfte im Immobiliensektor und der Verkauf von Grundstücken und kostengünstigen Fertighäusern für die Mittelschicht ließen Villar 2009 mit einem Vermögen von 530 Millionen Dollar auf Platz 9 der Forbes-Liste der philippinischen Superreichen rücken. Er war und ist mit Abstand der reichste Vertreter der Legislative und betrieb den aufwendigsten Wahlkampf, in den er bevorzugt das Showbusiness einbezog. Als einziger Bewerber versprach er, eine „People’s Agenda“ umzusetzen – sich mithin für die Belange der Armen und Marginalisierten einzusetzen.

Durch Gassen und Gossen

Schließlich Joseph „Erap“ Estrada (geboren 1937), er war in den sechziger Jahren als Schauspieler ein Liebling der Massen. In ihrem Namen schoss er sich in diversen Streifen seinen Weg durch Manilas Gassen und Gossen. Auf einer Woge der Euphorie 1998 als frisch gekürter Präsident in den Malacañang-Palast getragen, wurde er 2001 vorzeitig aus dem Amt gejagt und von seiner Vizepräsidentin Gloria Macapagal-Arroyo beerbt. 2007 hatte ihn ein Gericht wegen Korruption und Bezügen aus illegalem Glücksspiel zu lebenslanger Haft verurteilt, die kurz darauf in Hausarrest umgewandelt wurde. Nur wenige Wochen nach dem Urteilsspruch begnadigte ihn die Präsidentin. Estrada ist der älteste und lernresistenteste unter allen Kandidaten. So verkündete er während des Wahlkampfs wie bereits im Jahr 2000 erneut militärisch gegen die für Selbstbestimmung kämpfende Moro Islamische Befreiungsfront (MILF) im Süden des Landes vorzugehen.

Gilbert „Gibo“ Teodoro (geboren 1964), seit Herbst 2009 Spitzenkandidat der derzeitigen Regierungskoalition (Lakas-Kampi-CMD), ist wie sein Cousin „Noynoy“ Aquino ebenfalls ein Spross des machtvollen Clans der Cojuangcos. Er gilt den Medien als klügster Kopf unter den Kandidaten – er studierte unter anderem an der Harvard Law School und hat als jüngster Verteidigungsminister seines Landes im Kabinett von Gloria an Glanz eingebüsst.

So aufwendig, schrill und inhaltsleer dieser Wahlkampf verlief, so engagiert haben wie nie zuvor zivilgesellschaftliche Gruppen politische Bildung von unten geleistet. Eine gute Voraussetzung für spätere Voten, aber nicht gut genug, um schon nach dem 10. Mai einen Politikwechsel einzuleiten. Landesweit existieren etwa 300 politische Dynastien und nach Schätzungen der Nationalpolizei (PNP) 132 Privatarmeen mit insgesamt 10.000 Mann unter Waffen – 1,2 Millionen sollen es sein. Sie sind dazu da, notfalls gewaltsam bestehende Machtverhältnisse und Pfründe zu verteidigen.

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