RAJmue

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RE: Wieso gibt es Krebs? | 12.12.2012 | 10:29

Sehr geehrter Autor,

danke für diesen Artikel. Allerdings geht er m. E. nur sehr begrenzt auf das Problem ein, welche Beziehung zwischen Evolution und Krebsentstehung besteht und welche Relevanz diese für die Therapie haben könnte. Auch beantwortet er nicht die Frage nach dem „evolutionären Zweck von Krebszellen“. Wie, wenn diese Zellen gar keinen erkennbaren „Zweck“ haben und hauptsächlich ein Kollateralschaden anderer „Zwecke“ sind? Ob die Analyse der Tumorzellen (therapie-)relevante Einblicke in die Evolution zu geben vermag, sei ebenfalls dahingestellt.

1. Über die Zeit häufen Zellen eine zunehmende Zahl von Schäden an, vornehmlich des Genoms. Diese werden zwar von leistungsfähigen Mechanismen repariert, doch sind zwei Faktoren zu beachten. Erstens ist die Effizienz endlich, d.h. mit der Zeit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann ein Fehler nicht adäquat repariert wird. Zweitens investieren Organismen nur endlich viel in diese Erhaltungsprozeduren, schließlich sind ihre Ressourcen begrenzt. Was in der Evolution nämlich zählt, ist nicht so sehr der Erhalt als die die Reproduktion; erster steht im Dienste der letzteren. „Belohnt“ wird eine hohe Reproduktion.

2. Das kann auf verschiedenen Wegen erfolgen: sehr viele Nachkommen, um die man sich nicht kümmert versus wenige, um die man sich kümmert; hohe Fortpflanzungsaktivität nur in der Jugend versus geringere Aktivität über einen größeren Zeitraum. Letzteres hängt natürlich entscheidend von der „natürlich“ erwartbaren Lebensspanne ab. Wenn die sehr kurz ist, „hat es keinen Sinn“, in das Alter zu investieren. Auch die mittlere „natürliche“ Lebensspanne des Menschen ist sehr viel kürzer als heute, wie man an der Altersverteilung unter „natürlichen Bedingungen“ sieht. Dies ist es, was unsere Biologie geprägt hat, nicht die heutige, im Vergleich dazu „artifizielle“ Situation. Und genau das ist für Erkrankungen relevant.

3. Krebs gehört zu dieser artifiziellen Situation insofern, als die weitaus meisten Fälle in einem Lebensalter auftreten, das weit oberhalb der mittleren „natürlichen“ Lebenserwartung liegt. Er ist wesentlich eine Alterserkrankung; wenn man Laborratten etc. nur alt genug werden lässt, entwickeln sie typische Alterskrankheiten, darunter Krebs. Daher muss eine evolutionsbiologische Betrachtung von Krebs immer beachten, dass dieser i. A. kein selektionsrelevanter Faktor ist; er tritt ja außerhalb des reproduktionsfähigen Alters auf. Die etablierte, durch Beobachtungen und experimentelle Befunde gestützte Sicht auf diese Situation zieht u. A. den Begriff der „antagonistischen Pleiotropie“ heran. Gene haben nämlich in der Regel vielfältige (pleiotrope) Effekte, die in verschiedenen Lebensaltern gegensätzlich (antagonistisch) ausfallen können. Eine physiologische Eigenschaft, die in der Jugend die Reproduktion fördert, kann im Alter abträglich sein; sie spielt dann aber für die Evolution keine Rolle mehr, weil die reproduktive Phase vorüber ist. Hierfür sind etliche Beispiele bekannt.

