Christian Füller
11.03.2013 | 21:48 28

Faktencheck: Hilft Sitzenbleiben?

Bildungspolitik Soll das Sitzenbleiben abgeschafft werden? Ein Streifzug durch Untersuchungen aus der Bildungsforschung, die helfen könnten, die Frage zu beantworten

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Ralf Grötker

Faktencheck: Hilft Sitzenbleiben?

Text und Recherche: Christian Füller

Argumentkarte: Ralf Grötker

Deutschlands Schulen lassen im Vergleich zu anderen Ländern ungewöhnlich oft Schulkinder sitzen. Sie müssen dann ein Jahr komplett wiederholen. Die Absicht der rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen, das Sitzenbleiben abzuschaffen beziehungsweise überflüssig zu machen, löste in den letzten Wochen eine heftige Debatte aus. Medien und Menschen streiten über die Frage, ob das Durchfallen eine sinnvoll pädagogische Maßnahme ist. Welche Evidenzen gibt es, auf deren Grundlage der Streit entschieden werden könnte?

http://www.debattenprofis.de/wp-content/uploads/2013/03/sitzenbleiben.png

Bild klicken für größere Ansicht

Eigentlich sollte die momentane Aufgeregtheit der öffentlichen Diskussion überraschen: Die Frage des Sitzenbleibens wurde schon seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 eingehend untersucht. Zudem haben bereits mehrere Bundesländer wie Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Hamburg, Berlin und Rheinland-Pfalz Schulreformen durchgeführt, die das Sitzenbleiben ganz oder teilweise unterbinden. In der Fachwelt gilt die Nichtversetzung überwiegend als überholt. Sie ist Ausdruck eines Schulsystems, das für das 21. Jahrhundert nicht mehr haltbar ist. Dennoch gibt es Lobbygruppen und Forscher, welche die Nichtversetzung in die nächste Klasse als positiven Ansporn ansehen. Auch in der Bevölkerung ist eine deutliche Mehrheit für das Sitzenbleiben.

Das Sitzenbleiben kam vor allem nach der ersten Pisastudie in Verruf, die 2001 erschien. In dieser Studie hatten die deutschen 15-jährigen nicht nur von der Leistung her schlecht abgeschnitten, sie waren sozusagen auch in der Höhe der erreichten Klassenstufen weit hinter den Schülern anderer Staaten zurück geblieben. Während die Schüler anderer Länder meist schon in der 10. Jahrgangsstufe waren, hingen die deutschen Schüler ungewöhnlich deutlich hinterher. In der 10. Klasse befanden sich von den deutschen Pisateilnehmern nur 24 Prozent, in der 9. Klasse rund 60 Prozent. Und sogar unterhalb der neunten Klasse fanden sich noch 16 Prozent der deutschen 15-jährigen.

„Der Hauptgrund für den hohen Anteil an Schülerinnen und Schüler, die eine niedrigere als die ihrem Altersjahrgang entsprechende Klassenstufe besuchen ist eine vergleichsweise restriktive Versetzungspraxis“,

schrieb Gundel Schümer im Jahr 2001 im ersten Pisaband (Baumert et al 2001: 414). Kurz gesagt: In anderen Ländern waren 9 von 10 Schülern in der 10. oder gar 11. Klasse, in manchen die Hälfte – in Deutschland nur ein Viertel.

Daraufhin wurden eingehende Analysen vorgenommen, ob es eventuell sogar einen Zusammenhang zwischen dem Sitzenlassen und den insgesamt mittelmäßigen Leistungen der deutschen Schulen gebe. Ausgangspunkt waren drei drei Pisa-Testrunden, die in den Jahren 2000, 2003 und 2006 durchgeführt wurden. Die Tests erfolgten jeweils in den drei Domänen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Alle sechzehn Bundesländer wurden einbezogen. Auf diese Weise wurden insgesamt 144 Tests realisiert. Das Ergebnis: Nur in drei dieser 144 Tests lag die Anzahl jener Schüler, welche die Messlatte der durch PISA definierten Anforderungen erfüllten, über der Anzahl von Schülern, welche den Vorgaben nicht nachkamen.

Sitzenbleiben ist Mit-Ursache für schlechte Leistungen

Eine der Tiefenanalysen des Schulsystems vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zeigte, dass vor allem zwei Ursachen für das niedrige Leistungsniveau an deutschen Schulen verantwortlich sind: das gegliederte Schulsystem (inklusive der "Abschulung" von leistungsschwachen Schülern zum Beispiel vom Gymnasium in die Realschule) und das Sitzenbleiben. Die reine Sitzenbleiberquote lag in Deutschland durchschnittlich bei 24 Prozent, im Westen des Landes bei über 30 Prozent (mit Spitzenwerten in Bremen und Schleswig-Holstein), im Osten bei knapp 15 Prozent.

Der Mechanismus, welcher dafür verantwortlich ist, dass das Sitzenbleiben zu einer Verschlechterung des Leistungsniveaus führt, besteht vor allem darin, dass die Wiederholung einer Klasse von den Schülerinnen und Schülern als ein massiver Misserfolg erlebt wird. Dieser Misserfolg wird durch die Wiederholung selbst nicht kompensiert. Analysen von Tillmann und Meier zeigten, dass die Leistungen der Sitzenbleiber schwächer sind als die der normal versetzten Schüler (2001: 475) Die Autoren führen dies darauf zurück, dass zwei leistungsbehindernden Faktoren zusammenkommen:

„Zum einen sind Wiederholer im Durchschnitt mit weniger guten kognitiven Voraussetzungen ausgestattet (...); zum zweiten wird ihnen aber auch die Befassung mit den anspruchsvolleren fachlichen Inhalten der nächsten Klassenstufe verwehrt. Und dies gilt für alle Fächer.“ (475)

Die Autoren ziehen damit die pädagogische Wirksamkeit des Sitzenbleibens grundsätzlich in Zweifel.

