Coronavirus, Kapitalismus und Demokratie

Coronakrise Eine Reflektion über die politische Weltordnung angesichts der Pandemie
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Coronavirus, Kapitalismus und Demokratie
Welche Auswirkung hat die Pandemie auf den Kapitalismus?

Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Kapitalismus und Weltkrise

Die alte Welt liegt im Sterben, die neue Welt ist noch nicht geboren. Dies ist die Zeit der Monster.“ (Antonio Gramsci)

Die Coronakrise ist in einem Moment großer Instabilität erschienen. Während Europa mit inneren Angelegenheiten beschäftigt war und die USA im Handelsstreit mit China lag, befanden sich die südamerikanischen Ländern – darunter vor allem das Land, aus dem ich schreibe: Chile – in politisch ziemlich bewegenden Zeiten. Was uns aber die Moderne lehrt, ist, dass gesellschaftliche Krisen nicht nur besonders prägnant sein, sondern auch von humanitären, medizinischen, ökologischen und anderen Krisen begleitet werden können. Mehr sogar: Die medizinische Krise kann eine gesellschaftliche Krise auslösen, die wiederum zu einer humanitären Krise führt – wie dies jetzt der Fall ist.

Dennoch ist es nicht meine Absicht, solch ein Ereignis bloß aus dieser sozialwissenschaftlichen Krisenperspektive zu reflektieren. Vielmehr möchte ich hier gern einige der globalen Elemente, die diese Coronakrise eröffnet hat, thematisieren. Der Versuch, das Beobachtungsfeld zu erweitern, wird nicht nur empfohlen, um das allgemeine Phänomen besser zu verstehen, dies erweist sich außerdem als gesund. Wenn wir uns in Quarantäne befinden, eröffnet die Zeit den Weg dafür, entweder in Panik bezüglich der nahen Zukunft zu geraten oder darüber nachzudenken, was im Zusammenhang mit dieser neuen Krise geschehen ist. Dazu möchte ich zwei soziologische Fragen stellen: Welches sind die sozial-politischen Herausforderungen, die der virale Notfall für die heutige Gesellschaft mit sich bringt? Was sind die konkreten aktuellen Auswirkungen der Krise auf den Kapitalismus und die Demokratie?

Die Frage nach den Auswirkungen der Pandemie auf den Kapitalismus hat bereits eine gewisse Resonanz erlangt. In einer neulich erschienenen Kolumne argumentierte der slowenische Philosoph Slavoj Žižek (2020), dass das Coronavirus sich in einen schweren Schlag gegen das kapitalistische System verwandeln könnte – ein „Kill-Bill“-Schlag –, der auf der Grundlage globaler Zusammenarbeit zu neuen Formen des Zusammenlebens führen könnte. Diese Hypothese beruht auf der dialektischen Bewegung, die der Gesellschaft und dem Geist zugrunde liege. „Vielleicht verbreitet sich ein anderes, ideologisches und viel nützlicheres Virus: […] das Virus des Denkens an eine alternative Gesellschaft, eine Gesellschaft jenseits des Nationalstaates, eine Gesellschaft, die sich in Form von Solidarität und globale Zusammenarbeit aktualisiert“, so Žižek (2020). Wie Friedrich Schelling bereits um 1800 bemerkte, ist jede Geburt von etwas Neuem eine Manifestation von Licht aus der Dunkelheit. „[D]as Samenkorn“, behauptet er in Über das Wesen der menschlichen Freiheit, „muß in die Erde versenkt werden und in der Finsternis sterben, damit die schönere Lichtgestalt sich erhebe und am Sonnenstrahl sich entfalte“ (2008[1809]: 73).

Diese alte Hoffnung auf den Widerspruchszauber ist allerdings nicht ohne mögliche Nachteile zu konzipieren. Wie ein anderer Fan dialektischer Bewegungen, nämlich Karl Marx, behauptet, wird die Dynamik ein wenig komplexer, wenn das kapitalistische System im Fokus steht. Laut Marx (1971: 649) wird letzteres nicht nur als eine Art sachliche Gewalt über die Menschen verstanden. Es wird ebenfalls als eine Realität mit der besonderen Fähigkeit begriffen, sich angesichts jeder neuen Krise neu zu erfinden und zu behaupten. Gegenüber Katastrophenszenarien erzeuge der Kapitalismus jedes Mal neue, von den Betroffenen oft unerwartete Waffen der Resilienz.