4. Entsprechend investieren Organismen ihre begrenzten Ressourcen entweder mehr in einen Zustand hoher Reproduktion (mit hoher Aktivierung und „Selbstverbrauch“) oder mehr in ihren Erhalt über die Zeit. Aktivierung geht mit erhöhtem Stoffwechsel etc. und damit auch vermehrter Schädigung einher. Die Balance zwischen Reproduktion und Selbsterhalt wird durch die Theorie des „disposable soma“ beschrieben. Krebs ist in dieser Sicht u. A. die Konsequenz dessen, dass es sich im Mittel ab einem bestimmten Punkt evolutionsbiologisch „nicht mehr lohnt“, in den Erhalt des einzelnen Organismus zu investieren.

5. Die zelluläre Apoptose ist nur einer der Wege, eine irreparabel geschädigte und potenziell gefährliche Zelle zu beseitigen. Genauso wichtig ist die sogenannte „zelluläre Seneszenz“. Wenn zu viele Zellen eines Organs in Apoptose gehen und es zugleich an zellulärem Ersatz (vor allem im Alter) mangelt, geht das Organ zugrunde. Um das zu verhindern, kann die Zelle rechtzeitig in einen Alterszustand versetzt werden, in dem sie sich vor allem nicht mehr teilt und auf diese Weise kein Unheil mehr anrichten kann. Dennoch bleibt sie als strukturbildendes Element im Organ erhalten. Sie reagiert allerdings auf Reize von außen nicht mehr so wie eine junge Zelle.

6. Die zelluläre Alterung im Sinne einer Akkumulation seneszenter Zellen scheint ein wesentliches Merkmal vieler chronischer Erkrankungen. Das ist insofern relevant, als die „innere Widerständigkeit“ dieser zugleich unerlässlichen und doch einer restitutio ad integrum in gewissem Sinne hinderlichen Zellen einer effizienten Therapie oft entgegenzustehen scheint.

7. Man geht davon aus, dass das zelluläre Altern zugleich einen Schutz gegen die Entstehung von Tumorzellen darstellt, da die Zellen „rechtzeitig heruntergefahren“ werden. Die heikle Balance zwischen „Weitermachen wie bisher“ (Tumorrisiko), „Herunterfahren aber dableiben“ (zelluläre Seneszenz) und „Lieber gleich beseitigen“ (Apoptose) wird durch eine Reihe von Regulatoren vermittelt, die mit dem Gesamtzustand der Zelle und des Organismus kommunizieren (z.B. FOXO-Transkriptionsfaktoren, Sirtuine als multifunktionale Deacetylasen); das Verständnis dieser komplizierten Zusammenhänge steht aber erst am Anfang.

8. Dass der „evolutionäre Zweck“ von Tumorzellen eine Art von zeitlich geraffter, für den Organismus finaler Rekapitulation der Phylogenese sei, wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen. Dazu müsste gemäß den Standards der Evolutionsbiologie aufgezeigt werden, welchen reproduktiven Vorteil Organismen von Tumoren haben. Falls dieser besteht, dann eben paradox genau in der oben geschilderten Art der antagonistischen Pleiotropie; der Tumor selbst hat aber keinen erkennbaren „Zweck“, er ist Kollateralschaden. Dass Tumoren selbst eine evolutionsfördernde oder -dirigierende Rolle spielen, kann man mit Fug und Recht bezweifeln, anders als vermutlich z. B. für Viren. Und zwar zum Einen deshalb, weil Tumoren ja in der Regel das Leben des Organismus beenden, während für Viren eine dauerhafte Koexistenz gefunden werden kann. Ferner dürfte in den mit Tumoren einhergehenden genomischen Veränderungen schwerlich ein positives Entwicklungspotenzial zu erkennen sein, es ist eher Desorganisation als Reorganisation.