Jungs und Migranten betroffen

Das Sitzenbleiben ist nicht für jede soziale Gruppe gleichbedeutend. Es betrifft viel stärker Jungen als Mädchen und es wirft vor allem SchülerInnen mit Migrationshintergrund aus der Bahn. Krohne und Meier (2004) haben die Versetzungspraxis auf Jungen und Migranten besonders untersucht. Die Studie legt nahe, dass ein pädagogisches Instrument, das derart ungleich in Schullaufbahnen interveniert, mit der Verfassung nicht vereinbar ist. „In allen Schulformen ist der Sitzenbleiberanteil der Jungen deutlich höher als der ihrer Mitschülerinnen“ (2004: 121) In der Schule mit mehreren Bildungsgängen und der Realschule bleiben sieben Prozentpunkte mehr Jungen als Mädchen sitzen. (z.B. 23,7 zu 16,4 Prozent; 30 zu 23,2 Prozent). Bemerkenswert ist dabei, dass die Ursachen für das Sitzenbleiben nicht in der mangelnden intellektuellen Leistungsfähigkeit der Jungen gesehen werden, sondern Eigenschaften wie Ausdauer, Genauigkeit oder Sorgfalt den Ausschlag geben. Es gibt also eine soziale Diskriminierung von Jungen in der Schule. Ältere Untersuchungen von Ingenkamp kamen zu dem gleichen Ergebnis (Ingenkamp 1972: 98).

Bei Migranten liegt der Fall noch deutlicher. „Es offenbart sich eine im Vergleich zu deutschen Kindern alarmierend hohe Sitzenbleiberquote der Migrantenkinder in der Grundschule“ (Krohne & Meier 2004: 135) Die Rate der Nichtversetzungen differiert um 11 bis 35 Prozentpunkte – je nach Schulform, am schlimmsten ist es in den Schulen mit mehreren Bildungsgängen. Vor allem die Mädchen mit Migrationshintergrund leiden massiv unter den Nichtversetzungen.

Sitzenbleiben ist teuer

Die pädagogischen Benachteiligungen durch das Sitzenbleiben sind bereits länger untersucht. In den letzten Jahren kam hinzu, dass auch die volkswirtschaftlichen Kosten ins Blickfeld gerieten. Die jüngste Untersuchung von Klemm zeigte 2009, „dass in Deutschland Jahr für Jahr mehr als 0,9 Milliarden Euro (931 Millionen Euro) für Klassenwiederholungen ausgegeben werden.“ (2009:5) Frühere Berechnungen im Auftrag der GEW kamen sogar auf 1,2 Mrd. Euro. Pro nicht versetztem Schüler fallen etwa 4.700 Euro jährlich an (GEW 2005).

Die Stimmen der Befürworter

Die Bevölkerung teilt die Ansichten der Sitzenbleiben-Kritiker aus den Reihen der Bildungsforscher nicht. In einer Forsa-Umfrage waren es 2002 satte 80 Prozent der Menschen, die sich für das Wiederholen einer Klassenstufe aussprachen. Im Jahr 2006 befragte das Meinungsforschungsinstitut erneut die Bevölkerung – diesmal waren es immer noch 66 Prozent, die das Sitzenbleiben gut fanden. In der jüngsten Studie der Berliner Forsa-Meinungsforscher (2013) fänden es 73 Prozent der Befragten falsch, wenn Bundesländer das Sitzenbleiben abschafften. Interessant ist, dass bei den Schülern selbst das Sitzenbleiben einen noch besseren Ruf hat als bei Erwachsenen: 85 Prozent der Schüler und Studenten sind für die Klassenwiederholung. Die Begründung: Die Abschaffung des Sitzenbleibens würde sich negativ auf die Leistungsbereitschaft der Lernenden auswirken. Selbst die Mehrheit der Grünenwähler (56 Prozent) sieht eine leistungsmotivierende Wirkung. Bei der FDP sind es fast 90 Prozent, die auf den Stachel Sitzenbleiben nicht verzichten wollen.

Die Ansicht „Sitzenbleiben spornt an“ findet sich auch in der Forschungsliteratur. Sie wird auf zweierlei Art beschrieben:

Erstens wird das Sitzenbleiben für Schüler als Schuß vor den Bug verstanden. Schüler erhöhten ihre Anstrengungen, fassten wieder Tritt „und können auf diese Weise ihr Lern- und Leistungsproblem überwinden“ (Hong & Raudenbush 2005: 206). Der Ökonom Michael Fertig bestätigte diese Annahme durch eine rechnerische Analyse der späteren Erfolge von Sitzenbleibern. Unter dem Titel „Sitzenbleiben nützt den Schülern" wurde seine Studie veröffentlicht. Darin fand der Forscher des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung heraus, dass Sitzenbleiben Spätentwicklern nütze. Sie bekamen laut seiner Studie von 2004 später bessere Jobs und verdienten mehr Geld. Allerdings hatte Fertig nur eine Mini-Stichprobe von 20 Personen aus einem Sample von 300 Probanden untersucht.

Zweitens, so die Meinung einiger Bildungsforschert, wirke sich das Heraussortieren der langsameren Schüler überdies positiv auf den Rest der Klasse aus, weil die Homogenität steigt - „damit wird der Lernerfolg für die Übriggebliebenen besser“ (Hong & Raudenbush 2005: 206)

Sitzenbleiben-Kritik seit dem 18. Jahrhundert

Interessant ist als Hintergrund vielleicht auch dieses: Der Streit ums Sitzenbleiben ist so alt wie seine Einführung, als es Ende des 18. Jahrhunderts noch jahrgangsübergreifenden Unterricht gab. Die Schüler rückten im Laufe der Zeit von den hinteren Sitzreihen einer Klasse langsam vor, bis sie Primus waren, also in der ersten Reihe saßen. „Wer die erwartete Leistung nicht bringen konnte, musste 'sitzen bleiben'“, beschreibt der Bildungshistoriker Elmar Tenorth den Vorgang. Allerdings regte sich früh Kritik an der Praxis. Der Reformpädagoge Peter Petersen nannte das Sitzenbleiben den „Bankrott des Jahrgangs-Klassensystems.“ Er verzichtete auf das Sitzenbleiben in seinem alternativen Jena-Plan und ersetzte die Noten durch Lernberichte.

