Ökonomiekritik - okay, aber nicht so!

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Man kann an der heutigen VWL einiges kritisieren. Mancher mag etwa kritisieren, dass sie nicht die richtigen Schwerpunkte setzt; andere meinen, dass ihre Methodik aus diesen oder jenen Gründen dem Gegenstand unangemessen ist.[1] Mich selbst ärgert am meisten - nun, nicht "die" VWL, sondern vor allem nerven mich Professoren, die ihre eigene politische Position Erstsemestern nicht nur predigen, sondern als logische Konsequenz wissenschaftlicher VWL aussehen lassen. Solche Professoren gibt es immer noch. Da nervt es ein wenig, wenn manch aktuelle Ökonomiekritik nur zu fordern scheint, andere Meinungen als Wahrheit darzustellen.

Eine Fähigkeit von vielen Ökonomen ist, Intuition mit einfachen Modellen zu unterfüttern. David Colander beschreibt diesen Ansatz als "Chicago economics":

"A well-trained Chicago economist can explain everything with a simple economic model."

Diese Fähigkeit ist sehr nützlich in Talkshows - wobei die Modelle da schon sehr einfach und anschaulich sein müssen und um Rhetorik im engeren Sinne ergänzt werden. Sie ist aber vor allem nützlich, wenn man Grundstudiums-Studenten von seiner Weltsicht überzeugen möchte. Denn diese lernen gerade den Umgang mit einfachen Modellen und sie müssen das, was der Prof erzählt, ohnehin erstmal als richtig oder zumindest als richtig im Sinne der Klausurbeantwortung hinnehmen.

So können Ökonomie-Professoren nicht nur ihre politischen Auffassungen einem ganzen Hörsaal als prüfungsrelevant darstellen, sondern vor allem glauben die Studenten hinterher, diese Aussagen seien "die VWL". Zu dieser Präsentation gehören die geschickte Auswahl und Darstellung von Modellen und/oder Daten ebenso wie die selektive Auswahl von Zitaten der "Gegenseite" zur Illustration. Dies ist unter Ökonomen, die ihrer eigenen Profession etwas kritischer gegenüberstehen, wohlbekannt. Uwe Reinhardt etwa warnt seine Erstsemester nach eigener Aussage davor, Ökonomen nicht zu trauen, da sie Meister darin seien, Informationen passend zu strukturieren (to "sif" - structure information felicitously).

Es ist jedoch die stärkere Gewichtung verschiedener Formen von Aussagengültigkeits-Überprüfungen, die dazu führt, dass so etwas zumindest nicht mehr so einfach möglich ist. Eine Möglichkeit ist Empirie - Aussagen wie "Mindestlöhne führen in aller Regel zu mehr Arbeitslosigkeit" kann man empirisch überprüfen. Eine andere Möglichkeit ist formale Analyse. Colander schreibt:

"The non-mathematical intuitive approach lost favor as it became associated with laissez-faire policy recommendations that were claimed to come from economic theory. The claim that laissez-faire policy conclusions followed from economic theory did not fit an informed person’s Yeah criterion. But since many intuitive economists said they did, economic researchers went about showing formally that the intuitive economists were claiming far too much for their intuition and for laissez faire."

(Um zu verstehen, was Colander mit dem Yeah Criterion meint, sollte man den verlinkten Artikel "Confessions of an economic gadfly" lesen.)

Mit etwas Glück führen beide Ansätze dazu, dass es zumindest in der wissenschaftlichen Community nicht funktioniert, einfach Behauptungen im Sinne der eigenen politischen Vorstellungen aufzustellen. Andere Ökonomen werden fragen: Okay, wo ist der Beleg für diese Behauptung? Woher stammen die Daten? Welche mathematischen Annahmen sind nötig, um zu diesen Ergebnissen zu kommen (so dass jeder selbst beurteilen kann, für wie relevant er ein formales Modell hält)?

