Nach dem Streik ist vor dem Streik

Bildungsstreit Jenseits von Turbo-Abitur und Exzellenz-Wettbewerben: Wir brauchen eine öffentliche Diskussion über den Wert der Bildung, bei der es nicht nur um Geld geht

Mittwochvormittag kurz vor elf stehen sie im Seminarraum. Drei Studenten mit Megafon. Sie verteilen Flyer und fordern die Teilnehmer meiner Lehrveranstaltung auf, zum Berliner Roten Rathaus zu ziehen. Ich, der Dozent, könne ja mitkommen. Ich bin ratlos. Einerseits möchte ich gern weiter über den Aufbau fiktionaler Welten diskutieren. Andererseits verstehe ich den Protest. Modularisierte Studiengänge, die in sechs Semestern zum ersten berufsbefähigenden Abschluss führen sollen, bürden den Studierenden einen so dichten und mit Prüfungen gespickten Stundenplan auf, dass größere Lektüren ebenso riskant werden wie Ausflüge in andere Wissenskulturen. Von Auslandssemestern ganz zu schweigen. Dazu Jobs, die schwer zu bekommen und schlecht bezahlt sind. Und die Aussichten für die Zukunft sind auch nicht besser – die von Angela Merkel versprochenen Milliarden für Bildung werden, falls sie kommen, wohl vor allem in föderalen Wucherungen und Verwaltungsstrukturen steckenbleiben.

Zugleich irritieren nicht nur mich die Diskrepanzen zwischen pathetischem Aktionismus und offenkundigem Des-interesse in diesem Bildungsstreik. „Werft den Bachelor aus dem Fenster, wir brauchen Platz zum Denken“, fordert ein Transparent am Hauptgebäude der Humboldt-Universität. Doch die Mehrzahl der Studenten besucht weiterhin die Lehrveranstaltungen und nutzt die Bibliotheken. In Berlin sind es dann vor allem Schüler und Schülerinnen, die dem Aufruf zur großen Demonstration folgen. Auch mein Seminar hat kein Studierender verlassen – obwohl es freigestellt war und keine Nachteile erwachsen sollten.

Das Ausbleiben revolutionären Elans ist aber nicht unbedingt ein weiteres Anzeichen für den Visionsverlust der jungen Generation. Bildung ist auch für sie erstrebenswert – ansonsten würden sie wohl kaum die Mühen eines Studiums unter Bologna-Bedingungen auf sich nehmen. Gebremst und frustriert aber werden sie durch Erfahrungen mit einer Politik, die Bildung als das wertvollste Gut einer Gesellschaft inkonsequent und instrumentell behandelt: Auf der einen Seite vollmundige Versprechen einer „Bildungsrepublik Deutschland“, auf der anderen Turbo-Abitur und Bachelor-Studiengänge, um junge Leute schneller auf den Arbeitsmarkt zu schleusen. Immense Summen für Exzellenz-Wettbewerbe und Elite-Universitäten hier, Hochschulausgaben als Manövriermasse bei Einsparungen im Landeshaushalt dort. Einerseits Initiativen für frühzeitige Begabtenförderung und individuelle Spezialausbildungen, andererseits verbreitete Missachtung von Lehrern und Erziehern, die ein Lehrerhasserbuch zum Verkaufserfolg werden lässt.

Dringend Not tut eine öffentliche Diskussion über den Wert der Bildung. Und dabei sollte es eben nicht (nur) um Geld gehen. Auch kritische Fragen nach den föderalen Strukturen im Bildungswesen reichen nicht. Nein, weitaus prinzipieller sollte gefragt werden, wie sich unsere Gesellschaft in ihren Ideen und Idealen von Bildung definiert. Und wie die Inhalte und Formen aussehen sollen, mit denen wir Wissen und Werte an die, die wir gezeugt haben und die uns nachfolgen werden, vermitteln. Was von uns bleiben wird, sind ja weniger Wachstumszahlen und Bruttoinlandsprodukte. Es sind Erfahrungen und Kenntnisse, die wir von vorangegangenen Generationen übernehmen, verändern und den kommenden Generationen weitergeben. Eben darum kann es für eine Gesellschaft nichts Kostbareres geben als ihre Bildung. Und die gehört auf den Prüfstand. Jetzt.

Ralf Klausnitzer lehrt Neuere deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität

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