9. Kennzeichen der Evolution ist nur zum Teil das Aufkommen „neuer Gene“. Vor allem ist es die zunehmend komplexe Regulation, sowohl innerhalb von Zellen als auch in ihrem Zusammenspiel. Es ist daher nicht unbedingt verwunderlich, wenn beim „Entgleisen“ von Tumorzellen auch regulatorische Komplexität verlorengeht und somit einfachere, „alte“ Muster wieder zutage treten. Der Verlust der über viele Sicherheitsschalter gewährten Zellzykluskontrolle und Integrität des Genoms in multizellulären Organismen ist ja das kennzeichnende Beispiel. Ob diese, m. E. durchaus unneue Erkenntnis wirklich relevante Anknüpfungspunkte für Therapien liefern kann, ist eher unklar.

10. Auch muss man die unaufhörlich in die Öffentlichkeit drängende Rede von wegweisenden etc. neuen Erkenntnissen, die für die Therapie Konsequenzen haben etc., nicht unbedingt goutieren. Faktum ist, dass vielen Ankündigungen der Vergangenheit oft nichts Relevantes gefolgt ist. Wir haben nämlich heute in der Hauptsache gelernt, dass Organismen unglaublich komplex (parallel) verschaltet sind und man schwerlich an einer einzelnen Masche des regulatorischen Netzes ziehen kann, ohne andere zu beeinflussen. Da in Tumorzellen i. A. viele der Maschen gerissen oder verzerrt sind, ist es so schwer, eine effiziente und vor allem dauerhafte, gegen Resistenz und Rückfall gefeite Therapie zu finden.

11. Die positive Kehrseite der Komplexität ist ein hohes Maß an Redundanz und somit Betriebssicherheit eines Systems, das sich laufend selbst warten muss statt wie Ingenieurprodukte extern gewartet zu werden. Man kann das durch den Vergleich der Architektur von Genomen und Software-Betriebssystemen illustrieren; die Hierarchien sind jeweils anders. Sobald allerdings zentrale Mechanismen der Selbstwartung wie bei Tumorzellen entfallen, wird es schnell zappenduster.

12. Die untrennbar mit Redundanz verquickte Komplexität ist auch das Resultat des vorherrschenden „evolutionären Klempnerns“ (tinkering), d.h. der Entstehung lokaler ad hoc-Lösungen in der Evolution statt globaler, ingenieurmäßig rational erscheinender Konstruktionen. Das macht die Sache so schwer übersehbar und beherrschbar, auch bei Tumorzellen („der Klempner findet immer eine Lösung“). Zu dem, was Organismen von Ingenieurprodukten bzw. Softwaresystemen abhebt, gehört ja ein hohes Maß an prima vista ingenieurmäßig „unintelligent design“, und das hat eben eine positive und eine negative Seite.

13. Eines der Probleme bei chronischen Erkrankungen scheint zu sein, dass die Redundanz zwar ein Verharren im Zustande der Gesundheit, offenbar aber auch ein Verharren im Zustande der Erkrankung begünstigt, sobald zu viele regulatorische Schalter umgestellt oder inaktiviert sind. U. A. deshalb sind diese Erkrankungen (derzeit) so schwer oder gar nicht zu „heilen“. Eine detaillierte, umfassende systembiologische Analyse der regulatorischen Strukturen bietet vermutlich derzeit die größte Chance auf einen Fortschritt in der Therapie von komplexen Erkrankungen. So kann man u. A. lernen, wo die „schwachen Punkte“ liegen, Auch kann man vorausschauend bei Tumorzellen erkennen, welche Wege bereits im Vorfeld blockiert werden müssen, damit die Zellen einer therapeutischen Intervention nicht auf Umwegen dann doch wieder „entkommen“ können.

Mithin reicht eine echte evolutionsbiologische Betrachtung m. E. viel weiter als im Artikel beschrieben. Dennoch Dank dafür, dass Sie die Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt haben.