Aufgrund des Vorherigen ist es empfehlenswert, die globale Situation nüchtern zu analysieren. Während sich die Affinität zur Dialektik gut für den Wunsch nach einer besseren Welt eignet – Demanding the Impossible [das Unmögliche fordernd], wie eines von Žižeks Büchern in Anspielung auf den alten Satz des Pariser Mai 1968 „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche“ betitelt ist –, besteht dabei die Gefahr, dass sie nun zu einem theoretischen Voluntarismus wird, als ob sich das Sein bloß aus dem Wunsch hinter dessen Diagnose ergäbe. Gegen die Gefahren eines allzu hoffnungsvollen Optimismus ist es notwendig, jene erwähnte Fähigkeit des kapitalistischen Systems zur kreativen „Selbstneuerschaffung“ zu berücksichtigen. Diese Fähigkeit zeigt sich nicht nur in der Tatsache, lebend aus der einen oder anderen Krise herauskommen zu können, sondern ebenso darin, wie es auch im vorliegenden Fall sein könnte, der Lieblingsbegleiterin des Kapitalismus im 20. Jahrhundert einen weiteren tiefen Schlag zu versetzen: der Demokratie. Der Schlag mag zwar weicher scheinen als der von Tarantinos Kill Bill, ist aber deshalb nicht weniger relevant. Dies lässt sich schon an der unterschiedlichen globalen Bewältigung der Pandemie und der Rolle der asiatischen Länder – insbesondere Chinas – bemerken. Obwohl das Virus zuerst in China auftrat, zeigen die – zumindest offiziell bekanntgegebenen – Statistiken eine unvergleichbare Kontrollfähigkeit gegenüber anderen westlichen Expansionszentren wie Europa und den Vereinigten Staaten, die, worauf Hauke Brunkhorst (2020) vor Kurzem hinwies, an ihrer „Kleinstaaterei“ leiden. Wie auf der Homepage der Johns Hopkins University zu sehen ist – der Website, die quasi live über die Entwicklung des Coronavirus informiert –, wird die globale Sterblichkeitsrate von den USA angeführt. Trotz einer Bevölkerung von „nur“ 382 Millionen stehen die USA laut dieser Statistik mit mehr als 81 000 Todesfällen an erster Stelle. China, mit mehr als 1,44 Milliarden Einwohnern, hat dagegen nur etwas mehr als 4600 Todesfälle gemeldet.

Die Frage, die sich hier stellt, scheint klar: Warum könnte diese Situation ein Problem für das globale demokratische System darstellen? Um diese Frage zu beantworten, soll eine entsprechend vielseitige Sichtweise entworfen werden. Im Falle Chinas, dem „Exportweltmeister“, haben wir es mit einem Land zu tun, das sich nicht nur als große Handelsmacht erweist, sondern zunehmend auch überraschende wissenschaftliche Fortschritte erzielt – dabei sei nur daran, was das „Silicon Valley von China“, Shenzhen, in nur wenigen Jahrzehnten erreicht hat, erinnert. In politischer Hinsicht wird diese kapitalistische Struktur von einem klaren autoritären Stil eskortiert, der sich auf Chinas nationalen Führer konzentriert. Xi Jinping hat derzeit die drei politisch relevantesten Positionen inne. Er ist sowohl Staatspräsident als auch Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission. Gleichzeitig zeigen die offensichtliche Unterdrückung von Minderheiten (wie z. B. der Uiguren), die evidente Zensur gegen Regimekritiker, die mangelnde Pressefreiheit usw. ein Modell, das sich dem westlichen Paradigma entgegensetzt, dessen Prinzipien – zumindest auf dem Papier – darauf basieren, bürgerliche und politische Freiheiten zu schützen. Auf diese Weise steht man, wie kürzlich auch Byung-Chul Han (2020) betonte, einem Polizeistaat gegenüber, der das virtuelle – über das Internet – wie das real-physische Verhalten der Bevölkerung – mit mehr als 200 Millionen Überwachungskameras – pausenlos unter die Lupe nimmt. Der Leviathan wäre, wie Thomas Hobbes bemerkte, einfach effektiver, weil es ihm nicht notwendig erscheint, jeden Bürger zu fragen, was er angesichts dieser oder jener staatlichen Maßnahme denkt. Der so komponierte Staat wäre vielmehr in der Lage, mit einer besonderen Geschwindigkeit zu handeln, die ihm die Konzentration der Macht in einem Organ bzw. einer Person erlaubt. So ist dieser Staat derzeit in der Lage, wie ein staatliches Panoptikum alle seine Bürger*innen zu beobachten und wie eine oppositionslose Einheit zu handeln.

