Rasmus Cloes - Gesunde Skepsis
25.06.2013 | 16:23 9

Informieren und schweigen

Organspende Bei der Aktion „ORGANPATEN werden“ sollen sich Menschen mit Organspenden beschäftigen. Die Veranstalter sagen, sie wollen aufklären. Einiges verschweigen sie jedoch

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Rasmus Cloes - Gesunde Skepsis

Informieren und schweigen

Screenshot: Organpaten-Werbung

Mitten in de Leipziger Promenade liegt ein Herz. Beide Vorhöfe sind geöffnet, die Kranzgefäße heben sich blau vom roten Muskelgewebe ab und ein Arzt im weißen Kittel steht daneben. Das Herz überragt ihn um einen halben Meter und ist aus Plastik.

Einige Meter hinter Herz und Arzt steht eine junge Frau Anfang zwanzig. Ihr blondes Haar ist zu einem Dutt zusammengesteckt, ein Zahnpasta-Lächeln blitzt auf, wenn sie spricht „Hast du schon einen Organspendeausweis?“, fragt sie einen jungen Mann, der eine umgedrehte Schirmmütze auf dem Kopf balancierend und an einem Stück Pizza kauend vorbei schlendert. Etwas verdutzt bleibt er stehen. Schaut sie an. Lächelt. „Ne, aber ich habe schon mal drüber nachgedacht. Ist ja irgendwie schon richtig.“ -“Super! Hast du vielleicht Lust jetzt einen auszufüllen?“, sagt sie, zieht das Lächeln noch etwas breiter und berührt kurz seinen Arm. Er richtet sich auf, zieht die Schultern nach hinten. „Klar!“ Einige Minuten später geht er weiter, wedelt seinen frisch laminierten Ausweis durch die Luft und schaut auf eine Broschüre mit der Aufschrift „Organpaten werden“.

Unter dem Motto ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) auf Informationstour. Dazu klappert sie die Einkaufszentren deutscher Großstädte ab. Schickt junge Frauen, die höflich Besucher ansprechen. Baut Herzen aus Plastik oder zwei Meter hohe Säulen.

Keine weiteren Fragen

Vor Letztere in mintgrün kann man sich stellen, um zu lernen, wann ein Hirn stirbt. Das ist der Fall, wenn alle „Funktionen des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms irreversibel ausfallen“. Sollte man Organspender sein, erklärt die Säule weiter, prüfen zwei Ärzte die Grundfunktionen des Gehirns. Mit einem EEG messen sie die Hirnaktivität. Zeigt sich keine Reaktion, dann erklären sie den Menschen für Hirntod. Auch auf Fragen eines potenziellen Lesers geht die zuvorkommende Säule ein: Kann es passieren, dass ich als Organspender zu früh als Hirntod erklärt werde? -Nein, um einen Interessenskonflikt auszuschließen, dürfen Ärzte, die den Hirntod feststellen, nicht selbst die Organe entnehmen. Keine weiteren Fragen.

Wenn man mit dem Text in der Säule fertig ist, dann weiß man fast so viel, als hätte man den Wikipedia-Artikel zum Thema gelesen. Aber nur fast. Denn darin steht noch: „Verschiedene Mediziner und Wissenschaftler üben Kritik an der Hirntod-Definition.“ Das muss die Säule vergessen haben. „Ein Hirntoter ist ein sterbender“, sagt Alan Shewmon. Der Neurologe hat 170 Fälle gefunden, in denen zwischen Feststellung des Hirntodes und Eintritt des Herzstillstands viel Zeit vergangen war: eine Woche bis 14 Jahre.

Shewmons Forschung ließ das US-amerikanische President's Council on Bioethics am Hirntod zweifeln. Sie schlugen 2008 vor, den Begriff in Hirnausfall zu ändern und schrieben, die Patienten seien „schwer verletzt, aber noch nicht tot.“ Damit graben sie am Fundament der Organspende. Im Jahr 1968 schufen Forscher der Harvard Universität den Hirntod indem sie das irreversible Koma umbenannten. - Ein Jahr nachdem ein Arzt das erste Herz erfolgreich transplantierte. Um weiter zu forschen, brauchte es Organe.