Mit freundlichen Grüßen

RE: Blinde Expertokratie | 22.05.2012 | 22:06

Kurios ist in der Tat, dass Herrn S. nicht der Doppelsinn seines Satzes aufzugehen scheint, dass „Menschen, die sich nicht für Zahlen interessieren und nichts von Zahlen verstehen, dazu neigen, blind um sich zu schlagen“. Eben das charakterisierte beispielsweise Adolf Eichmann, der sicher etwas von Zahlen verstand, auch Menschen nüchtern sozusagen nach ihrem Brennwert zu beurteilen verstand und passend dazu nicht wild um sich schlug. JA hat recht, Herr S. weist offenkundige Defizienzen auf, die allerdings nicht nur emotionaler Natur sind, sondern ins Moralische reichen. Das trat ja bei seinem letzten Opus sehr deutlich zutage, das Werk eines intellektuell und emotional Besessenen mit den typischen internen und externen Zirkeln paranoider Rückkopplung.

RE: Stell den Windbaum auf und zähle den Schaden | 21.05.2012 | 22:35

Großen Dank für diesen Beitrag.

Wäre jemand wirklich „konservativ“ im Sinne von „Schöpfung bewahren“, wäre ihm all das, was Sie so präzise und umsichtig erläutern, präsent. Er wüsste dann vor allem, dass es nur Kompromisse geben kann, die schmerzhaft sind für den, der – nicht unberührte, die gibt es nicht mehr – aber stille und nicht von apparenter Technik dominierte Natur liebt. Das ist aber bereits nicht mehr möglich, wenn über die Idylle, in der der Dichter sich niedergelassen hat, Düsenjets fliegen und aus der Ferne Motocross-Geheul dringt.

Dahinter steht in der Tat eine konservatorische Haltung Privilegierter. Herr zu G. möchte sich sozusagen nicht den Ausblick vom Schloss verderben lassen. Hier ist die „Schöpfung“, anderswo nicht. Faktisch spielt er genau denen zu, die als Kollateralschaden dann auch seine Idylle zerstören, wenn es denn Profit bringt. Auch „conservare“ bedarf des Aufwandes gegen die allgegenwärtige Entropietendenz und heißt „destruere“ anderswo. Das im Endergebnis destruktive Moment des „Konservativismus“ ist ja auch in der Geschichte des 20. Jahrhunderts genügend deutlich geworden.

RE: Weltskeptikerkonferenz - Kreationismus II | 19.05.2012 | 21:31

@Kunibert Hurtig 18:37

Danke für den Hinweis. Überdies erklärt sich vieles auch historisch daraus, dass es nach der Einwanderung in diesem Riesenland Riesenareale im wörtlichen und übertragenen Sinne gab, in denen buchstäblich die Zeit stehenbleiben konnte. Ein Präsidentschaftskandidat, der einer Religionsgemeinschaft angehört, in der die Auserwähltheit von GOC Hauptprogrammpunkt ist, lässt im übrigen nichts (als) Gutes erwarten.

RE: Weltskeptikerkonferenz - Kreationismus II | 19.05.2012 | 19:34

Danke, merdeister, für diese klaren Ausführungen.

Folgende Anmerkungen möchte ich noch zu „Intelligent Design“ ergänzen.

1. Versteht man ID ganz allgemein und unbestimmt als Annahme, dass Gott irgendwo irgendwie seine Hand im Spiel gehabt habe, beispielsweise bei einer „Feinabstimmung“, oder dass er irgendwie der Seinsgrund sei etc., ist ID nicht naturwissenschaftlicher Art und primär Ausdruck religiöser Gesinnung. Eine solche Einstellung geht mit Teilhard de Chardin etc. einerseits und einer konsequenten naturwissenschaftlichen Forschung andererseits ohne Probleme zusammen. Wenn Umfragen zufolge ein Großteil der Bevölkerung ohne nähere Spezifikation „irgendwie“ an ID glaubt, erscheint dies insofern unbedenklich.

