Deutschland wer bist du?

Integration Zwischen Multikulti und einer deutschen Leitkultur
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"Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Bei Demonstrationen haben wir ein Vermummungsverbot. Wir sind nicht Burka.“

Innenminister Thomas de Maizière schrieb am 30. April 2017 in einem Gastbeitrag für die Bild am Sonntag, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft nicht nur auf die Verfassung, die Achtung der Grundrechte und auf die Sprache zurückgeht. Der Kern der uns zusammenhält, der unser Inneres stärkt, sei ein anderer. Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, formuliert de Maizière zehn Thesen, die eine solche deutsche Leitkultur skizzieren sollen.

"Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre nicht mit Gewalt.“ oder "In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft.“: dies sind Aussagen, die sich in dem Beitrag des Innenministers wiederfinden. Eine Ablehnung der deutschen Leitkultur würde dazu führen, dass die Integration nie gelingen kann. Die innere Sicherheit verbindet de Maizière mit der Toleranz und Stärkung der eigenen Kultur, die wiederum ein respektvolles Miteinander ermöglichen würde.

Die Vorstellung über eine deutsche Leitkultur

Doch existiert so etwas wie eine Leitkultur in Deutschland? Haben wir einen gemeinsamen Nenner, etwas, das uns als Nation verbindet?

Meint Innenminister de Maizière mit einem „Inneren das uns verbindet“ die Glücksgefühle, wenn die eigene Fußballmannschaft die Weltmeisterschaft gewinnt? Diese Freude, wenn man die schwarz-rot-goldene Fahne stolz hochhält und mit Schulterschluss hinter Deutschland steht.

Manchmal scheint es so, als wäre Nationalismus tief in uns verankert. Etwas, das schon immer existiert hat und natürlich erscheint. Auf was baut diese tiefe Bindung auf? Wer entscheidet, dass Kevin und Anna Deutsche sind, aber Ali und Ayse nicht?

Offenbar beruht das Verständnis der Zugehörigkeit nicht auf der Staatsbürgerschaft in Deutschland. Wenn Ayse eine Burka trägt, aber den deutschen Pass besitzt, ist sie nach dem Verständnis des Innenministers und einem großen Teil der Gesellschaft trotzdem keine Deutsche.

Soziale Bindung basiert nach de Maizières Auffassung auf einer kulturellen Übereinstimmung. Eine Kultur wird hier als eine gemeinschaftliche Ausdrucksweise in Form von Sprache, aber auch in der Mimik und Gestik verstanden. Der westliche Kleidungsstil, auf eine bestimmte Art und Weise Nahrung zuzubereiten und sie zu verzehren, sind ebenso Aspekte, die den Terminus Kultur vervollständigen.

So bedeutet dies, dass all diejenigen, die die deutsche Sprache sprechen, sich westlich anziehen und deutsche Gerichte verzehren, zur deutschen Nation gehören. Eine vollkommene Akzeptanz von Migranten, Flüchtlingen oder anderen Zugewanderten wird es nie geben, solange diese nicht bereit sind alles aufzugeben und sich vollkommen zu assimilieren. Jeder dieser Menschen bringt ein Stück von seiner Kultur mit sich nach Deutschland. Sei es die Art, wie sich ein Nordafrikaner traditionell kleidet oder der türkischstämmige Mitbürger, welcher gerne Köstlichkeiten aus seinem Heimatland verzehrt - irgendwo gibt es Eigenheiten jeder Kultur, die man nicht gerne ablegen möchte. Es sind Gewohnheiten und Vorlieben, die auf emotionale Aspekte zurückgehen.

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

Aber um die Frage nach einer deutschen Leitkultur wieder aufzunehmen: Gibt es überhaupt „den einen westlichen Kleidungsstil“oder „die eine Art von Spezialitäten“? Ist es nicht die Vielfalt, die uns Menschen besonders macht?

Wir unterscheiden uns ja sogar in der Form der Nahrungszubereitung von Region zu Region. Während wir Schwaben gerne Schnitzel mit Käsespätzle essen, bevorzugt der Bayer eher eine Weißwurst. Ebenso unterscheiden wir uns in der Art, wie wir miteinander artikulieren, sowie in vielen anderen Sitten und Traditionen.

Die zunehmende Globalisierung und die damit zusammenhängende Vernetzung der Welt führt dazu, dass nationale Grenzen immer mehr in den Hintergrund rücken oder gar verschwinden und Unterschiede nicht mehr zu Barrieren und Mauern werden.

"Wir" und "Ihr"

Tatsächlich scheint es so, als würde Nationalismus in unseren alltäglichen Leben keine Rolle mehr spielen. Wir haben aus der deutschen Vergangenheit gelernt und sind nicht bestrebt zwei Mal den gleichen Fehler zu machen. Es ist lediglich ein Aufflackern in Zeiten der Frustration und Ängste, welches durch Politiker in uns entfacht wird. Mal nahm US Präsident Georg Busch diese Rolle ein, als er zum Irakkrieg aufgerufen hat, heute ist es die Leitkultur-Debatte zu Zeiten der Flüchtlingskrise. Es geht immer um das „Wir“und „Ihr“. Um unsere Werte, unsere Jobs und unsere Frauen.

Wurzeln des Nationalismus

„The rape of a motherland is far worse than the rape of actual mothers; the death of a nation is the ultimate tragedy, beyond the death of flesh and blood.“- Michael Billig

Wenn wir weit genug in die Zeitgeschichte zurückblicken, dann stellen wir verwundert fest, dass das Konzept von Nationalismus ein Phänomen der Moderne ist.

Die Vergangenheit zeigt uns, dass zu der Zeit der Jäger und Sammler Nationen in dieser Form noch nicht existiert haben. Erst im Zeitalter der Agrargesellschaft, in der es zu einer enormen Ausdehnung der menschlichen Siedlung gekommen ist, die Arbeitsteilung und die ökonomische Spezialisierung sich entwickelt hat, erst dann kam es zu einer zunehmenden kulturellen Differenzierung und zur Staatenbildung. Diese Hierarchisierung in den verschiedenen Sektoren, die zur inneren Ungleichheit geführt haben, sind ein essentieller Grund für die Entstehung von Nationalismus. Die kulturelle Differenzierung hat hierarchische Strukturen bewahrt und sie zudem verstärkt.

Heutzutage wird die Vorstellung über die Entstehung von Nationalismus immer wieder von Populisten und Rechtsextremisten instrumentalisiert und nach Belieben erweitert. Doch genau wie ein Haus ohne Fundament, bricht auch dieses Konzept bei einer genaueren Analyse zusammen.

Einheit der Schlüssel zum Frieden

Was wir in dieser turbulenten Zeit brauchen, ist keine Diskussion um eine vermeintliche Leitkultur in Deutschland oder um einen Burkaverbot. Wir Juden, Christen, Muslime und Atheisten müssen zusammenstehen und uns ganz klar von Mördern, Terroristen und anderen Unruhestiftern abgrenzen. Wir müssen beweisen, dass Zusammenhalt allein durch Gerechtigkeit, Liebe und Harmonie entstehen kann. Wir müssen eingestehen, dass Spaltung uns in dunkle Abgründe treibt, allein die Einheit ist der Schlüssel zum Frieden. Wir brauchen keine deutsche Leitkultur, wir sind zusammen Deutschland.

14:15 21.06.2017
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