Made in Bangladesch: Kaufen oder nicht?

Wirtschaftsethik Nach dem Unglück in der Textilfabrik stellt sich die Frage: Wie sinnvoll ist es, bestimmte Produkte oder Firmen zu boykottieren?
Made in Bangladesch: Kaufen oder nicht?
Treibt ein Boykott gegen Kinderarbeit Kinder von den Fabriken auf die Müllhalde?

Foto: Munir zu Zaman/AFP/Getty Images

Mehr als hundert Näherinnen sind Ende November bei dem Brand einer Textilfabrik nördlich von Dhaka in Bangladesch gestorben. Das Unglück hat die Aufmerksamkeit der Medien wieder einmal auf fehlende Sicherheitsbestimmungen in den Fabriken und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen gelenkt. In Bangladesch werden die niedrigsten Löhne weltweit gezahlt – und die Branche gedeiht prächtig. Allein im vergangenen Jahr ist sie um 40 Prozent gewachsen. Von den niedrigen Löhnen profitieren Ketten wie C&A, die in der Unglücks-Fabrik produzieren ließ. In die Kritik geraten sind aber die Discounter Kik, Lidl, H&M und Zara.

Beispiel Kinderarbeit

Wie zuletzt, so sind in der Vergangenheit immer wieder Stimmen laut geworden, die zum Boykott der unter Billiglohn-Bedingungen produzierten Produkte aufrufen – sei es von Kleidung, Möbeln, oder – die neueste Problembranche – von Handys und Tablet-Computern. Eine Autorin des Oxforder Blogs Practical Ethics hat sich vor kurzem Gedanken darüber gemacht, welche Folgen ein solcher Boykott haben könnte. Ihr Beispiel: Der Boykott von Produkten, bei deren Herstellung Kinderarbeit zum Einsatz kommt. Nicht die gesamte Diskussion lässt sich direkt auf die Arbeitsbedingungen von Erwachsenen übertragen. Vieles aber schon.

„Auch wenn der Boykott aus ehrenwerten Absichten heraus erfolgt“, schreibt die Autorin, „kann es in praktischer Hinsicht durchaus falsch sein, Unternehmen dazu zu zwingen, ihre Kinderarbeiter zu entlassen. Die Hauptursache dafür, dass Kinder arbeiten, ist nämlich Armut. Geld zu verdienen, ist für sie eine unabwendbare Notwendigkeit. Wenn sie ihre Arbeit bei westlichen Unternehmen aufgeben müssen, sind sie gezwungen, sich eine andere Einkommensquelle zu suchen – und es ist gut möglich, dass dies nicht zu ihrem Vorteil wäre.“ Ein Beispiel für einen Fall, wo sich so etwas tatsächlich beobachten ließ, ereignete sich vor einigen Jahren in den USA. Der US-Kongress drohte damit, eine Handelsschranke gegen Kleidung zu verhängen, die von unter 14-jährigen Kindern in Bangladesch hergestellt wurde. Die Folge: 50.000 dieser Kinder mussten ihre Jobs in der Textilindustrie aufgeben und stattdessen Müll sammeln, in Steinbrüchen arbeiten oder sogar in die Prostitution gehen.

Die Meinung der Ökonomen

In der ökonomischen Forschung befasst man sich systematisch mit den (unbeabsichtigten) Folgen, die ein Produkt-Boykott hervorbringen kann. Simulationsmodelle von Wissenschaftlern der Cornell University und der Santa Clara University zum Thema Kinderarbeit, die vor einigen Jahren im Journal of Development Economics veröffentlicht wurden, legen nahe, dass der Boykott von Produkten unter bestimmten Umständen sogar dazu führen kann, dass Kinderarbeit zu- statt abnimmt. Der Grundgedanke: Verminderte Nachfrage führt dazu, dass die Produzenten ihre Einbußen zu kompensieren versuchen, indem sie noch größere Mengen verkaufen – zu einem günstigeren Preis als zuvor. Entsprechend sinken die Löhne. Noch mehr Kinder müssen arbeiten, damit die Haushalte ihr durch Kinderarbeit aufgebessertes Einkommen halten können.

Was folgt aus solchen Einsichten? Die Blog-Autorin auf Practical Ethics zieht folgende Konsequenz: „Bevor man nicht das Problem allgemeiner Armut angegangen ist, sollte man darüber nachdenken, sichere Arbeitsbedingungen für Kinder zu schaffen anstatt durch Boykott oder durch gesetzliche Vorgaben Unternehmen dazu zu zwingen, Kinder zu entlassen.“ Und weiter: „Wenn mich nächstes Mal jemand davon überzeugen will, bestimmte Produkte einer Firma zu boykottieren, werde ich mich diesem Boykott nicht anschließen, solange ich nicht mehr über die tatsächlichen Lebensumstände der betreffenden Kinder weiß. Was meinen Sie?“

Was folgt daraus?

Gegen diese Schlussfolgerung gibt es eine ganze Menge einzuwenden. Zuerst: Zweifel an der Wirksamkeit von Boykotts zu haben, ist kein besonders starker Grund, sich ihnen nicht anzuschließen. Warum sollte die Beweislast bei denjenigen liegen, die sich für einen Boykott aussprechen – und nicht bei jenen, die skeptisch sind, ihre Skepsis aber auch nicht mit harten Fakten untermauern können?

Weiter: die Möglichkeit, dass Boykotte (auf dem Umweg beispielsweise über Zertifikate für „fair“ hergestellte Produkte) auch dazu führen könnten, dass sich innerhalb einer gesamten Branche die Zustände zum Besseren wandeln, wird von den Verfassern der zitierten ökonomischen Studie nicht ernsthaft verfolgt. Kann man diese Möglichkeit wirklich mit Verweis auf ökonomisches Theoriewissen einfach vom Tisch fegen? Gibt es dazu nicht längst Evidenzen, auf die man zurückgreifen könnte?

Schließlich: Wenn ein Boykott von Kinderarbeit dazu führen würde, dass die betreffenden Kinder am Ende schlechter gestellt sind als zuvor – folgt dann daraus nicht, dass, wer den Kindern helfen will, möglichst viele Produkte kaufen sollte, die unter Einsatz von Kinderarbeit hergestellt werden? Das Vertrauen in ökonomische Theorien muss ziemlich groß sein, damit man sich einem solchen Widersinn anschließt.

Der Beitrag von Nadira Faulmueller auf Practical Ethics kann unter tinyurl.com/cy622pd abgerufen werden

13:26 07.12.2012
Geschrieben von

Ralf Grötker

Wissenschaftsautor.Zwischenzeitlich Redakteur der Wissens-Seiten beim FREITAG
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