Wie gut kennen Sie sich selbst?

Kognitionsforschung Ein schwedisches Experiment zeigt: Man kann sich sogar hinsichtlich seiner eigenen moralischen Überzeugungen irren

Eine Frage: Wie gut kennen Sie sich selbst? Können Sie zuverlässig Ihre eigenen Überzeugungen in großen moralischen Fragen einschätzen? Und noch eine Frage: Glauben Sie, dass Sie Ihre Überzeugungen innerhalb von Augenblicken ändern und mit Überzeugung für die gegenteilige Position wie zuvor argumentieren können?

Die meisten Menschen antworten auf die erste Frage ohne Zögern mit „Ja, natürlich“ und auf die zweite: „Selbstverständlich nicht“. Ihnen allen sei zur Lektüre eine neue Studie der schwedischen Kognitionswissenschaftler Lars Hall, Petter Johansson und Thomas Strandberg empfohlen, die vor kurzem in dem Open-Access Journal PLoS One erschienen ist.

Das Experiment

Die in der Untersuchung verwendete Methode ist ausgesprochen raffiniert. Die Forscher haben Leute angesprochen, die in einem Park spazieren gingen, und baten sie, einen Bogen mit vier Fragen zu grundlegenden moralischen Prinzipien und aktuell diskutierten Debatten auszufüllen. Ein Beispiel: Die Versuchspersonen wurden gebeten, auf einer Skala von Minus 9 bis Plus 9 ihre Zustimmung oder Ablehnung auf folgende Behauptung zu bewerten: „Es sollte verboten sein, dass regierungsamtliche Überwachung von E-Mail und Internetkommunikation als Instrument zur Bekämpfung des internationalen Verbrechens und Terrorismus eingesetzt wird.“

Nachdem die Versuchspersonen den Fragebogen ausgefüllt hatten, wurden sie aufgefordert, ihre Antworten vorzulesen und sie zu erklären. Ohne dass die Teilnehmer es bemerken konnten, kam dabei allerdings ein kleiner Zaubertrick zum Einsatz. Zwei der Behauptungen, die den Teilnehmern gegeben wurden, besagten genau das Gegenteil der ursprünglichen Sätze. Die obige Beispielbehauptung las sich demnach: „Es sollte erlaubt sein, dass regierungsamtliche Überwachung von E-Mail und Internetkommunikation als Instrument zur Bekämpfung des internationalen Verbrechens und Terrorismus eingesetzt wird.“

Keiner merkt's

Was passierte? Man hätte meinen sollen, dass die Leute die Fehler bemerken würden. Die meisten fielen ihnen jedoch überhaupt nicht auf. Hier die wichtigsten Ergebnisse des Experiments: Erschreckende 69 Prozent der Studienteilnehmer übersahen zumindest eine von zwei insgeheim vorgenommene Veränderungen, die die ursprünglichen Behauptungen in ihr Gegenteil verkehrten. Noch überraschender: 53 Prozent der Studienteilnehmer verteidigten sogar die ins Gegenteil verkehrte Behauptung als ihre eigene Meinung!

Welche Schlüsse soll man aus diesem Experiment ziehen?

Erstens: Ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür. Die Studienergebnisse sind ein Aufruf zur Demut. Wir sollten dogmatische Nicht-Dogmatiker werden. Die Resultate des schwedischen Experimentes sind ein Aufruf zu Toleranz und Liberalität. Es besteht allerdings die Gefahr, dass genau das Gegenteil passieren wird und die Untersuchung als Argument für eine Art intellektuellen Totalitarismus zitiert wird. Sicherlich wird es Leute geben, die aus den Ergebnissen den Schluss ziehen, dass die einzigen Menschen, deren Ansichten ernst genommen werden sollten, eine Art von Über-Philosophen sind – Menschen, die ihre Ansichten bis zum Überdruss immer wieder erneut der Überprüfung unterzogen haben.

Zweitens: Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse der schwedischen Untersuchung hervorragendes Werbematerial für Berufsphilosophen – zeigt die Studie doch, wie wichtig es ist, die Gründe, die wir zur Rechtfertigung bestimmter Behauptungen anführen, immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Drittens: Die Studie sagt mit Sicherheit auch etwas über unsere Begriffe von Authentizität und Selbstverständnis aus. Ich bin mir momentan nur nicht sicher, was.

Charles Foster ist Fellow am Green Templeton College in Oxford. Der Beitrag erschien zuerst in dem Blog Practical Ethics

Übersetzung: Ralf Grötker
09:00 11.11.2012
Geschrieben von

Charles Foster | Ralf Grötker

Wissenschaftsautor.Zwischenzeitlich Redakteur der Wissens-Seiten beim FREITAG
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Ralf Grötker

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