Petersens Kritik aus dem frühen 20. Jahrhundert wurde später durch die empirische Schulforschung untermauert. Kemmler fand 1976 heraus, dass ein Drittel der zurückgestuften Kinder nach nur drei Jahren auch in ihrer neuen Klasse wieder zu den schlechtesten Schülern zählten (Kemmler 1976: 122ff nach Tillmann & Meier 2001: 470). Ingenkamp sah bereits 1969 den gleichen Effekt bei Sitzenbleibern, nämlich „dass die Repetenten durchschnittlich nicht den Leistungsstand der Versetzten finden“ (1969: 157). Glumpler kommt 1994 sogar zu dem Schluss, dass die deutsche Erziehungswissenschaft insgesamt die pädagogischen Wirkungen der Klassenwiederholungen überwiegend negativ einschätze.

Nationaler Bildungsbericht rügt Sitzenbleiben

Erst seit Pisa ist es möglich, in Zahlen und Jahren zu zeigen, wie viel Potenzial die deutsche Schule verschenkt. Bund und Länder haben, auf der Grundlage der neueren Studien, in ihrem erstmals 2006 erschienen Bericht „Bildung in Deutschland“ zum Thema Sitzenbleiben eindeutige Befunde vorgelegt. Ein erheblicher Teil der Schülerinnen „beendet aufgrund von Späteinschulung und/oder Wiederholung die Schullaufbahn mit erheblicher Verzögerung“, heißt es dort. Die WiederholerInnen hätten „signifikante Leistungsnachteile gegenüber Schülerinnen und Schülern, die sich nach einem regulären Durchlauf in derselben Jahrgangsstufe befinden“ (Bildungsbericht 2006:55). Die Schlussfolgerung:

„Ingesamt zeigt sich, dass trotz der Vielfalt an Übergängen und Wechselmöglichkeiten im allgemein bildenden Schulwesen soziale Ungleicheiten nicht annähernd ausgeglichen werden können, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass die Duchlässigkeit in der Praxis eher gering sowie überwiegend 'abwärts' gerichtet ist“ (Bildungsbericht 2006: 53).

Leider jedoch zeigt die Diskussion über das Sitzenbleiben typische ideologische Erscheinungen. Obwohl Forschung und Fachwelt deutlich negativ auf das Durchfallen reagieren, hält sich das Lob für die vermeintliche Ehrenrunde in der Bevölkerung hartnäckig. Externe Beobachter wie der Erfinder und Chef der Pisa-Studien, Andreas Schleicher von der OECD, konstatieren daher: Deutschland hat ein Modernisierungsproblem in seinem Bildungssystem.

Links & Literatur: siehe Extra-Seite

Über neue Folgen des Faktencheck informiert werden?

Folgen Sie uns über Twitter . Oder beziehen Sie ein Abo via E-Mail .

Das Projekt Faktencheck wird gefördert durch die Robert Bosch Stiftung.

Kostenfreie Wiederveröffentlichung diese Textes ist auf Anfrage möglich: faktencheck@debattenprofis.de

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (28)

Columbus 11.03.2013 | 22:42

Sehr anregend, ihr Überblick zu wiss. Studien und allgemeinen Ansichten über das Sitzenbleiben, Herr Grötker.

Sie zeigen die beiden Pole auf. Einerseits, Sitzenbleiben als Chance zur Nachreifung und andererseits sehr viele Belege, dass Sitzenbleiben gerade jenen nicht hilft, die davon, bezogen auf das Lernverhalten und den Lernstoff profitieren sollten.

Warum ist "Sitzenbleiben" trotzdem populär? Sehr viele Eltern und Schüler interpretieren es nicht als Zwang der Schule, die bei einem entsprechenden Notenschnitt und fehlendem Ausgleich, bei mangelhaften Noten in den Hauptfächern, noch immer gezwungen ist die Versetzung zu versagen, sondern als einen freiwilligen Akt des Schülers und eine gute, liebevolle und aufmerksame Praxis der Eltern, ihre Kinder zurückstufen zu lassen.

Tatsächlich wäre es viel hilfreicher, die Schulen könnten gerade für die betroffenen Schüler (z.B. Migranten, Jungs) mehr tun und auch psychosozial helfen.

Aus Erfahrung in der eigenen Familie, ich war zwar nicht betroffen, aber doch beinahe hätte es mich in der Mittelstufe des Gymnasiums erwischt, da ich einfach mit anderen Dingen und jeden Tag mit der eigenen, fehlenden emotionalen Reife beschäftigt war, die Eltern nicht in der Lage mir bezüglich des Stoffes zu helfen, wünschte ich mir, es gäbe idealerweise für ein halbes oder dreiviertel Jahr intensive Unterstützung an den Gymnasien und den anderen, weiterführenden Schulen. Als Vater weiß ich, es muss zu viel selbst organisiert und neben der Schule in die Wege geleitet werden, gibt es ´mal größere Schwierigkeiten.

Letztendlich decken die vielen Studien, die meines Erachtens allzu sehr auf die Lehrplan und Altersstufenleistung hin orientiert sind und dazu die Untersuchungen anlegen (Vergleichstests der Leistungen), statt auf das emotionale, motivationale und allgemeine psychische Grundgerüst der Kinder und Jugendlichen zu achten, an zu vielen Ecken Schwächen unseres Schulsystems auf. - Eine grundlegende Reform, z.B. vom Einheitsschulgedanken der nördlichen Länder zu lernen, die Schulgemeinschaft, mit Muse und Kultur kategorisch zu stärken und das Bindungsverhalten der Schüler und Lehrer in ihrer jeweiligen Schule zu verbessern, steht nirgendwo an und wird durch die aufeinanderprallenden politischen Ideologien erschwert.