2. Versteht man unter ID, dass Gott irgendwo in der Evolution konkrete „Signale“ in die DNA inkorporiert habe usw., ist es Unsinn. Signale bedürfen der Energieübertragung, und man tangiert massiv die Geschlossenheit der naturwissenschaftlichen Erklärung, die sich immer bewährt hat (hier hilft auch kein Quantenhokuspokus mittels „Information“ etc.). Hätte man Hinweise auf solche Signale, stünde man ferner vor der Alternative, entweder das Forschen ab dann bleiben zu lassen, weil man ja eine “Antwort“ hat, oder zu untersuchen, wie diese „Signale“ dahingekommen sind, wie sie mit anderen zusammenhängen, also im Effekt nichts weiter als gängige Forschung zu betreiben. Ein „fiat“ ist keine Erklärung. Es wird aber nicht öffentlich reflektiert, dass die „Erklärung“ entweder keine Konsequenzen hat oder zu einem Stopp bzw. einer Lenkung der Forschung führt, wie sie von Kreationisten i.e.S. nicht anders beabsichtigt wird. Letzteres ist teils in den U.S.A. anzunehmen gemäß der „wedge strategy“.

3. Änhänger von ID etc. führen immer wieder an, die Evolutionstheorie sei nicht falsifizierbar (was ebenfalls Unsinn ist). Würden sie jedoch selbst dem Falsifizierbarkeitskriterium Genüge tun wollen, müssten sie unter den führenden Evolutionsbiologen sein. Ihre Aufgabe müsste ja sein, zu zeigen, dass noch mit den trickreichsten Kombinationen natürlicher Mechanismen keine befriedigende Erklärung möglich ist, also in diesem Sinne das Evolutionsmodell falsifiziert ist. Das Gegenteil ist aber der Fall. ID ist nur externe kakophone Begleitmusik zu einer Forschung, die durch die Bank von anderen betrieben wird.

4. Die „irreduzible Komplexität“, die gerne als Beleg angeführt wird, ist ein genuin unwissenschaftlicher Begriff. „Irreduzibel“ sind bestimmte Gruppen, Polynome etc. in der Mathematik, in der man strenge Beweise führen kann. In der Anwendung auf empirische Gegebenheiten ist der Begriff unhaltbar. Entweder er bedeutet analog der Mathematik „grundsätzlich nicht weiter erklärbar“, dann widerspricht er dem Ethos der Naturwissenschaft, die immer weiter geht und bei keiner Erklärung als endgültig stehen bleibt (abgesehen davon zeigt die Geschichte der Wissenschaften, dass solche Festlegungen in aller Regel scheiterten). Oder der Begriff bedeutet nur „zur Zeit nicht erklärbar“, dann ist er überflüssig, wiederum abgesehen von der Tatsache, dass einige Paradebeispiele für „irreduzible Komplexität“ inzwischen eine plausible Erklärung gefunden haben und immer mehr davon erklärt werden. Der sodann aus dem Ärmel gezauberte Trumpf der Wahrscheinlichkeitsrechnung bewegt sich in aller Regel auf Klippschulniveau, so dass ein Wissenschaftler sich dazu verführen lassen kann, als Antwort nur noch die bekannte leicht wedelnde Bewegung mit der flachen Hand vor der Stirn zu vollführen. Hier erweist sich bei den Kritikern der Evolutionsbiologie, dass sie vom fahrenden Zug der wissenschaftlich-mathematischen Modellierung komplett abgehängt sind.

5. Eine sorgfältige Analyse des Baus von Lebewesen zeigt gerade in vielen Fällen nicht intelligent design, sondern unintelligent design, das kompensiert wird durch intelligent tinkering. Der Beispiele für ingenieursmäßig gesehen dumme Konstruktionen sind unzählige - und es wäre durchaus auch anders möglich gewesen, wie die Heterogenität der Lösungen und Gegenbeispiele zeigen. Die Erklärung liegt genau in den Zufallselementen der Evolution, die viele Wege irreversibel festlegt, in Kombination mit den physischen Randbedingungen: lokale statt globaler Optimierung. Sich darauf hinauszureden, dass wir dies nicht an unserer Intelligenz messen dürften etc., heißt sich aus der Diskussion verabschieden.

