Wo bleibt der Aufschrei?

Islamophobie Ist Freiheit nur Freiheit der Andersdenkenden?
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Einem elfjährigen Mädchen wird in Osnabrück von einem Betrunkenen das Kopftuch heruntergerissen. Der Täter war in einer Gruppe von fünf bis sechs Männern unterwegs, die kurz zuvor aus einer Kneipe gekommen sein sollen. Die Tat geschah am Samstagnachmittag in der Nähe des Osnabrücker Fußballstadions an der Bremer Brücke, so berichtet die WELT.

Ich warte gespannt wo der Aufschrei bleibt? Wo bleiben die zahllosen Wutbürger, die die Kommentarspalten stürmen? Wo bleibt der #Shitstorm? Wo bleiben die zahlreichen Beiträge und Meinungen, um diese Tat zu verurteilen? Wo bleiben die Diskussionen im Netz, die sich über ein mögliches Alkoholverbot drehen, um Minderjährige vor solchen Überfällen zu schützen? Wo bleibt die Solidaritätsbekundung, wo bleibt die Demonstration?

All das was sichtbar wird, sind solche Kommentare:

... Fussballfan ? Vielleicht war der Mann einfach nur strack besoffen und konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten ..

Das Kopftuch ist ein Zeichen der Rückständigkeit. Wenn Mann sich nicht beherrschen kann nur weil wenig Haar sieht dann ist er ein Tier und kein Mensch. Denn Gott gab uns einen eigenen Willen damit wir selbst entscheiden damit trägt auch jeder selbst die Schuld wenn er sich wie Tier verhält. In keiner zivilisierten Gesellschaft sollten Frauen gezwungen sein ihr Haar zu verstecken um nicht als freiwild zu gelten.

Ja und? Mir tun die Kinder, die dieses Tuch von zu Hause verordnet bekommen, auch leid. Ich sehe sogar schon Kleinkinder damit. Bitte, was hat das hier im freiheitlichen Westen denn für einen Sinn? Wer das will, der soll bitte bleiben, wo dies üblich ist. Wenn man schon Kinder dazu bringt, das Zeichen der Unterdrückung zu tragen, dann hat man hier nichts verloren.

Kann mir jemand erklären (und das meine ich als Nicht-Jurist nicht ironisch), gegen welche strafgesetzliche Norm der Mann verstoßen hat, so dass die Polizei deswegen nach dem Mann fahndet?

Ich gebe zu ,wenn ich ein Kind mit Kopftuch sehe,in Versuchung gerate,das Mädchen zu befreien. Selbstverständlich gewinnt natürlich immer meine Selbstbeherrschung.

Und so geht es weiter, bis ich auf diesen Kommentar stoße, der meine kompletten Gedanken auf den Punkt bringt:

Keine Solidarität mit einem Kind? Dann ist nicht der Islam unser Problem.

Unabhängig von allem. Ob das Kopftuch akzeptiert ist oder nicht. Ob es verboten werden sollte oder nicht - diese Kommentare stoßen mich zutiefst ab, da sie einen Opfer zum Täter machen. Mehr noch, sie erkennen einem elfjährigen muslimischen Mädchen nicht die gleiche Menschenwürde an, wie sie es jedem anderen Kind tun würden.

Sie verharmlosen, reduzieren und vertuschen. All das was uns als Rechtsstaat ausmacht, geht hier verloren. Anstatt sich über den Täter aufzuregen, sich zu fragen ob der Alkoholkonsum in diesem Fall der Risikofaktor war oder die Fremdenfeindlichkeit, projizieren sie die Schuld in das Opfer und ihre Eltern hinein.

Sind wir nun wirklich an diesem Punkt angelangt? Sind wir eine Gesellschaft, die Täter zum Helden macht? Hätten wir letzte Woche auch über den jüdischen Mitbürger so gesprochen? Hätten wir gesagt die Kippa muss verboten werden, das hätte den antisemitischen Übergriff verhindert? Hätten wir gesagt für die Sicherheit in unserem Land ist gesorgt, wenn es einen Kippa-Verbot gibt?

Wieso suchen wir uns die Opfer in unserer Gesellschaft selbst aus? Wieso reicht die Unantastbarkeit der Menschenwürde nicht mehr aus, um diese Straftat zu verfolgen? Oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit? Oder das Recht auf Religionsfreiheit? Oder das Recht auf Selbstbestimmung?

Wieso ist Selbstbestimmung nur Selbstbestimmung, wenn sie den westlichen Vorstellungen assimiliert ist? Wieso brauchen wir Kategorien, um unsere Solidarität zu bekunden?

Wieso verachten wir Menschen, die für das gleiche Recht aller Minderheiten aufschreien? Wieso reduzieren wir sie unter dem Begriff „der Gutmenschen“ und schreiten mit unserem rechtsextremen Gedankengut lebensfremd voran?

Wann haben wir aufgehört Menschen als Menschen wahrzunehmen? Wieso muss man eine bestimmte Weltanschauung vertreten, eine Nationalität tragen und einer Religion angehören, um als Mensch respektiert zu werden? Wieso werde ich nicht gehört, wenn ich als muslimische Kopftuchträgerin, meine Freiheit und meine Selbstbestimmung kundgebe?

Ist Freiheit nur Freiheit der Andersdenkenden?

13:17 01.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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