Ein Mensch, dem diese Definition das Leben gerettet hat, ist Lothar Schmidt. Das Zahnpastalächeln hatte ihn hatte ihn stolz angekündigt: „Wir haben auch jemanden, der lebt schon 16 Jahre mit einer gespendeten Niere.“ Schmidt arbeitet heute ehrenamtlich für den Dialyseverband Sachsen in der Leipziger Promenade. Er wartet, wenn Menschen an seinen Stand treten. Spricht sie höflich an. Mit blauem Polohemd, einem Brillenrand in gleicher Farbe und braunem Schnauzer, wirkt er wie der Prototyp der deutschen Mittelschicht. Er ist einer von den Menschen, deren Leben die Organspende ermöglicht. Dem ein Toter ein langes zweites Leben geschenkt hat. Ein Beispiel, das gerne durch die BzGA angeführt wird. Der Regel entspricht sein Fall aber nicht.

Schlechte Aussichten

Nach fünf Jahren funktioniert ein Drittel der gespendeten Nieren nicht mehr. Bei anderen Organen ist die Rate noch schlechter: Jede dritte Lungen fällt schon im ersten Jahr aus. Nach fünf funktioniert weniger als die Hälfte. Spricht man mit Lothar Schmidt über die schlechten Aussichten, dann sagt er: „Klar, gut sind die Aussichten nicht. Aber denk drüber nach, ob du ein Organ haben willst, wenn du es brauchst? Wenn ja, dann solltest du auch spenden.“ Zu dem Rat gibt es noch einen Organspendeausweis.

Seine Frage wird auf der „Organpaten werden“-Tour beständig wiederholt. Überall prangen Poster mit jungen Menschen oder Prominenten, die sagen: „Du bekommst alles von mir. Ich auch von dir?“ Das Prinzip des Gabentausches. „Ich selbst finde, dass der Satz etwas Forderndes hat“, sagt Weyma Lübbe, Philosophin und Mitglied im deutschen Ethikrat. „Wer seine Organe nur an Menschen spenden will, die ihre ebenfalls abgeben wollen, der rückt die Organspende in die Sphäre des Tausches.“ Schläge man diese Richtung ein, dann sei es nur schwer zu erklären, warum man Personen, die selber spenden, nicht auch in der Organ-Vergabe bevorzugen sollte. Gespendet würde, weil es einem nützt. Menschen die nicht spenden dürfen, wären benachteiligt.

„Keiner hat einen Nutzen davon, außer die Empfänger“, sagt die junge Frau, deren Lächeln so schön durch die Promenade strahlt. Sie könne genau begründen, warum die Organspende in Deutschland ganz sicher sei: „Erst versucht ein Arzt dem Patienten das Leben zu retten.“ Scheitert dieser, stellt ein Zweiter den Tod fest. Entnehmen würde die Organe dann wieder ein Anderer. „Wer sie dann bekommt, bestimmen die Wartelisten der Organisation Eurotransplant“ Organhandel sei in Deutschland so praktisch unmöglich. Die Worte widerlegen die Skandale der letzten Monate. Aber auch ganz offiziell gibt es einen Profiteur, wenn die Spenderzahlen steigen: Die Deutsche Stiftung Organspende (DSO).

Die Krankenkasse zahlt ihr 8 765 Euro pro entnommenem Organ, wird es geflogen, sind es 15 496 Euro. Damit deckt die DSO laufende Kosten. Interne E-Mails zeigen jedoch: Günter Kirste und Thomas Beck, der medizinische und der kaufmännische Vorstand, hatten hohe Kosten zu decken. Sie leisteten sich teure Dienstwagen, zahlten sich hohe Gehälter und flogen auf teuer Dienstreisen. Spesen inklusive. Das finanzierten sie mit Geld aus der Organspende. Wegen der Vorwürfe trat Thomas Beck im April 2012 zurück.

