Kalte Krieger, warme Brüder

Olympia In der Symbolpolitik um Sotchi wird Homosexuellen eine Hauptrolle eingeräumt. Warum eine Abkehr von Russland einen alten Kulturkampf anfeuert, statt LGBT zu unterstützen
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Keine Woche nach der Verlautbarung des Bundespräsidenten hat auch EU Kommissarin Reding ihre Abwesenheit bei den Winterspielen angekündigt. Anders als Gauck, der sich nur über Pressesprecher äußerte überlässt sie ihre Begründung nicht den Mutmaßungen der Medien. Auf Twitter stellt sie klar: „Ich werde sicher nicht nach Sotschi fahren, solange Minderheiten auf diese Weise von der derzeitigen russischen Regierung behandelt werden“. Welche Minderheiten damit gemeint sind, überlässt sie freilich der Interpretation. In der Berichterstattung dagegen herrscht Einigkeit: es geht um den Umgang mit Homosexuellen. In der Kritik steht ein Gesetzesartikel, der die „Propaganda von Homosexualität“ unter Strafe stellt. Neben allem was zu kritisieren möglich wäre muss das der Stein des Anstoßes sein. Die Diskussion über die politische Dimension der Spiele ist angesichts des Schweigens in Bundespräsidialamt und Kreml erstaunlich laut. Und in die Frage nach der Verhältnismäßigkeit eines Boykotts mischt sich ein gefährlicher Unterton: sollten diplomatische Beziehungen tatsächlich für ein paar Schwule und Lesben aufs Spiel gesetzt werden?

Doch offensichtlich wird hier mehr verhandelt als die öffentliche Anerkennung von Homosexualität. Es geht um Russlands Beziehungen zum europäischen Kulturraum. Angesichts des eisigen Tonfalls vor den Winterspielen bleibt zu hoffen, dass diese nach Jahrzehnten der Isolation allmählich auftauen.

Ost-West Verhältnis: eine nie endende bipolare Störung?

Als die Sowjetunion schon an Sklerose krankte und Gauck noch gegen einen sehr real existierenden Sozialismus predigte, war eine Blockadehaltung gegenüber Russland westdeutsche Staatsraison. Wer unter dem Vorsatz von „Wandel durch Annäherung“ die Isolation aufbrechen wollte machte sich bei einigen Konservativen sogar des Landesverrats verdächtig. Wider Erwarten führten Brandts Wege nach Moskau jedoch nicht zum Bolschewismus sondern zum Ende der Blockkonfrontation. Auch wenn heute Willy Brandts Hundertjähriger einlädt sich an diese visionäre Ostpolitik zu erinnern, sind uns die Worte seines Parteigenossen deutlich präsenter. Sich den moralischen Zeigefinger gegenüber Russland sparen? Die Forderung des Ex-Kanzlers Schröder ist längst diskreditiert durch die lupenreinen Eigeninteressen, die ihn in inniger Männerfreundschaft zum ewigen Staatsoberhaupt Putin verbanden. Um sich nicht ähnlichen Opportunismus vorwerfen zu lassen, gilt dagegen auch in linken Kreisen eine demonstrative Ablehnung gegenüber Russland als Etikett echter demokratischer Gesinnung.

Wie eine Reaktion auf die Forderung nach der Einhaltung von Menschenrechtsstandards aussieht, wenn sie von westlichen Überlegenheitsgefühlen begleitet wird, demonstriert unterdessen die russische Staatsführung. Sie richtet eigene Forschungsinstitute ein, wie das „Institut für Demokratie und Zusammenarbeit“, die sich mit der Beobachtung der Menschenrechtslage in den USA und Europa beschäftigen. Mit dem Bekenntnis in Russland „familiäre Werte“ gegen den Einfluss von Transsexuellen und „Sodomiten“ zu verteidigen, wie zuletzt von einer Repräsentantin der genannten Institution bei einem Kongress in Leipzig geäußert (→ der Freitag berichtete: „Unter Ihresgleichen“), werden nicht-heterosexuelle Beziehungen zum ausländischer Kulturimport erklärt. Dabei sollten beim Stelldichein mit deutschen Rechtspopulisten doch Zweifel aufkommen, dass sich Geschlechterrollen an Landesgrenzen orientieren.

In welchem Umfang regimekritische Bevölkerungsteile in diese aggressiven Abwehrreaktionen einstimmen, hängt auch davon ab, ob sich ausländische Stimmen der liebgewonnenen Denkmuster von demokratischem Westen und despotischem Osten entledigen können. Wenn angesichts der Winterspiele in Sotchi die Gewalt gegen Oppositionelle und der Umgang mit Minderheiten diskutiert werden, müssen sich ausländische Kommentatoren einer Gefahr bewusst werden: allzu selbstgefällige Versicherungen über den zivilisatorischen Nachholbedarf Russlands.

Dass mit einem Boykott nicht nur dem Regime Putin ein Denkzettel verpasst würde, sondern auch das Risiko besteht, Teile der russischen Zivilgesellschaft vor den Kopf zu stoßen, setzt eine gewisse Sensibilität voraus. Die russische LGBT Föderation hatte vorsorglich schon Monate im Voraus in einem offenen Brief darauf hingewiesen, dass ihnen ein gutgemeinter Boykott eher schaden als nutzen würde (siehe: www.lgbtnet.ru/en/content/winter-olympics-we-should-speak-not-walk-out). Sie wollen die Öffentlichkeit der Spiele nutzen um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Und schon jetzt stellt die positive Außenwirkung von Sotchi die politische Kommunikation des Kreml vor eine gewisse Herausforderung: Einerseits wird das Image als weltoffener Gastgeber eines internationalen Großereignisses poliert und gleichzeitig werden innenpolitische Anhänger mit konservativer und antiwestlicher Rhetorik bedient. Die Haltung zu Homosexualität nimmt in dieser ambivalenten Strategie unfreiwillig eine Hauptrolle ein.

Die Suche nach dem Sündenbock

Zwei Jahre nachdem in den großen Städten Zehntausende gegen Wahlfälschung auf die Straßen gegangen sind, baut das Regime Putin seine Hausmacht auf den Konservativen, den Orthodoxen und den ländlichen Landesteilen aus. Doch was denen noch als ideologische Grundfesten angeboten werden kann ist fraglich. Die traditionelle Großfamilie scheint sich zumindest angesichts des drastischen Bevölkerungsrückgangs in Russland nicht großer Beliebtheit zu erfreuen. Die soziale Schieflage im Land ermuntert nicht eben zur Familiengründung (www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/studien/2008_S11_ldr_ks.pdf). Und von den Bessergestellten sehnen sich nicht wenige nach politischer Mitbestimmung statt Reformen von oben.

Ein Sündenbock muss her. Die Ablehnung von Homosexualität ist da der kleinste gemeinsame Nenner. Bei entsprechend schockierender Darstellung in den staatlich kontrollierten Medien ist der Hass auf die „Perversen“ leicht konsensfähig. Und im Gegensatz zu den Ressentiments gegen Einwanderer aus Mittelasien lassen sie sich gegen die längst Einzug haltenden Einflüsse aus dem Westen instrumentalisieren.

Die Gesetzgebung, die wir in diesen Tagen beklagen ist Teil dieser Propagandamaschinerie. Rechtsradikalen dient der Artikel zum Verbot „Homosexueller Propaganda“ als Legitimation für ihre Gewalttaten. LGBT Organisationen werden gerichtlich verfolgt und als „ausländische Agenten“ zu Vasallen des Westens ernannt.

Souveräne Männlichkeit

Die Formel ist simpel: Russland muss im Kulturkampf mit dem Westen seine Souveränität behaupten. Selbst wenn es wie im Falle der Unterstützung der ukrainischen Opposition um knallharte außenpolitische Interessen geht, ist das Feindbild des Homosexuellen nicht zu billig. Als sollten die Protestierenden auf dem Maidan vor Sodom und Gomorrha gewarnt werden frotzelte das russische Staatsfernsehen bei Westerwelles Besuch in Kiew, ob der von seinen Leibwächtern auch gut warmgehalten werde (www.spiegel.de/politik/ausland/gauck-meidet-olympia-in-sotschi-kreml-reagiert-veraergert-a-938010.html). Offensichtlich wird hier keine Einflusssphäre verteidigt sondern ein ganz spezielles Männerbild. Durch eine Medienberichterstattung, die sich auf die schillernden Auftritte der politischen Eliten konzentriert kommen diese Bilder auch bei uns an:

