ralphkrause

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RE: Kein Lob des Status quo | 07.09.2015 | 00:40

Werter Herr Minister Hoff,

schön, dass Sie sich über diesen blog persönlich der Diskussion stellen! Ich hoffe, Sie werden in der sich anbahnenden öffentlichen Debatte weiter offen bleiben für den Gedankenaustausch.

Deutschland hat eine große Strahlkraft, viele der attraktiven Alleinstellungsmerkmale sind verknüpft mit dem Föderalismus und seinen geschichtlichen Wurzeln. Der machtvolle unternehmerische Mittelstand, das duale Ausbildungs- wie überhaupt das Bildungssystem usf. ... eine Besonderheit vor allem in Thüringen ist oder war eben das unvergleichlich reiche Musikleben - ein Exportschlager bis heute. Wieso argumentieren Sie in Ihrer Funktion als Hüter der thüringischen kulturellen Identität angesichts dieser auf der ganzen Welt beneideten Einzigartigkeit ernsthaft mit einer Nivellierung von Pro-Kopf-Kulturausgaben? Der für die Bewahrung und den Ausbau dieses echt thüringischen Juwels aufgewendete Betrag könnte ohne Weiteres eben statt derzeit 1,2% auch gern 1,5% des Landeshaushaltes ausmachen, ohne den Verdacht auf Verschwendung. Bitte, richten Sie Ihr Augenmerk auf den hohen Wert gewachsener Kulturtradition, verzichten Sie auf ein "divide-et-impera", lassen ab vom Geltungsbestreben der Landeshauptstadt und schüren keinen Futterneid!

Ich bin Greifswalder, Jahrgang '77 und arbeitete fünf Jahre lang im Orchester von Sondershausen/Nordhausen. Seit 1990 leben in Thüringen wie in meiner Heimat MV gleichermaßen etwa 20% weniger Menschen, die Orchesterplanstellen sind seither jedoch um 40% bzw. 45% abgebaut worden. Ausgerechnet Politiker der Linken und der SPD sehen die Fortsetzung dieses kulturellen Kahlschlags als Ihre Aufgabe an? Es gehen hochqualifizierte Jobs verloren, attraktive dezentrale Identifikationskerne werden aufgegeben. Bildung und Kulturförderung in der Breite und den Zugang dazu für jede und jeden - das muss die Agenda eines linken Staatsdieners sein!

Herr Tietje hat eine solide Arbeit gemacht als Intendant und Anästhesist in Nordthüringen, hat letztlich durch vorausschauende und besonnene Haushaltsverwaltung den Amputationsschmerz verhindert, der Arm jedoch war trotzdem ab. Ich wünsche ihm für seine Zeit in Schwerin, dass er und die politischen Akteure sich gemeinsam mit der Bürgerschaft vor Augen halten mögen: in meiner Heimat waren vor 1990 neben den Kirchen eben die Theater jene Nischen, in denen Denken zuweilen geduldet wurde, und das wenige, was da noch kraftvoll gedeiht, nach all dem ungebremsten Verlust von Arbeit und Würde und dem brain drain, jetzt zu ersticken, gäbe das Land vollends in die Hände der dumpfen braunen Anwälte der Verlierer.

Eigenverantwortung und Mitbestimmung sind auch Deutschlands besondere Stärken und sorgen für dauerhafte hohe Lebensqualität. Lassen Sie eine öffentliche Debatte stattfinden, begleiten Sie diese mit dem Ziel, alle Kommunen einzubinden, auch solche, die nicht direkt Theater finanzieren müssen, aber von der Nähe eines solchen profitieren, holen Sie alle Häuser unter das Dach einer Landes-Stiftung, gönnen Sie sich und dem Land Thüringen eine Vision!

Mit freundlichem Gruß

Ralph Krause, Cellist in Nürnberg