Leider setzt sich die schlechte Praxis an den Hochschulen fort und führt dazu, eher seltsame Koryphäen über das Wohl und Wehe, und die Strategie der Hochschulen entscheiden zu lassen, die sich zwar kleine Paläste der Exzellenz errichten dürfen und dafür mit den Senatoren und Ministern ins Bild kommen, die wieder mit Talaren durch die Gegend spazieren, als gehöre Muff wieder dazu, deren wissenschafliche und hochschullehrerische Kompetenzen aber sehr zu wünschen übrig lassen, es sei denn, sie bestätigen sich das gegenseitig anders.

Die Flurschäden dieser Art Schulentwicklung werden auch davon bestimmt, dass immer noch Direktorenposten an wichtigen und gut situierten Schulen an Parteileute vergeben werden und die Schulämter von PGs aller Arten nur so wimmeln. Sogar den Proporz, wie in den Sendeanstalten, kennt man da.

Auf Hochschulebene sind die Präsidenten und Dekane mittlerweile eher Manager. Auch das ist nicht gut.

Sehr richtig und wegweisend, ihr Hinweis, dass, je höher die Schule im Ansehen steht, desto leichter es ihr gemacht wird, problematische Schüler jeder Art, nach unten oder zur Seite weg abzudrängen. Das gilt für Schüler mit Lernschwierigkeiten und mangelnder persönlicher Reifung, das gilt für psychisch kranke oder gestörte Schüler und es gilt für Schüler mit Drogenproblemen oder anderen Formen der Devianz und Delinquenz.

Beste Grüße

Christoph Leusch

seriousguy47 12.03.2013 | 00:13

Habe leider gerade keine Zeit zum Lesen. Beim Überfliegen fand ich keinen Hinweis auf die Alltagspraxis....

1. Schon das Wort ist schlecht. Wiederholen wäre besser. Und bei Dreigliedrigkeit kann das z.B. ein Schulartwechsel mit oder ohne Wiederholen sein.

2. Da sollte man aber bereits merken: Widerholen braucht Analyse, Beratung, gemeinsames Suchen nach der besten Lösung. Und da liegt nach meiner praktischen Erfahrung das Kernproblem, das die genannten"Untersuchungen" möglicherweise nur verschleiern.

3. Und damit bin ich beim dritten schnellen Punkt: es ist wieder einmal der Lehrer, der entscheidend ist (gilt auch für die Lehrerin!).

Meine Erfahrung: eine neue Weichenstellung kann - AUCH als Wiederholung bzw. "Nicht versetzt" plus Umstieg - Schüler glücklich machen. Und darujm geht es. Manchmal braucht es vielleicht einfach auch mal einen Neustart.

Bei mir selbst hat sich einmal ein Schüler dafür bedankt, dass ich ihm damals nicht nachgegeben und eine manipulierte Versetzungsnote gegeben habe.

Er hatte mir gesagt, sein Vater werde ihn dann vom Gymnasium nehmen. Ich hatte ihn dann darauf hingewiesen, dass er von der Realschule mit einem bestimmten Notenschnitt auf ein Wirtschaftsgymnasium wechseln und dort sogar ein für ihn passenderes Bildungsangebot zum Abitur haben könne.

Genau das hat er trotz des Frustes getan und nicht bereut.

Darum geht es, nicht um Phantomdiskussionen für Beton-Pauker und Hilflose und Desinteressierte. Mehr Beratung durch den verantwortlichen (Klassen)Lehrer heißt also die Alternative. Und das Suchen nach alternativen Wegen, wovon das Wiederholen nur einer unter vielen ist - je nach Bundesland vermutlich eine andere Palette....

Die Untersuchungen zum "Sitzenbleiben" können helfen, selbiges besser zu verstehen und besser zu gestalten. Man sollte sie nicht nur dazu nutzen, um ein Pro oder Contra zum "Sitzenbleiben" zu formulieren. Das wäre ein traditioneller und traditionell falscher Tunnelblick. Stattdessen gilt auch hier: gut ist, was dem jeweiligen Schüler (Menschen) gut tut.

Oberham 12.03.2013 | 08:50

Ein guter Einblick in die Denkmuster - auf die Idee, dass man - wenn man es Ehrenrunde nennt und die Jugendzeit schlicht als die Zeit der größten Liebe, der größten Abenteuer und einfach nur als etwas Schönes betrachtet - ergo alle Schüler möglichst lange in die Schule gehen sollten (da sie die meiste Freizeit bietet....) kommt natürlich niemand.

Warum auch, wer empfindet Schule - als Schüler - schon als so wunderbar - erst wenn man später zurückblick - verklärt - mag sein - wird diese Zeit bei vielen zu der schönsten Zeit des Lebens.

Warum dies so ist, wird in den Denkmustern ohnehin klar - es sind die Muster die uns in die Irre führen.

Für mich ist lernen das Spannenste überhaupt, nur - wenn es als Zwang daherkommt, wird es oft zur Folter.

Meine Schule würde keine aufgewzungenen Klassen kennen, es wäre ein Ort, an dem man seine Neugierde befriedigen kann, wo Menschen auf Menschen warten - egal welchen Alters, die sich gegenseitig helfen die Dinge die sie wissen möchten zu verstehen - heute mit dem Netz und der praktisch ständig verfügbaren Theorie auf "Papier" - ein Überall-Ort!

Nur - wir gehen wieder mal nach "Plan" vor - Lehrplan!

Sorry - mit diesem Plan züchtet ihr die Idioten, die später als Erwachsene schlicht als willige Helfer funktionieren, keine mündigen Bürger, sondern konditioniertes Nutzvieh - ich fürchte manchen hat man sogar das Gewissen ausgebrannt.

Wenn ich zurückdenke, die besten Noten, hatten nie die klügsten, sondern fast immer die cleversten - das Abi mit 1,0 machen oft Menschen, die sich extrem anzupassen antrainiert haben - nur wenn ich mich an eine irrsinnige Gesellschaft anpasse, dann ist das eine 6,00 und zwar eine glatte!!!