Mit etwas Glück führt fördert dies ein bescheideneres, wissenschaftlicheres Klima in der Wirtschaftswissenschaft. Im Idealzustand würde einerseits niemand Dinge als Fakt behaupten, weil sie seiner Meinung entsprechen. Andererseits würden Ökonomen zugeben, wenn sie Dinge nicht beantworten können. Dann würde ein Ökonom vielleicht sagen: "Es tut mir leid, wir haben keine klare Antwort darauf, aber aus den Gründen X und Y vermute ich Z - mehr kann ich Ihnen leider noch nicht sagen." Und diese Selbstbeschränkung würde honoriert.[2]

Die Kritik, die jedoch in der letzten Ausgabe des "Uni-Spiegel" an der VWL geübt wird, lehnt solche Selbstbeschränkungen jedoch ab. Die Kritik geht in zwei Richtungen, die zum Teil zusammenhängen. Den VWL-Dozenten wird erstens vorgeworfen, dass sie einerseits aktuelle Themen wie die Schuldenkrise nicht behanden; zweitens sei die VWL zu mathematisch und abstrakt. Wie sollen nun aber die richtigen Methoden zur Behandlung ökonomischer Probleme gefunden werden? Ein Heidelberger Student, Mitglied des Arbeitskreises Postautismus, erklärt, warum er eine Vorlesung "Geschichte des ökonomischen Denkens" organisiert hat:

"Verschiedene Methoden kennenlernen, damit man am Ende entscheiden kann, welche am besten zur Lösung wirtschaftlicher Probleme geeignet ist" - so hatte sich Bettin sein Studium vorgestellt. Andere offenbar auch: Der Hörsaal ist immer voll.

Nun mag an der Kritik, dass die "streng formale Ausrichtung auf mathematische Modelle ... zur geistigen Verarmung" der VWL führt, etwas dran sein (auch der weiter oben zitierte Colander sieht das so) - aber ist Ideengeschichte allein bereits ein Maßstab zur Beurteilung von Theorie und Methode?

Ob jemand eine Theorie (oder ein Modell oder eine Denkschule) ansprechend findet, sollte davon abhängen, ob die Theorie die Welt auf vernünftige Weise zu beschreiben scheint. Sind zwei Theorie unterschiedlich kompliziert, sollte die kompliziertere mehr Erklärungsgehalt haben, um akzeptiert zu werden. Das ist jedoch für einen Studenten in den ersten Semestern kaum unter- und entscheidbar. Es klingt vieles abstrakt, unverständlich und bringt hohe Verständnis-Hürden mit sich. Mathematische Modelle mit rationalen Akteuren scheinen zunächst mal völlig unsinnig zu sein - ebenso wie es einem unsinnig vorkommen mag, das Universum als elfdimensionales Gebilde zu beschreiben. Und dabei ist es in der Ökonomie zum Teil schwieriger als in der Physik zu entscheiden, wer Recht hat.

Genau deswegen geht es im VWL-Studium zu einem großen Teil darum, zwei verschiedene Methoden zu lernen. Die erste Methode ist die formale Sprache, in der theoretische Modelle der Welt aufgeschrieben werden, die vor allem den Sinn haben, "wenn-dann"-Fragen zu beantworten, z.B.: Wenn auf ansonsten "perfekten" Märkten die Verkäufer besser über Produkte Bescheid wissen als die Käufer, was passiert dann? Wenn ein Monopolist eine Rohstoffquelle besitzt, wird er sie dann schneller ausbeuten als ein wettbewerblicher Rohstoff-Besitzer? Etc. Die zweite Methode ist Empirie: empirische Methoden, mit denen man überprüfen kann, welche theoretischen Modelle die Welt nun halbwegs zutreffend beschreiben und welche der in theoretischen Modellen zu sehenden Effekte auch in der Realität ausreichend stark wirken, um relevant zu sein.

Sich an solche Methoden zu halten, hilft zumindest manchen zur wissenschaftlichen Bescheidenheit. So zitiert der Uni-Spiegel den Kölner Finanzwissenschaftler Felix Bierbrauer:

"Viele aktuelle Fragen können Ökonomen nicht mit Sicherheit beantworten", sagt Bierbrauer. Ob man zum Beispiel einen Kollaps des internationalen Bankensystems riskiert, wenn man Griechenland pleitegehen ließe. "Wir sind nun mal keine Naturwissenschaft, wo man einfach ein Experiment macht und dann beobachtet, was passiert."