Schwerer wiegt ein Vorwurf, der aus Recherchen der taz entstand: Die DSO soll seit 2006 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Krankenhauspersonal in der umstrittenen Kommunikationstechnik NLP (Neurolinguistisches Programmieren) geschult haben. NLP wird in anderen Zusammenhängen eingesetzt, um Verkäufe zu fördern und den Gesprächspartner zu manipulieren. Die DSO soll damit versucht haben, Angehörige zu überzeugen, einer Organspende zuzustimmen.

„Wir wollen niemanden überreden“, sagt die junge Frau. Stutzt kurz, lächelt dann wieder und lässt ein lang ausgeführtes „aber“ folgen. Dazu gibt es einen Spenderausweis. Darauf kann man sich für alles entscheiden. Auch nicht zu spenden.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (9)

GEBE 25.06.2013 | 17:31

Vielleicht ein Tip für alle diejenigen, die in Bonn und Umgebung leben:

Am Freitag, 28. Juni 2013, 20:00 Uhr findet in der "Christengemeinschaft Bonn" ein Vortrag statt zum Thema:
>>Organtransplantation, Spirituelle Aspekte aus anthroposophischer Erkenntnis.<<
Den Vortrag hält Dr. med. Markus Karutz, Köln.
Dr. Karutz ist Facharzt für Innere Medizin und praktiziert seit 1991 im Tobiashaus, dem Zentrum für anthroposophische Medizin in Köln, als niedergelassener Arzt.

Helmut Eckert 26.06.2013 | 12:36

Organspende - Brauchst du ein Organ, dann bist Du schnell ein Befürworter der Spende. Wie immer, hat jede Sache zwei Seiten. Da ein Toter, vom Gesetz gesehen, nur eine Sache ist, müsste der Gesetzgeber das Organspendegesetz ändern. Es fehlt mir der Passus: Bei jedem möglichen Spender ist dann eine Spende erlaubt, wenn keine ausdrückliche Gegenanzeige des Spenders vorliegt.

Kyriae 26.06.2013 | 16:22

Sehr geehrter Herr Eckert,

wenn Sie tot sind, sind Sie als Spender unnütz, denn in kürzester Zeit "zerfallen" die Organe und sind somit unbrauchbar. Das heißt, bei der Organspende werden lebende Menschen ausgeweidet. Und nicht jeder, der ein Organ bräuchte wird deswegen zum Befürworter. Es soll Menschen geben, die keine Angst vor dem Tod haben und es als widerwärtig erachten darauf zu hoffen, dass ein anderer Mensch krepiert, damit man selber leben kann.

Ich persönlich bin gegen eine Organspende, wie meine gesamte Familie! Meine Tante hat eine Niere sogar abgelehnt, die sie gebraucht hätte. Aber unsere Familie ist in der Beziehung ein gebranntes Kind, wie man so schön sagt. Da meinem Großneffen ohne Einwilligung der Eltern (ganz im Gegenteil sie haben der Entnahme ausdrücklich widersprochen!) das Herz entfernt und einem anderen Jungen eingepfanzt wurde. Nun ja, das Krankenhaus hat sich seinerzeit über die Neuanschaffung für den OP gefreut.

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Ehemaliger Nutzer 26.06.2013 | 16:25

Abgesehen mal davon das Organverpflanzung nur lebendig erfolgen kann also das bedeutet der Spender muss die komplette Zeit am Leben gehalten werden wobei nicht geklärt ist ob der Mensch der da noch lebendig liegt nun Schmerzen empfindet während man an ihm rumschneidet oder nicht, ist diese Art aus dem Leben zu scheiden ethisch nach meiner Meinung bedenklich. Weil was ist denn die Motivation der Organspende Egoismus nichts anderes sowohl bei den Ärzten als auch bei den Patienten und wer hat daran Interesse bzw. bekommt die lebensverlängernden Maßnahmen doch nur die, die bezahlen können und davon habe ich die Nase voll. Irgendwann ist das Leben zu Ende damit müssen wir uns alle abfinden. Wir haben ein Gesundheitssystem das kann vieles machen aber Organverpflanzung würde ich als Regelbehandlung ausklammern und nur dann zulassen wenn sich zwei Menschen einig sind dabei darf nicht das Geld im Vordergrund stehen sondern ausschließlich der Mensch das haben wir derzeitig nicht mehr. Weiterhin haben wir in Deutschland eine Situation, dass das Gesundheitssystem auf Kostenersparnis getrimmt wurde. Der Bürger bekommt nur noch Billigmedikamente und viele Behandlungen die der Gesundheitserhaltung dienen werden nicht mehr bezahlt also wozu teure Organverpflanzungen wenn nicht dazu um nur Kasse zu machen. Darüber hinaus ist durch Demokratie und Sozialabbau sowie der Einführung von Hartz4 und dem Arbeitszwang hin zur Niedriglohnbeschäftigung eine krankmachendes System etabliert worden.