Oberham 12.03.2013 | 09:05

... ach noch etwas, die Erfolgreichsten im Lebensspiel sind ohnehin jene, die sich als gewissenlose Querdenker und gute Menschenkenner erweisen - also eine perfekte Mischung aus Intellekt und Cleverness, jene die ihr Abi mal nebenbei mit 2,0 bauen - es sei denn sie brauchen einen besseren Schnitt, den kriegen sie dann auch.

Die sogenannten Soft-Skills - und zwar im positiven Sinne - werden schon in der Schule als wertlos ausgeblendet - ergo - wer später im Beruf wirklich anderen helfen möchte, im Sinne von Mitgefühl und wahrer Güte, der wird fast schon patalogisiert, mit dem Euphemismus Helfersyndrom - er darf dann auch nicht erwarten, dass die Gesellschaft seine Arbeit entwprechend würdigt - Menschen die wirklich andere Menschen pflegen und heilen rangieren doch ziemlich weit unten in der Vergütungshierachie - vor allem jene die nicht im Apparat verdunsten und sich mehr den Zielen als den Menschen zuneigen - werden sogar eher ganz ausgeschieden.

Meiner Meinung nach betreiben wir eine unglaublich fatale Selektion, das endet dann damit - dass wir eben Verbrechern und Menschenschindern (früher hätte man Manager Sklaventreiber genannt!) Millionenbeträge bezahlen und z.B. in der Altenpflege nicht einmal zu Hungerlöhnen die nötigen Stellenschlüssel zugestehen - sprich wer dort arbeitet, verdient wenig und vor allem er ist völlig überlastet, da die ihm aufgetragene Arbeit unmöglich angemessen in der zur Verfügung stehenden Zeit leistbar ist - am Ende wird er auch zum Menschenschinder - nur der erster freut sich des Lebens und wird zum würdigen Musterleistungszombie - der letztere hängt sich irgenwann irgendwo auf.

-Bleibt ja in euren Denkmustern, wenn ihr da rauskriechen würdet, es würde ja das Ende eurer Karrieren bedeuten - nein - das volle Girokonto, das ist schon wichtig - also - weiter brav schematisch denken und vor allem - wenn quer, dann so dass es passt, ins Erfolgsschema passt!

Christian Füller 12.03.2013 | 10:04

Die große Frage ist, wie man den Zusammenhang zwischen dem gegliederten Schulsystem und den schlechten Leistungen beweisen kann. Viele Pisaforscher äu0ern sich dazu nicht mehr - weil sie sonst von den Kultusministern auf die Finger bekommen. Pisaforscher haben still zu sein, sich nicht politisch zu äußern.

Dabei ist es mehr als offensichtlich und die wichtigen Beiträge von Schümer und Bamert zum Entstehen institutionell bedingter negativer Lernmilieus sehr gut belegt: Die gegliederte Schule erzeugt Verlierer, WEIL ES VERLIERERKLASSEN UND -SCHULEN HAT. (http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2002/05/08/a0150) Diejenigen, die eine Sitzenbleiber-Karriere einschlagen, können überwiegend nicht als spätere "und-doch-geschafft"-Beispiele herhalten; ihr Fahrstuhl fährt bergab - teilweise bis in die no-exit-Schule, die Sonderschule. (http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2009/03/04/a0111)

Christian Füller

Christian Füller 12.03.2013 | 10:14

noch ein paar ergänzungen, mit literatur zu den wichtigen arbeiten von Gundel Schümer und Jürgen Baumert:

http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-90082-7_4

www.fachportal-paedagogik.de/fis_bildung/suche/fis_set.html?FId=705024

books.google.de/books?id=UK-eMjL3mrAC&pg=PA8&lpg=PA8&dq=sch%C3%BCmer+lernmilieus&source=bl&ots=9zHa3opq7n&sig=3mpg7b9iO02HULQl0kI801IyjwY&hl=de&sa=X&ei=1u8-UczXOMTitQak_oGoBQ&ved=0CFYQ6AEwBg#v=onepage&q=sch%C3%BCmer%20lernmilieus&f=false

www.fachportal-paedagogik.de/fis_bildung/suche/fis_set.html?FId=616038

Avatar
Ehemaliger Nutzer 12.03.2013 | 10:24

"Er hatte mir gesagt, sein Vater werde ihn dann vom Gymnasium nehmen. Ich hatte ihn dann darauf hingewiesen, dass er von der Realschule mit einem bestimmten Notenschnitt auf ein Wirtschaftsgymnasium wechseln und dort sogar ein für ihn passenderes Bildungsangebot zum Abitur haben könne." Das klingt vernünftig, denn es kommt nicht nur dem Jungen zugute, sondern nachhaltig sicherlich auch den Klassenkameraden. Wenn viele Schüler einer Klasse von Leistungsmängeln betroffen sind, langweilen sich die motivierten und guten Schüler, da das Niveau immer mehr sinkt. Ganz selten wird angesprochen, dass dies die negativen Folgen von "Chancengleichheit" sind und die gurten Schüler dabei zu kurz kommen - dabei brauchen diese, wie das andere Extrem, die Lernschwachen, auch besondere Förderung um nicht geistig zu verkümmern. ******************************************************************************************************* Jeder braucht heute Abi, auch wenn viele gar nicht geeignet sind. Viele werden dann mit Nachhilfe etc. "durchgezwungen" von den Eltern, die genug Geld dafür haben. *******************************************************************************************************Auf der anderen Seiten werden "sozial Schwache" Kinder ebenso ungleich behandelt wie Jungen und Migrantenkids. Eine Chantall, Jaqueline und ein Kevin erhalten selbst bei guten Leistungen selten von den Grundschullehrern eine Gymnasialempfehlung wie Mustafa und Emine. Es wird früh nach sozialen Standards gesiebt. Bei Emma, Anna-Lisa, Jonas und Maximilian zählen oft auch eher "Soft-Skills" wie "Sich-Verkaufen", richtig mit Messer und Gabel essen unsw. mehr als gute Leistungen - *Ironie an* immerhin sind sie ja Akademikerkinder und gehören besser gefördert *Ironie aus* . Ein leistungsschwaches unmotiviertes Akademikerkind gefährdet die guten Mitschüler und nachhaltig das Niveau m.E. mehr als ein gutes Migrantenkind, das eine Chance auf "höhere" Bildung bekommen hat.

gweberbv 12.03.2013 | 11:32

Dieses andauernde Gequatsche über Strukturen, die es den Schülern möglicherweise leichter bzw. schwerer machen, geht mir wirklich auf die Nerven.

