Damals glücklicher

Ökonomik Nostalgie galt früher als Krankheit. Doch sie erfüllt wichtige psychologische Funktionen. Sie macht uns bewusst, dass Fortschritt nicht automatisch das Glück vermehrt
Damals glücklicher
Diagnose: „Hedonischen Hamsterrad“
Foto: Captainmcdan

Der norwegisch-US-amerikanische Politikforscher Jon Elster hat in einem seiner Bücher den bedenkenswerten Satz geschrieben: „Wir waren glücklicher, bevor wir diese schicken neuen Dinge hatten. Nun aber würden wir uns ohne sie jämmerlich fühlen.“ Gemeint ist: Tatsächlich waren wir früher glücklicher. Oder zumindest ist es gut möglich, dass wir glücklicher waren. Im Zuge von Fortschritt und Innovation haben sich nämlich auch unsere Neigungen und Wünsche verändert. Im Zuge von steigender Mobilität, immer besser sortierten Supermarkt-Regalen und allgegenwärtig verfügbarer digitaler Kommunikation sind wir anspruchsvoller geworden. Und das heißt unter Umständen auch: Obwohl vieles von dem, was wir uns in der Vergangenheit gewünscht haben, in Erfüllung gegangen ist, sind wir auf lange Sicht nicht glücklicher geworden.

Nostalgie wäre so betrachtet ein durchweg rationales Verhalten. Denn damit die Vergangenheit in einem guten Licht dasteht, reicht es aus, sich in jene Person zurückzuversetzen, die man selbst damals gewesen ist. Im Effekt entsteht so die Erinnerung an eine Situation, die aus damaliger Perspektive in mancher Hinsicht tatsächlich besser gewesen sein mag – für uns heute, mit gestiegenem Anspruch, aber keine attraktive Alternative mehr darstellen würde.

Auf diese Weise würde sich auch die eigentümliche Ambivalenz des nostalgischen Fühlens erklären: Die Ambivalenz rührt daher, dass wir im Vorgang des Erinnerns wechselweise die Perspektive unseres gegenwärtigen Ichs und jene unseres damaligen Ichs einnehmen – und im Zuge dieses Perspektivwechsels immer wieder zu einer anderen Bewertung vergangener Situationen gelangen.

Als „hedonische Anpassung“ wird das zugrundeliegende Phänomen übrigens in der ökonomischen Verhaltensforschung untersucht. Dabei geht es sowohl um die Anpassung an erfahrenes Glück wie an erfahrenes Unglück. Im Rahmen von empirischen Studien beispielsweise haben Forscher der Sussex University und des Max-Planck-Instituts für Ökonomik untersucht, wie verschiedene Krankheitsbilder sich langfristig auf Glück und Lebenszufriedenheit auswirken. Die Auswirkungen von Gesundheitsverbesserungen auf die Lebenszufriedenheit, so die Untersuchungen, werden drastisch überschätzt. Bei schwerwiegenden körperlichen Beeinträchtigungen wie sie etwa mit einer Querschnittslähmung einhergehen, wird die Anpassungsfähigkeit der menschlichen Biologie hingegen systematisch unterschätzt – und damit der Verlust an Lebensqualität überschätzt. Die Auswirkungen von mentalen Beeinträchtigungen werden gegenüber körperlichen Erkrankungen als niedriger eingeschätzt – haben aber im tatsächlich eingetretenen Krankheitsfall einen stärkeren negativen Effekt auf die Lebenszufriedenheit als körperliche Leiden.

Hamsterrad

Bekannter als die Forschungen zur Gewöhnung an das Unglück dürfte die Abnutzung des Glücks sein – so die Diagnose des „hedonischen Hamsterrades“. Der Diagnose zugrunde liegt die Theorie, nach welcher der individuelle Mensch ein konstantes Glücks- oder Zufriedenheits-Niveau hat, welches sich durch Ereignisse wie eine Heirat oder eine Gehaltserhöhung allenfalls kurzfristig erhöht, bald aber wieder auf den früheren Normalzustand zurücksinkt. Nach der mit dem Begriff des „hedonischen Hamsterrades“ einhergehenden Diagnose streben wir als Gesellschaft nach immer mehr materiellen Ressourcen und immer stärkere Anreizen, um unser Glücks-Niveau zu halten. Die damit verbundenen Nebeneffekte – wie zum Beispiel längere Arbeitszeiten oder Wettrüsten in Sachen Statussymbole – tragen mit dazu bei, dass das Glücksniveau insgesamt jedoch nicht steigt. So betrachtet, wären unsere nostalgischen Gefühle keine irrationale Verklärung, sondern nur allzu vernünftig.

Als Hyperchondertum des Herzens wurde Nostalgie früher bezeichnet. Ärzte behandelten sie als Krankheit: mit Schröpfkuren, Wickeln und Opium. Kulturkritiker sehen in ihr noch heute eine bedenkliche Verklärung der Vergangenheit Alles Unsinn. Nostalgie erfüllt wichtige psychologische Funktionen. Wir zeigen Ihnen welche

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17:13 20.12.2012
Geschrieben von

Ralf Grötker | Ralf Grötker

Wissenschaftsautor.Zwischenzeitlich Redakteur der Wissens-Seiten beim FREITAG
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Ralf Grötker

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