6. ID als eingetunkter Kreationismus ist ein gesellschaftliches Phänomen in einer Zeit des Wandels. Wenn mir das Wetter nicht gefällt, darf ich natürlich auch gerne die Meteorologie über den Haufen werfen und die griechischen oder germanischen Götter, Petrus etc. persönlich verantwortlich machen, falls mein Gefühl etwas Derartiges erheischt.

RE: Denn sie wissen nicht, was wir tun | 13.05.2012 | 19:40

Sehr geehrte Frau Baureithel,

vielen Dank für diese Ausführungen. Nur am Ende würde ich vielleicht den Kontrast zwischen „richtig“ und „gut“ nicht so wie Sie setzen, denn m.W. war die „klassische“ Philosophie des guten Lebens auch immer eine des richtigen (etwa in der Stoa an kosmischen Maßstäben orientiert) und auch eine des richtigen, angebrachten, ggf. selbstgewählten Sterbens. Vielleicht ist der Übergang, den Sie meinen (wenn ich Sie recht verstanden habe), genauer mit „gut“ und „richtig“ versus „individuell optimal“ und „kriterienadäquat“ beschrieben; das sind natürlich keine griffigen Vokabeln.

Es führt allerdings kein Weg ins Alte zurück, und wenn, dann würde er schrecklich.

Mit freundlichen Grüßen

RE: An der Grenze | 11.05.2012 | 19:21

Sehr geehrte Frau Zinkant, sehr geehrter Herr Pfaff,

vielen Dank und bitte mehr von solcher Art von Wissenschaftspopularisierung.

Was den Themenkreis Kosmologie und Struktur der Materie oder Raum aus heutiger Sicht angeht, können Sie auch Thomas Thiemann (m.W. noch am MPI in Golm) fragen, oder Martin Bojowald von der Penn State, oder Claus Kiefer von der Universität Köln, die können auch hervorragend allgemeinverständlich formulieren, oder sagen wir besser: so, dass man einen Eindruck davon gewinnt, worum es geht. Das nur als Anregung für Weiteres.

Mit freundlichen Grüßen

RE: Wie Humboldt auf den Hack-Drops kam | 11.05.2012 | 19:01

Sehr geehrte Frau Zinkant,

vielen Dank für diesen Artikel und Ihre Kommentare, in denen Sie genau beschreiben, was herauskommt, wenn akademische Standards, die ja neben der Methode auch die Themenwahl betreffen, fiktiven oder realen Bedürfnissen des verehrten Marktes weichen. Bemerkenswert finde ich auch, wie wenig hier eigentlich noch Einwände verfangen, wenn erst einmal die Grundorientierung verloren gegangen ist. Denn die Gegenseite kann immer noch argumentieren, dass die beiden Humboldts ja auch an praktischen Realisationen interessiert gewesen seien usw., und das waren sie ja auch, nur anders.

Eine unterstellte oder auch nur potenzielle Nachfrage ist zur Zeit der Hauptfeind einer selbständigen und dann auch gegebenenfalls kritischen akademischen Wissenschaft, das gilt inzwischen leider in fast allen Disziplinen. Wenn inzwischen Homöopathie, Esoterik und dergleichen ebenfalls an die Universitäten drängen oder dort teils schon Platz genommen haben, wird ja auch neben der Pluralität die Nachfrage gerne als Argument angeführt. Wer diese allerdings als Förderkriterium einführt, läuft Gefahr, mittels der mit ihr häufig assoziierten Schwarmdummheit Ähnliches zu leisten wie früher beispielsweise die Kirche mit ihrem Apparat.

Mit freundlichen Grüßen

RE: Neue Lyrik – neue Impotenz | 06.05.2012 | 22:18

@ideefix

Man wird das "Publizieren" nicht verhindern können, wenn das so einfach wie heute ist. Daher schrieb ich in meinem ersten Beitrag um 17:20 auch "Überhaupt: Mehr Mut zum Ignorieren und zur Beschränkung." Die Produzenten werden Sie vermutlich nicht einmal dadurch beeinflussen können, dass Sie sich ostentativ als Rezipient verweigern, denn die leben in ihrer Binnenkultur. Es wäre m.E. gut, wenn die Lyrikgeneratoren nicht so schnell weite Verbreitung fänden, denn sie machen das Beurteilen ja eher schwieriger. Aber sie werden natürlich kommen.

RE: Neue Lyrik – neue Impotenz | 06.05.2012 | 21:47

Vergleichen wir das doch einmal mit der Produktion von Photographien, oder derjenigen von Musik, die doch ebenfalls außerordentlich zugenommen haben, seitdem dafür leicht handhabbare technische Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Parallel dazu wuchs, so ist der Eindruck, der Umfang des nicht eingelösten künstlerischen Anspruchs; möglicherweise ist die Menge des Ernstzunehmenden über die Zeit konstant und nimmt daher relativ ab. Jede Photozeitschrift zeigt das enorme Ausmaß des Wollens, und die Zahl der hoffenden DJs und Bands und der computergenerierten Songs ist Legion.

Andererseits werfe man einen Blick etwa auf die Barockzeit. Unzählige Gelegenheitsgedichte zu Hochzeit, Beerdigung usw., die nicht überliefert wurden, unzählige Kompositionen und Improvisationen, die nicht auf uns gekommen sind, alleine seitens der riesigen Zahl der Kirchenmusiker. Der Unterschied ist, dass dies damals als Handwerk begriffen wurde und nicht als Vehikel einer Persönlichkeitsaufwertung. Es steckt die Künstlertheologie der Sturm-und-Drang-Zeit und Romantik dahinter. Göttliche Gnade genießt der, der sich als Künstler fühlen kann, der gesalbt ist. Verständlich, wenn jeder das sein möchte.

Einer der Kritikpunkte des Artikels betrifft den Mangel an Form, an erkennbarem Stil. Was spricht denn eigentlich dagegen, dass jemand, dem gerade der Hund gestorben ist sowie vor zwei Wochen die Oma, oder der beim Wein im Straßencafé einem gepflegten Weltschmerz nachhängt, auf den ihn soeben ein Beitrag in einem Qualitätspresseerzeugnis brachte, seine Gefühle im Stile von Shelley ausdrücken soll? Man nehme den Lyrikgenerator, gebe ein „Hund, Oma, tot, beide, traurig, untröstlich, Beerdigungskosten, Trost, Zukunft, Wetter morgen“ usw. und klicke „Shelley“ an. Das gibt es hoffentlich bald als App für alle. Man kann Teile des Ergebnisses dann nach Wunsch in eine SMS integrieren und Freunde stilvoll aufrichten sowie ein persönliches Posie-eBook damit bereichern (wieviele Leute schreiben denn nicht heute ihre Biographie? Auf dem Markt bieten sich ja sogar professionelle Helfer an, die eigene Lebensgeschichte als Teil der überlieferten Historie zu etablieren).

Warum sollte sich das Niveau der Poesieproduktion so nicht heben lassen? Nach einiger Erfahrung kann man sogar einen ganz eigenen Stil definieren. Beispielsweise 20% Percy Bysshe Shelley, 20% William Butler Yeats, 10% e.e. cummings, 20% Robert Frost, Rest frei definiert mit persönlichen Stichworten aus Familie und Beruf (die kleine Sophie sollte im Durchschnitt jedes vierte Mal vorkommen, Lucas alternierend dazu, mein Dienst-Audi jedes 10. Mal, selbstverständlich nicht plump direkt, sondern nur mittels eines erweiterbaren verbalen Assoziationsfeldes).