Würden die Lehrer kollektiv nur eine kleine Schippe auf ihre "Lehrleistung" drauflegen können, wäre den Schülern mehr geholfen als mit unzähligen sonstigen Maßnahmen.

Preisefrage: Welche Strukturen sind nötig, um Lehrern dabei zu helfen "gute Lehrer" zu sein? Da liegt der Hund meines Erachtens begraben - zumindest beim Gros der Schulen.

Sophia 12.03.2013 | 11:35

Wenn viele Schüler einer Klasse von Leistungsmängeln betroffen sind, langweilen sich die motivierten und guten Schüler, da das Niveau immer mehr sinkt. Ganz selten wird angesprochen, dass dies die negativen Folgen von "Chancengleichheit" sind und die gurten Schüler dabei zu kurz kommen - dabei brauchen diese, wie das andere Extrem, die Lernschwachen, auch besondere Förderung um nicht geistig zu verkümmern.

Sehr guter Punkt. Die Förderung „schwacher“ und „starker“ Schüler ist aber sehr aufwendig, weshalb man sich auf den Durchschnitt konzentriert. Die Folge davon ist, dass die Mittelmäßigkeit gefördert wird.

Chantall, Jaqueline und ein Kevin

Ja, das ist noch so eine ungute Entwicklung, dass gewisse Vornamen eine bestimmte Schichtenzugehörigkeit suggerieren. Vornamen haben heutzutage eine ähnlich statusgebende Funktion wie das Tragen bestimmter Markenartikel. Ich find’s einfach nur widerwärtig.

Oberham 12.03.2013 | 12:54

sie unterschätzen den Gruppendruck, Lehrer die wirklich motiviert aus der Uni kommen und etwas quer denkend ihren Unterricht auch nach dem Referendariat noch kreativ und individuell organisieren, die damit sicher auch Erfolge hätten, werden schneller in die Spur gebracht als man bis drei zählt!

Lehrer sind nach wie vor mit die unseeligsten Untertanen und die willigsten Helfer des Establishments.

Was an ihnen das widerlichste ist, sie reflektieren das meist gar nicht, viele von denen glauben, sie seien schon kritsiche Bürger, nur weil sie sich auch etwas des Mainstream informieren und belesen sind.

Nur - wie kann man weiter solch einem widerwärtigem System dienen, wie kann man die jungen Menschen weiter so unkritisch konditionieren, wenn man doch um die Realität ganz gut Bescheid weiß?

Lehrer sind nette, angenehme, willige, mit zunehmendem Alter zynischer werdende Zwergakademiker - theoretisch philanthrop, praktisch die schlimmsten Skalventreiber - billig, willig und feig!

seriousguy47 12.03.2013 | 14:07

1. Wenn das Thema genug breit getreten ist, dann frage ich mich, weshalb es dann gerade so breit debattiert wird. Schließlich ist eine Koalitionsvereinbarung in Niedersachsen (=Anlass) so weltbewegend nun auch nicht. Zumindest scheint es also ein paar Journalisten zu geben, die damit (noch unverarbeitete) Probleme haben, die durch diese Koalitionsvereinbarung getriggered wurden? Und wenn es denn so sit, dann verlangt es eben auch eine Antwort.

2. "Sitzenbleiben" ist bereits eine ideologische Aufladung und eine Unterwerfung unter die Denke einer "Schwarzen Pädagogik". Tatsächlich aber geht es um WIEDERHOLUNG als EINE VON MEHREN MÖGLICHENAntworten auf ein Problem, das mit dem (Nicht-)Erreichen von Leistungestandards zu tun hat. Im Klartext: um einen NICHTVERSETZUNG.

Und es geht dabei auch um eine Antwort auf das in einem Kommentar genannte Problem, das sich aus höheren Förderungsanforderungen eines Einzelnen und den Forderungsansprüchen der Mehrheit ergibt. Die Frage ist dann: Wie kann man BEIDEM am besten gerecht werden. Darauf habe ich in meinem vorherigen Kommentar aus meiner tatsächlichen Praxis zu antworten versucht.

Und ein Resultat aus meiner tatsächlich und nicht theoretisch erlebten Praxis ist, dass ich in mindestens drei Fällen von den SchülerInnen später persönlich mitgeteilt bekam, dass ihnen z.B. eine Nichtversetzung durch mich, verbunden mit einem klaren Rat zu einem Schultypwechsel, gut getan hat.

3. Wie mit den genannten Problemen umgegangen wird, hängt mindestens vom länderspezifischen Schulsystem und seinen Regelungen, vom jeweiligen Klassenlehrer und von der Notenkonferenz ab.

In BW gibt es ca. 1,2 Prozent Wiederholer, und damit mit die wenigsten im Bundesschnitt. Es gibt außerdem zahlreiche Optionen durch die Existenz von sogenannten "Beruflichen" Gymnasien, die es Schülern erlauben, nach Klasse 10 einen Schultyp zu wählen, dessen Fächerangebot ihren speziellen Voraussetzungen am ehesten entsprechen.

Im Sek I Bereich gab es zu meiner Zeit vom Gymnasium ein Umsteigen auf die Realschule und - eher selten - umgekehrt.

Daraus ergaben sich eben doch bereits aus der STRUKTUR Beratungs- und Umsteigmöglichkeiten, die allerdings - so meine Beobachtung - vom durchschnittlichen Lehrer weder genutzt, noch überhaupt gekannt wurden.

In den Zeugniskonventen ging aber oft jede Menge Zeit dafür drauf, dass man nach Möglichkeiten suchte, einem nichtverstzten Schüler innerhalb dieser Optionen eine anzubieten, durch die eine Wiederholung vermieden und ein alternativer Weg aufgezeigt wurde. Teilweise kam das Angebot dazu auch von Eltern/ Schülern, die durch Hörensagen auf diese Möglichkeiten aufmerksam gemacht worden waren.

Wo immer möglich, wurde ein solcher Weg eröffnet. Teilweise sogar durch erhebliches pädagogisches Entgegenkommen.

4. Die "Sitzenbleiber"-Debatte ist also insofern eine dämliche und nicht erhellende Debatte, als sie am eigentlichen Punkt vorbei argumentiert.

Es geht um NICHTVERSETZUNG und darum, wie man pädagogisch darauf antwortet. Und wie meine Schule - und in der Reaktion darauf verstärkt auch ich selbst - damit umging, scheint mir ein richtiger Weg gewesen zu sein. Und wenn ich die Jahre meiner Berufstätigkeit vom schwärzlichen Beginn bis zur helleren Spätphase rekapituliere, dann scheint mir auch, dass da ein sehr langer und guter Lernprozess stattfand.

Die Fokussierung auf "Sitzenmbleiben" = Versagen ist idiotisch und diskriminierend. Nötig ist ein Fokus auf Analyse, Beratung und ein angemessenes Angebot von Optionen..

5. Zusätzlich wünschenswert dabei ist natürlich auch ein Lehrer, der seine Schüler als Menschen an- und mitnimmt. Der weiß und dies auch klar macht, dass eine Note ein sehr begrenzter "Leistungsnachweis" ist und und schon gar nichts über den Menschen aussagt.

Der weiß und beherzigt, dass Fachleistung, Mitarbeit und Verhalten drei streng zu trennende Bereiche sind. Das bedingt dann auch, dass der Missbrauch von Noten zu Disziplinierungszwecken aufhört - was wiederum auch ein Plädoyer für getrennte Mitarbeits- und Verhaltensnoten ist.

Der seine Tests und Notengebung transparent hält und sich Einwände anhört.

Der weiß und das auch deutlich vermittelt, dass Fehler ein wesentlicher Schritt in einem Lernprozess sind.

Der Stolpern und Stürzen nicht mit einem Fusstritt beantwortet, sondern mit Aufhelfen und dem Verarzten von Wunden.

Der selbst bereit ist, auf seinen Schüler zu hören und von ihnen zu lernen.

Der seine Schüler gegebenenfalls auch gegenüber deren Eltern vertritt.

Ein erster Schritt zu einer weiteren Verbreitung solcher Lehrer wäre eine Beendigung dieser ständigen Grundsatz-, Struktur-, Didaktik-, Lehrplan- und Nebenaspekt-Debatten und eine Fokussierung auf die Tatsache, dass Unterricht nicht nur eine Sache von Wissenvermittlung, sondern auch ein Umgehen von Menschen mit Menschen ist. Im Grunde wäre es eine Rückbesinnung auf das nie verwirklichte Bild vom guten "Dorflehrer".

Und in einem solchen Kontext kann Wiederholen eine Option sein - umso mehr, wenn der Wunsch danach vom Schüler selbst kommt und getragen wird.

seriousguy47 12.03.2013 | 14:12

Befunde sind das eine. Wie man damit als Schule/ Lehrer umgeht, ist eine ganz unabhängige und andere Sache. Ein Problem wird es, wenn man solche Befunde einzig zu politischen und lobbyistischen Grundsatzdebatten nutzt, anstatt zu überlegen, ob und wie man für seine Schüler das beste daraus machen kann. Und da wird es für mich eben zu einseitig. Und während der Jahrzehnte an Grundsatzdebatten sind zig Schüler auf der Strecke geblieben.

Ich meine,nicht die Struktur, sondern die Lehrer machen Verlierer. Strukturen erleichtern oder erschweren die Sache vielleicht....

Oberham 12.03.2013 | 15:12

... dann haben sie meine Beiträge nicht gelesen. Darum habe ich ja das Supervision groß geschrieben ;-).

Oder glauben sie durch die Supervision würden die Eigenschaften der Pädagogen in dem Sinne verbessert, den ich mir vorstellte?

Da wäre ja ein Maulwurf unter den Supervisoren, bis dato kenne ich Psychologen und Pädagogen nur als willige Gedankenkonditionierer - insofern ist Supervision das Nachjustieren bei den so "betreuten".

Natürlich können sie mir da nicht folgen - vor allem sollten sie aus diesem Spektrum kommen - sie müssten sich ja in Frage stellen.

Ich habe den leisen Verdacht, die kriegen schon alleine bei dem Begriff Supervision einen leichten Dünkel, sorry, es besteht kein Anlass über Fachjargon einen Egoupgrade zu projezieren - aber das möchten sie jetzt sicher auch nicht nachvollziehen.

Ich bin sicher sie könnten es, wie es alle hier könnten, nur - warum soll man seine grundsätzlich heile Welt zerreissen?

Nein, man ergeht sich in den Detaills und gaukelt sich vor, langsam würde man immer mehr zum Besseren hindriften, übersieht dabei, dass man sich auf einer schmelzenden Scholle befindet, die auf einer gigantischen Strömung in die gänzlich andere Richtung treibt - gen Süden, wo sie wohl unweigerlich schmelzen und das Häufchen mit ins Nass nehmen dürfte.

Sorry.

Oberham 12.03.2013 | 15:18

Sie sollten das nicht als Beschimpfung auffassen.

Im Übrigen bin ich in dem Thema seit Jahren ganz tief drinnen, nebenbei habe ich mal Examen Phil in Mathe, Deutsch und Sport gemacht - das 2. Staex allerdings nicht... - ich hatte meine Gründe, vor allem hatte der Staat Bayern seine Gründe mich nicht als Lehrer zu wünschen.

