Ich, der muslimische Hybrid

Gutmensch Siehst du den Hass?
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„Siehst du es nicht? Den Hass in ihren Augen? Hast du mal genau hereingeschaut? Oder willst du es nicht wahrhaben? Sie wollen dich hier nicht!“, das sagte mir der von mir als „deutsch“ wahrgenommener Mann.

Es war keine Spur von Bösartigkeit aus seiner Miene zu entnehmen, er wollte mich damit nicht abwerten, noch mich irgendeiner Weise diskriminieren. Immer und immer wieder hallten mir diese Fragen durch den Kopf.

Sah ich diesen Hass? Kurz dachte ich an die Anpöbelungen auf der Straße aufgrund des Tuches auf meinem Kopf, kurz an brennende Flüchtlingsunterkünfte und auch blitzten mir die Bilder von dem Anschlag in Halle durch den Kopf. Antisemitismus. Ausländerfeindlichkeit. Antimuslimischer Rassismus und Hass. Purer Hass.

Nein. Das war meine Antwort. Ich sehe ihn nicht. Weder in den Augen des Busfahrers am frühen Morgen, noch in den Augen meiner Kommilitonen. Ich sah ihn nicht einmal in den Augen der Menschen, die mich auf offener Straße aufforderten in mein Land zurückzugehen. Ich empfand nichts als Liebe. Nein, ich wollte diese Menschen nicht umarmen, jedoch trafen mich ihre Worte nicht. Das wohlige Gefühl das mich umgab, eine tiefe Zufriedenheit, wehrte jede negative Kraft ab. Wie ein Schutzschild umgab es mich und ließ keine negativen Gedanken zu mir durchdringen.

Sie wollten mich mit ihren Worten verletzen, doch war das einzige Gefühl, das ich für sie empfand, Mitleid. Diese Menschen waren umgeben von Angst, Trostlosigkeit und Unsicherheit. Sie gingen auf die Straße und sahen diese fremden Menschen in ihrem Land. Diese Menschen die anders aussahen, ihre Sprache nicht beherrschten und an eine andere Religion glaubten. Sie hatten Angst vor einer Überfremdung in ihrer eigenen Heimat. Angst vor einem Wandel, vor Neuem und sie hatten Angst, zu lieben. Der Hass war die einzige Festung, die ihnen blieb.

Ich fragte mich was meine Festung war? Woraus schöpfte ich meine Energie? Es ist die tiefe Liebe zum Schöpfer und zur Schöpfung, die mich keinen Hass empfinden ließ. Der Urglaube, dass jede Seele von Gott erschaffen wurde und dass zwar unsere Taten schlecht sein können, jedoch nicht unser Herz.

Ich sah diesen Hass und sah ihn irgendwie auch nicht. Ich wollte ihn nicht sehen. Ich wollte gute Taten wahrnehmen, gute Menschen erkennen und vielmehr wollte ich sie einander lieben sehen. Ich tankte meine Kraft durch ein flüchtiges Lächeln eines Fremden, durch den Blick auf den Sonnenaufgang oder wie jemand einer älteren Dame den Weg zeigte.

„Hast du denn keine Angst? Du machst dich mit deinem Kopftuch angreifbar!“

Nein, war auch meine Antwort auf diese Frage. Ich hatte keine Angst. Mir war bewusst, auf welchem dünnen Eis ich mich bewegte und trotzdem war ich überzeugt, dass struktureller Wandel nur erfolgen kann, wenn es Menschen gibt, die an ihrer Überzeugung festhalten. Ich konnte muslimisch sein, individuell und feministisch sein und konnte gleichzeitig deutsch sein. Wieso sollte das ein Widerspruch sein? Und wieso stach immer nur meine Rolle als muslimische Frau in dieser Gesellschaft hervor? Wir befinden uns in unserem Leben stets zwischen so vielen Schnittstellen. Man ist Mutter, gleichzeitig erfolgreich im Berufsleben, in dem Tennisverein und je nach Situation manchmal einfach nur Frau. Als muslimische Frau mit einem sichtbaren religiösen Symbol gibt es für mich allerdings immer nur eine vorherbestimmte Kategorie. Unterdrückt, unmündig, unwissend. Trug eine muslimische Frau kein Kopftuch wird ihr aber zugesichert, dass sie dazugehören kann.

Dazugehören. Wollen wir das nicht alle? In der Schule, in der Universität und zu dieser Gesellschaft? Doch welchen Preis muss ich denn zahlen, um zu ihnen zu gehören. Die erste Mutprobe ist es das Kopftuch abzulegen, dann muss ich anfangen alle religiösen Praktiken heimlich auszuführen. Sei es das fünfmalige Gebet oder der Fastenmonat, Religion ist einfach nicht „cool“ genug. Und natürlich muss ich meine Werte und Prioritäten assimilieren. Dann gehöre ich endlich dazu, kein Schwebezustand mehr. Aber werde ich hiernach noch die gleiche Zufriedenheit in meinem Leben verspüren?

Nein, das werde ich nicht, denn letztendlich haben wir alle eine Lebensphilosophie, eine Ideologie und einen Gott in unserem Leben. Der Gott einer gläubigen Person ist das spirituelle Wesen, das uns erschaffen hat, das uns in jeder Situation hilft und von dem wir wahres Glück erfahren. Eine weltlich orientierte Person hat seinen Gott in dem Geld das sie verdient, dem Lebenspartner oder seinen Kindern. Letztendlich sind wir nämlich alle auf der Suche nach Glück und wahrerer Zufriedenheit.

Muss ich mich also schämen und mich verstecken, weil ich meine Quelle des Glücks gefunden habe? Muss ich sie wegen einer temporären Anerkennung durch eine Handvoll Menschen leugnen? Und vielmehr, muss ich mich selbst aufgeben, um ein Teil ihrer zu sein?

Nein. Wahre Integration sehe ich darin, die bestmögliche Version meiner Selbst zu sein und zu dem Fortschritt in diesem Land beizutragen. Ein Kopftuch zu tragen, Politikwissenschaften zu studieren und mich ehrenamtlich zu engagieren. Meinen Mitmenschen etwas Gutes zu tun, Brücken zu bauen und in den Dialog zu treten. Selbstbewusst hinter den islamischen Lehren zu stehen und gleichzeitig dem Grundgesetz treu zu sein. Und stets dem Hass mit Liebe zu begegnen.

20:47 26.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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