Stadtbild Berlin: Ostalgie vs. Denkmalpflege?

Alexanderplatz Das historische Ost-Berliner Ensemble muss sukzessive einer fragwürdigen Neugestaltung weichen. Bald geht es wohl dem Haus des Reisens an den Kragen.
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Eine Welle der Empörung ging durch die Bevölkerung, als um 1974 bekannt wurde, man wolle das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg zum Denkmal erklären. Die Relikte der Nazi-Barbarei als erinnerungswürdig, gar erhaltenswert zu bezeichnen, das war für manche Zeitgenossen undenkbar. Zwar standen die 70er Jahre im Zeichen eines wachsenden Bewusstseins für historische Bausubstanz - unbequeme, weil politisch belastete Überbleibsel wurden bis dato aber gerne gemieden. August Gebeßler, Denkmalpfleger und Stein des Anstoßes in der Debatte um das Gelände, entgegnete den Widerrufen mit einem Zitat aus dem bayerischen Denkmalschutzgesetz, welches ein Denkmal schlicht als einen Bau aus vergangener Zeit versteht. Dazu bemerkte er, dass es sich beim Nationalsozialismus unzweifelhaft um eine vergangene Zeit handelt.

Ebenso zweifellos hat sich die DDR zu den einst gewesenen deutschen Staaten gesellt. Und auch sie hat während ihres Bestehens fleißig geplant und gebaut und damit architektonische Spuren hinterlassen, an denen sich noch heute ihr Verständnis von Repräsentation ablesen lässt. Oder sollte man besser sagen: heute noch? Denn ob es morgen so sein wird, ist ungewiss.

Phantomschmerzen in der Hauptstadt

Von 2006 bis 2008 hat sich Berlin ein großes Stück seiner Stadtgeschichte selbst amputiert - der Palast der Republik musste weichen, um zunächst einmal einer gewissen Gedächtnislücke Platz zu machen. War er doch asbestverseucht und lag dem Senat auf der Tasche, aber ganz sicher nicht am Herzen. Sein restloser Rückbau trotz Einwänden von Seiten der Denkmalpflege muss als Verlust eines bedeutenden Bauwerks deutscher Geschichte angesehen werden. Immerhin wäre auch eine Sanierung drin gewesen.

Und während Berlin noch mit den Phantomschmerzen zu kämpfen hatte (z.B. dafür Sorge zu tragen, dass das fehlende Gewicht des Palastes nicht zu Verschiebungen im Untergrund führt), plagten es auch schon die Geburtswehen des kommenden Zwitters aus Kultur und Disney World, nämlich des zurückersehnten Stadtschlosses alias Humboldt-Forum.

Über das Für und Wider dieses Neubaus ist bereits viel diskutiert worden. Dabei stehen noch ganz andere historische Kandidaten auf der Abschussliste, die ihrer Rettung harren.

Anzeichen von Willkür?

Ein prominentes Exemplar wäre beispielsweise das Haus des Reisens, Teil der Bebauung am Alexanderplatz. In ihm war das Reisebüro der DDR untergebracht, außerdem befanden sich dort Räumlichkeiten der Gesellschaft Interflug. Von 1969 bis 1971 dauerte die Bauphase und so zeichnet sich das Gebäude durch die typische Architektursprache im Ostdeutschland jener Zeit aus - einer Vermengung von internationalem, an sich unpolitischem Baustil mit sozialistisch aufgeladener Kunst. In diesem Fall eine Kupfertreibarbeit des DDR-Künstlers Walter Womacka:

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Walter Womacka, Der Mensch überwindet Zeit und Raum (Detail)

Der Titel des Kunstwerks und auch sein Erscheinungsbild geben ein beredtes Zeugnis der fast sakralen Behandlung von Technik und Fortschritt im Arbeiter- und Bauernstaat. Zugegeben, im Vergleich mit dem bunten Bilderfries am Haus des Lehrers gleich gegenüber wirkt die Bauplastik eher kalt und düster. Doch eben dieses Haus des Lehrers steht als einziges DDR-Gebäude am Platze unter Denkmalschutz - ungeachtet der Tatsache, dass sein Schmuck ebenfalls von Womacka stammt. Einmal eignet sich seine Kunst eben als fotogenes Kuriosum einer untergegangenen Staatsform, ein andermal dagegen nicht, so kommt es einem vor.

Denkmalpfleger bescheinigen dem Haus des Reisens aufgrund seiner architektonischen Besonderheiten, z.B. der Gestaltung des Sockelgeschosses, einen unbedingt schützenswerten Status. Zu einem Einlenken hat das die Entscheidungsträger bis jetzt nicht bewegt.

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Haus des Reisens am Berliner Alexanderplatz

Eingetütete Erinnerungskultur

Wenn der DDR in Berlin gedacht wird, dann üblicherweise in Form netter kleiner Souvenirs. Da werden eifrig Sand- und Ampelmännchen verkauft, Trabbis und Fernsehtürmchen gehen über die Ladentheke und lustige Fotos am Checkpoint Charlie gibt's auch. Die Ostalgie bringt klingende Münze und süßen Sozialismus zum Mitnehmen - je nachdem, auf welcher Seite der Ladentheke man gerade steht.

Draußen, im echten Berlin dagegen, beginnen irgendwann die Arbeiten am neuen alten Schloss einer Monarchie, die zuletzt dem Deutschen Reich einen Platz an der Sonne sichern wollte, aber ach! Lang ist's weit und weit weg war's obendrein. Den Flecken Sonne haben die Berliner momentan auch vor der Haustür, zumindest so lange neben dem Dom noch die Leere gähnt.

An der heutigen Regierung wäre es, dem alten Ostberlin einen Platz in der Geschichte zu sichern. Auch im Interesse derer, die, aus welchen Gründen auch immer, ein Wiederauferstehen der DDR-Diktatur befürchten. Denn deren Bauwerke sind, wie eben das so euphemistisch bezeichnete Haus des Reisens, nicht nur Zeugen ihres Gewesenseins, sondern auch Symbole ihrer Irrwege. Sollten sie erneuerungssüchtigen Stadtplanern tatsächlich zum Opfer fallen, es wäre kein berichtigtes, nur ein beschönigtes Berlin.

05:19 07.03.2012
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