Im Übrigen helfen da auch die Privatschulen wenig, ob nun Monte oder Waldorf - es ist das System und die Gesellschaft an sich die nichts kapieren möchte - wohlgemerkt nicht möchte - den die Konsequenzen unseres Tuns sind den meisten voll und ganz bewußt.

Feigheit bleibt Feigheit - und vor der Feigheit kann man die Angst setzen, die Angst - man könnte arm und unwichtig am Rand der Gesellschaft hocken - nein lieber macht man mitten im Wahnsinn fleissig mit, lieber mit der Gruppe in den Abgrund, als einsam am Rand zuzusehen.

Ich kann ihnen nur sagen, es stehen einige am Rand, aber eben viel zu wenige!

Oberham 12.03.2013 | 15:52

Die Struktur verbrennt nicht nur die Schüler, sie verbrennt auch die Lehrer - vordergründig würde ich jedem der für das Lehramt studiert - die leuchtendsten Motive unterstellen - man will es besser machen oder zumindest genausogut wie jene Lehrer die man selber als positiv empfand.

Nur man vergisst dabei, dass man als Schüler wohl meist noch etwas mehr auf der Egospur unterwegs war, als man es später sein wird - sofern man sich hinterfrägt.

Das es das System an sich ist, das völlig falsch ansetzt, merkt man dann zu spät und die meisten Lehrer passen sich dann an, natürlich gibt es auch viele - vielleicht sogar die Mehrheit, die das System nicht einmal in Frage stellen, die keinen Leidensdruck verspüren - die es bis ins Kultusministerium oder noch weiter schaffen.

Nur denen sind die Schüler, denke ich jetzt mal, absolut schnuppe, die sehen sich wirklich als "Former" an.

seriousguy47 12.03.2013 | 16:02

Die Struktur tut erstmal gar nichts. Aber sie kann sich nicht wehren, deshalb ist sie ein so tauglicher Sündenbock, auf den sich alle um des lieben Friedens willen am Ende einigen - und alles bleibt wie es ist.

Nein, es sind Menschen, die diese Strukturen schaffen, aufrechterhalten und darin agieren. Es sind Menschen, die andere mobben und verbrennen. Manche verbrennen sich auch selbst. ...Und bei mir waren die "schlechten" Schüler diejenigen, mit denen es noch am menschlichsten zuging. Warum wohl...?

Dass man nicht viel mehr tun kann, als darüber zu reden/ schreiben und zu appellieren, das ist klar. es ist wie überall sonst auch. Nur dass es überall da, wo Kinder sind, mehr schöne Erlebnisse geben mag als andernorts.

Deswegen ist es so pervers dass viele Lehrer meinen, ausgerechnet auf sie einprügeln zu müssen.....

GEBE 12.03.2013 | 16:13

Das, was der Katholizismus nicht geschafft hat, vollendet das („aufgeklärte“) staatliche Erziehungs-, Bildungs- und Hochschulwesen: Indoktrinationen gegen die Freiheit des Geisteslebens und Degenerierung von Menschen zur Verfügungsmasse. Und das alles von höchst suspekten Charakteren betrieben, die ihre Erfüllung darin finden, hinter verschlossenen Türen an Kinderseelen rumzufummeln.

Columbus 12.03.2013 | 16:25

Lieber Herr Füller,

Ich muss im eigenen Faktencheck konstatieren, dass ich fälschlich Herrn Grötker für den Inhalt und die Aufarbeitung hier lobte. Das Lob gebührt natürlich vor allem ihnen und für die Mind Map- Herrn Grötker.

Die Frage, wie man die Unterschiede aus der Gliederung des Schulssystems wissenschaftlich belegen könnte ist tatsächlich entscheidend, weil Mutmaßungen leicht abgewehrt werden und die Bildungsstudien, sofern sie Leistungsstände vergleichen, zu sehr an dieser Funktion orientiert sind. Das ist handfester und auch mit weniger Einflussfaktoren erfassbar. Daher werden auch den Forschern Steine in den Weg gelegt, sollten sie weiter reichende Schlussfolgerungen ziehen wollen, für die sie schlicht den qualitativen und quantitativen Aufwand nochmals deutlich erhöhen müssten. Das kostet Arbeitszeit und Geld.

Was aber mit einfachen Mitteln möglich wäre, das ist in einer ausgewählten Stadtregion oder in einem Landkreis, Bürger zu befragen, wie sie die Schulentscheidung für ihre Kinde trafen und welchen Schulen sie, darüber hinaus, einen "Ruf" und welchen, zuordnen.

Selbst unter den Gymnasien einer Region ergeben sich erhebliche "Image" -Unterschiede, die über die Zugehörigkeit der Eltern zu bestimmten Eliten und ihren Möglichkeiten, den weiteren Weg in den Aufstieg in die wirtschaftlichen Führungsebenen, die Zugehörigkeit zu Funktionseliten und/oder aber die Verdrängung in Dienstleistung und Produktion, bzw. das schlecht beleumundete Hilfe- und Sozialfeld, mit vorstrukturieren.

Aus der Schulerfahrung meiner Kinder weiß ich, dass die weiterführenden Schulen viel an Schulleben, Gemeinschaftsbildung, Kulturvermittlung und Ausbildung in Analysemethoden für Argumente, Sachthemen und Diskurse eingebüßt haben.

Dafür hat aber die Stoffmenge, auch wenn das häufig anders behauptet wird, für die meisten Schüler nicht ab, sondern zugenommen und selbst Basiswissen bleibt nicht hängen, weil sofort und in etwa ein-bis dreiwöchigem Rhythmus in allen Fächern grundlegend das Thema wechselt. Der permanente Stress reduziert Freizeitaktivitäten und realweltliche Freundschaftspflege, allerdings nicht die webbasierte Ausweitung der Bekanntschaften. Oftmals wissen Jugendliche sehr genau, wer, wo, wann mit wem unterwegs ist, sie sind aber nicht dabei.

Trotz Nachmittagsunterricht und Mittagessen, entwickelt sich kaum Schulleben und freiwillig geschieht am Schulort wenig.

Beste Grüße

Christoph Leusch