Eine angenehme Einordnung. Jedoch:

Manchen Kölner Studenten ist diese Haltung zu zögerlich, sie gestalten ihren eigenen Lehrplan. Darauf steht eine Ringvorlesung, in der Fragen gestellt werden wie: "Scheitert der Kapitalismus an sich selbst?" Oder: "Wie sollen wir in Zukunft wirtschaften?" Und weil Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit im gesamten Fachbereich nicht vorkamen, holte die Studentenorganisation "Oikos" sie eben selbst in den Hörsaal, wieder als Ringvorlesung ohne Leistungsschein.

Sich neben dem Studium noch "ohne Leistungsschein" in den Hörsaal zu bewegen und sich mit politisch und gesellschaftlich relevanten Fragen zu beschäftigen, ist lobenswert. Aber bitte, was dabei jedoch nicht versucht werden sollte: Die VWL (wieder) auf einen Mix aus politischer Meinung und Intuition zurückzuführen.

Überprüfbare Bewertungsmaßstäbe für Wissenschaftlichkeit abzulegen, würde jenen nützen, die sich in Medien und Öffentlichkeit geschickt darstellen können. Und deshalb heißt es bei aller berechtigten Kritik an Forschungsrankings auch, wachsam zu werden, wenn Thomas Straubhaar im Spiegel-Artikel seine Einschätzung zu Rankings abgibt.

Aber warum geht die Reform der VWL, die Abkehr von der - widerlegten - Theorie der effizienten Märkte an den Unis so zögerlich voran? Thomas Straubhaar hat einen Verdacht: Das habe etwas damit zu tun, wie man in Fachkreisen Reputation erlangt. Das geht nämlich so: Wer am meisten publiziert, landet im berühmten "Handelsblatt"-Ranking ganz oben. Das Ranking wiederum ist entscheidend für die Vergabe wichtiger Stellen an den Universitäten.

Abweichler vom Mainstream haben weniger Möglichkeiten zu publizieren. Schaffen sie es dennoch und werden vor eine Berufungskommission geladen, besteht diese in der Regel aus einer Phalanx marktgläubiger Professoren, dem Establishment der VWL. Bewerber, die deren Lebenstheorie angreifen, bekommen wenig Applaus. So bleibt der Status quo lange Zeit erhalten.

Die Aussage, dass Abweichler vom Mainstream weniger Möglichkeit haben, zu publizieren (oder zumindest, dass ihre Publikationen weniger Chance auf hohes Ranking haben), stimmt zwar zum Teil. Aber erstens hat der "Mainstream" sich in den letzten Jahren zu einem guten Teil selbst gewandelt - Verhaltensökonomie und Experimentelle Ökonomie sind Beispiele dafür. Und zweitens (und wichtiger): Welcher Bewertungsmaßstab soll die Rankings ersetzen? Wirtschaftspolitischen Aktivisten wie Straubhaar in Zukunft die Deutungshoheit zu überlassen, klingt nach keiner sinnvollen Lösung.

Linktipp: Rüdiger Bachmann hat auf den Unispiegel-Artikel auch geantwortet, wahrscheinlich griffiger als ich - klingt dabei aber ein bisschen sehr selbstsicher.

Nachtrag zum Linktipp: Auf Oekonomenstimme distanziert er sich vom redaktionell nachträglich hinzugefügten Titel des Artikels bei Spiegel online.

[1]Ein Beispiel für eine Kritik-Stoßrichtung, die auf beiden Punkten aufbaut, sind jene Ökonomen, die sagen, moderne Volkswirtschaften seien so komplex, dass man viel mehr auf Simulationen setzen müsste.

[2] In Carl Sagans Buch "The demon-haunted world" ("Der Drache in meiner Garage") beschreibt er folgenden typischen Dialog.

I'm frequently asked, "Do you believe there's extraterrestrial intelligence?" I give the standard arguments - there are a lot of places out there, the molecules of life are everywhere, I use the word billions, and so on. Then I say it would be astonishing to me if there weren't extraterrestrial intelligence, but of course there is as yet no compelling evidence for it.
Often, I'm asked next, 'What do you really think?'
I say, 'I just told you what I really think.'
'Yes, but what's your gut feeling?'
But I try not to think with my gut. If I'm serious about understanding the world, thinking with anything besides my brain, as tempting as that might be, is likely to get me into trouble.
Really, it's okay to reserve judgement until the evidence is in.

19:32 06.01.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

rat racing bets

Ökonomie, Sozialwissenschaften, Politik und Kram drumherum und dazwischen
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare