Auf Tuchfühlung mit der Gerechtigkeit

Fairtrade Wenn schon Konsum, dann zu fairen Bedingungen. Klingt erst mal gut, aber hält der gerechte Handel, was er verspricht? Immerhin bietet er Konsumenten eine Alternative.
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Niemand Geringeres als Vivienne Westwood klärte neulich die Öffentlichkeit per Interview darüber auf, dass es mit der Konsumgesellschaft Grenzen haben muss. "Kauft weniger!" rief sie den Massen zu und man traut sich kaum zu behaupten, dass sie dabei die ein oder andere offene Tür eingerannt hat.

Dabei könnte man glauben, es gibt ja noch den Mittelweg, der da lautet: Fairtrade. Obwohl, was in Form von Kaffee und Kosmetik inzwischen Eingang ins Mainstream-Kaufverhalten gefunden hat, ist im Hinblick auf Kleidung noch nicht ganz so stark in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt - die Mode mit Herz und Verstand, das Gewissen im Kleiderschrank. Spenden und Kaufen in einem?

Vielleicht sprach die Designerin den vernünftigsten Satz, der im Zusammenhang mit all dem Hickhack um fairen Handel, sweatshop-freie Shirts und Öko-Baumwolle seit langem gefallen ist. Hier im Freitag war es ganz aktuell der Text von Felicity Lawrence, in dem sich die Autorin sinnvollerweise gegen eine Art Ablasshandel für Gutmenschen aussprach, die sich reflexartig und im Glauben, etwas für eine bessere Welt zu tun, auf Produkte mit Fairtrade-Logo stürzen.

Fair und im Trend?

So weit, so gerecht. Schnell wird bei den ehrlich Empörten dann auch der Ruf nach politischen Gegenmaßnahmen laut, die aber wiederum selten im einzelnen durchdacht und erörtert werden. Erstens liest man nichts über die Konsequenzen, die ein Einschreiten der Politik zwingend nach sich ziehen würde (ich denke da vor allem an stark erhöhte Produktpreise in den postindustriellen Abnehmerländern). Zweitens scheint es auch nicht so interessant zu sein, inwieweit solche Maßnahmen überhaupt von der breiten Bevölkerung getragen würden. Gehen wir von Menschen aus, die ernsthaft Anteil nehmen an den Lebensbedingungen anderer - was ist ihnen die Fairness wert?

Der Jutesack beispielsweise hat sich, völlig überraschend, nicht durchsetzen können. Auf Luxus mag man nicht verzichten. Bio, fair und Haute Couture, das muss irgendwie zusammengehen. Gerechte Mode kommt so auch an bei den Gutbetuchten, die wiederum keinen Hehl aus ihrem erweiterten Bewusstsein machen wollen. Schlussendlich fügt sich die Frage nach dem Wie und Woher der Stoffe nahtlos ein ins binäre Fashion-System von In und Out - und läuft damit Gefahr, aus der Mode zu kommen.

Am besten lässt sich das am amerikanischen Hersteller American Apparel beobachten, dessen Gründer Dov Charney noch 2005 in den USA zum "Unternehmer des Jahres" gekürt wurde. Im selben Jahr jauchzte die FAS über vorbildlichen Umgang mit den Mitarbeitern und ausbeutungsfreies Herstellen von hipper, cooler Kleidung, die eben nicht wie selbstgestrickt daherkommt. So angestaubt wie das klingt, wurde natürlich nicht vermieden zu erwähnen, dass gerade junge Konsumenten angesprochen werden sollten. Kaum fünf Jahre später läutet in der ZEIT auch schon das Totenglöckchen. Der Umsatz ist eingebrochen, schnell war das Image futsch, Vorwürfe von Diskriminierung der Angestellten wurden laut - ausgeträumt!

Nein, danke. Ich kaufe nicht.

Fairer Handel ist trotz allem sicher nicht die schlechteste Methode, auf moralische Schieflagen im globen Handel zu reagieren. Denn nachweislich macht er die Bedingungen der Menschen, für die er ersonnen wurde, nicht schlechter. Er mag keine abschließende Lösung sein, aber eine Linderung ist er allemal. Und vor allem hat er Signalwirkung! Worauf es ankommt, sind wohl letztlich die unabhängigen Kontrollen, denen er unterliegen muss. An dieser Stelle sehe ich viel eher einen Einsatzbereich der Politik als in der Preisgestaltung. Am Ende muss der Konsument hierzulande fähig sein, eine mündige Entscheidung treffen zu können und dabei sicher sein, keinem Etikettenschwindel zu unterliegen.

Ansonsten halte man es mit Vivienne Westwood und übe Verzicht. Die Dame trägt zum Beispiel so gut wie nie Unterwäsche. Und was man nicht trägt, das muss man gar nicht erst kaufen.

03:33 02.03.2012
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