Aus diesem Grund leben wir in einer Zeit der Warnungen und Dystopien – bestenfalls konkreter und nüchterner Utopien, wie Ernst Bloch (1975) argumentierte. Das Risiko des Exports, nun nicht von Computern oder Telefonen, sondern des autoritär kapitalistischen Modells selbst, ist offensichtlich. In Zeiten einer Gesundheitspandemie, in der die wohlfahrtsorientierte politische Wirksamkeit weiter abnimmt und die neoliberale Individualisierung von Lösungen vorherrscht – wodurch die Möglichkeit einer allgemeinen Selbstkontrolle der Gesellschaft untergraben wird –, wächst die Angst vor der nahen Zukunft bzw. vor dem Verlust der Selbsterhaltung. Somit wird das gesamte demokratische System immer mehr infrage gestellt. Der Angst- und Wettbewerbszustand – um einen Mundschutz, um ein Kilo Mehl usw. –, der durch die Strukturen des zeitgenössischen Kapitalismus herbeigeführt wird, erkennt keine Autorität außer dem Druck der Privatinteressen (Marx) an. Dies erinnert nicht nur an das Bild des Naturzustandes – als Konflikt aller gegen alle – oder an eine Art Interregnum – als vorübergehende Abwesenheit von Autorität –, sondern ist auch ein wichtiger Generator politisch funktionaler Emotionen. Da, wo Unsicherheit und Angst vor der eigenen Zukunft vorherrschen, wächst unvermeidlich die Anziehungskraft für autoritäre, doch „effiziente Regime“, die versprechen, das verlorene Gefühl der Kontrolle durch Unterdrückung zurückzuholen. Dann scheint auch das Angebot eines Systems, das Žižek (2013: 32) selbst „Kapitalismus mit asiatischen Werten“ nennt, d. h. eines „totalitären Kapitalismus“ im Stile Pekings, sinnvoll zu sein.

Die Demokratie war bereits vor dem Auftauchen des Coronavirus gefährdet – die Verbreitung des autoritären Populismus eines Trumps, eines Johnsons oder eines Bolsonaros belegen dies. Wenn aber die Situation im Status quo bleibt, kann die autoritäre Versuchung durch eine solche Virenkrise nur noch weiter zunehmen. In diesem Rahmen wirkt die Tatsache, dass es, wie Habermas (2020) in der Frankfurter Rundschau vor Kurzem behauptete, noch nie „so viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang [gab], unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen“, ziemlich beunruhigend. Mit der konsequenten Ausweitung des autoritären Gestus würde das einzig mögliche Gegengewicht Schiffbruch erleiden und der Kapitalismus seine letzte Beute einfangen. Vor diesem Szenario bleibt, wie Ernesto Sabato (2000) bemerkte, als letztes nur der kollektive Widerstand übrig. Und aus solchem Widerstand heraus wird es unverzichtbar, an neue Formeln zu denken, um das kapitalistische Puzzle neu, d. h. demokratisch orientiert, zu lösen. Ob sich allerdings aus dieser Krise eine solche Möglichkeit ergibt, die den zeitgenössischen Widerspruch zwischen Kapitalismus und Demokratie neu ausrichtet, darüber lässt sich zwar spekulieren, ist aber am Ende eine Frage praktischer Natur.

Literatur

Bloch, Ernst,1975: Gespräche mit Ernst Bloch, Frankfurt.

Brunkhorst, Hauke, 2020: Corona-Pandemie: „Niemand kann sich abschotten“, Interview, in: Die Zeit, 16.04.2020.

Byung-Chul Han, 2020: La emergencia viral y el mundo de mañana, in: El Pais, 22.03.2020.

Habermas, Jürgen, 2020: Jürgen Habermas über Corona: „So viel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie“, in: Frankfurter Rundschau, 14.04.2020

Marx, Karl, 1971: Das Kapital, Berlin.

Sabato, Ernesto, 2000: La resistencia, Buenos Aires.

Schelling, Friedrich, 2008: Über das Wesen der menschlichen Freiheit, Stuttgart.

Zižek, Slavoj, 2013: Pedir lo imposible, España.

Zižek, Slavoj, 2020: Coronavirus is ‘Kill Bill’-esque blow to capitalism and could lead to reinvention of communism, in: RT, 27.02.2020.

18:42 12.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 1