Ich finde bevor man über Organverpflanzung nachdenkt sollte man erst mal darauf achten das die Menschen gesund bleiben und alles dafür getan wird das diese ein lebenswertes Leben führen können. Das ist in Deutschland für viele nicht mehr der Fall. Das Sozialsystem ist zum Teil nur noch eine Illusion und von denen nur noch Nutzbar die in der Lage sind sich mit allen zur Verfügung stehendem Mitteln zu wehren. Bei Kranken ist das in der Regel nicht mehr der Fall, diese sind in Deutschland in großen Teilen dem System hilflos ausgeliefert das merken die Betroffenen aber erst wenn es soweit ist, Stichwort dazu MDK!!!

Ich habe auch schon gehört das es Aussagen von Leuten gibt die in der Krankenhausabrechnung arbeiten, die natürlich darüber nicht öffentlich reden, das zum Teil lebensnotwendige Maßnahmen von den Kassen bei Operationen in einzelnen Fällen nicht mehr bezahlt wurden!!! Vielleicht sollte das erst mal geklärt werden!!!

Ich selbst bin Nierenkrank und habe es erlebt das obwohl mein Zustand akut war ich erst mal einiges an nachdrücklicher Überzeugungsarbeit leisten musste bevor ich Stationär aufgenommen wurde weil meine Werte nicht schlecht genug waren im Hinblick auf Organverpflanzung. Der Focus hat sich bei diesem Krankenhaus das auch Organverpflanzungen durchführt nach meiner Meinung zu sehr in Richtung Organverpflanzung verlagert. Patienten deren Werte nicht schlecht genug waren wurden nicht ernst genug genommen weil der Focus der Ärzte sich verschoben hatte durch die tägliche Routine.

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Ehemaliger Nutzer 27.06.2013 | 22:45

Hirntot ist hirntot, der Körper ist doch nur die bewegliche Hülle fürs Gehirn.

Die Frage ist doch eher: wie sicher kann man diesen feststellen und wieviele Fälle sind bekannt, bei denen nach Feststellung das Gehirn wieder zu arbeiten anfing?

Zu ersterem schreibt Wikipedia, dass es gewisse Unsicherheiten gäbe, die scheinen aber nicht sehr groß zu sein und zu zweiteren finde ich keine ernsthaften Aussagen (kennt jemand Fälle?)

Klar, Menschen sind Gefühlstiere, sie verbinden den Körper mit der Person und ein "Ausschlachten" des Körpers kommt ihnen wie ein Sakrileg vor. Selbst wenn anderen damit geholfen werden kann.

Aber wer selbst schon mit schwer Gehirnkranken (z.B. Alzheimer oder Schlaganfall) zu tun hatte, weiß, dass die Persönlichkeit im Kopf sitzt und Störungen im Gehirn sowohl Charakter wie auch Intelligenz komplett ändern können (so weit zur unsterblichen Seele).

Es wäre natürlich schön, wenn Körperspenden irgendwann nicht mehr nötig wären, etwa weil man Organe nachzüchten kann. Aber bis dahin behalte ich meinen Organspendeausweis. Selbst wenn ich wieder aufwachen sollte, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich nicht schwerbehindert bin, nahe Null, da helfe ich mit meinen Organen lieber anderen Menschen...