Putins Macho-Gesten, wie er mit freiem Oberkörper durch Sibirien tigert sind westlichen Medienkonsumenten noch präsenter als russischen Zuschauern. Als wären wir die eigentlichen Adressaten von staatlich verbreitetem Traditionalismus und christlich-orthodoxen Moralvorstellungen erscheint uns Russland als ein letzter Hort echter Männlichkeit und natürliche Heimstatt von Homophobie. Dass sich auch in Russland Lebensmodelle verändern, wollen wir nicht so recht wahrhaben. Fast scheint es als würde uns etwas wertvolles abhanden kommen, wenn wir uns nicht mehr auf das barbarische Russland verlassen könnten. Unsere Wahrnehmung des postkommunistischen Raumes ist gerne selektiv: Statt schwarz-weiß sehen wir Russland lieber nur als düster, melancholisch, anti-modern.

Die schrillen Töne, mit denen die Grenze zwischen Ost und West markiert wird, offenbaren bei genauerem Hinsehen das Gegenteil: Russland ist dem europäischen Kulturkreis näher als es die politische Rhetorik vermittelt. Anders lässt sich eine Erwartungshaltung nicht erklären, die gegenüber anderen Staaten undenkbar wäre. Von einer Blockadehaltung gegenüber dem Emirat Katar ist bisher nichts zu spüren. Die Situation der Gastarbeiter, die in Sotchi glitzernde Stadionbauten errichten werden von den Zuständen im Gastgeberland der Fußballweltmeisterschaft in den Schatten gestellt. Von den 5 Jahren Haft für homosexuelle Handlungen ganz zu schweigen. Doch Forderungen an die Einhaltung universeller Menschenrechte stehen hier hinter dem Respekt vor kultureller Selbstbestimmung zurück. Russland wird dagegen ermahnt wie ein abtrünniges Familienmitglied, das wieder auf den rechten Weg geführt werden soll. Dass die Anerkennung von Homosexualität dabei zum politischen Kampffeld wird, ist bei aller Irrationalität leider eine reale Bedrohung für die Betroffenen. Doch eine reflexartige, laut polternde Abwehrreaktion könnte den Prozess kultureller Annäherung gefährden, der schon lange im Stillen gedeiht.

Vernetzen statt Isolieren! LGBT-Organisationen in Russland

Ein Beispiel für die unterstützendswerte Emanzipationsbewegung in Russland ist das internationale Filmfestival "bok-o-bok" (engl.: "side by side"). Als einziges Filmfestival mit LGBT-Bezug in der russischen Föderation bietet es seit über sechs Jahren Filmvorführungen, Diskussionen und Preisverleihungen in fünf Kategorien. Unter die Besuchern mischen sich neben Mitgliedern der queeren Community aus St. Petersburg auch Filmbegeisterte, die einen anderen Blick auf ein politisch instrumentalisiertes Thema suchen. Während sie in diesem Jahr erfolgreich eine Anklage nach dem Gesetz über "Ausländische Agenten" abgewehrt haben, halten die Einschüchterungsversuche durch rechtsradikale Gruppen an. Gegendemonstrationen und vorgetäuschte Bombendrohungen führten zu Änderungen im Programm konnten den Ablauf jedoch nicht aufhalten. Trotz des Drucks auf die Veranstalter konnten diese neue Kooperationspartner gewinnen und zur Preisverleihung sogar Starregisseur Gus van Sant ("Milk") und sein Produktionsteam begrüßen. Mehr auf der Festivalseite (engl.):http://bok-o-bok.ru/default.asp?lan=1

Ebenfalls in St. Petersburg angesiedelt ist die Organisation "Vychod" (engl. "Coming Out"). Sie bietet rechtliche und psychologische Beratung für LGBT und deren Angehörige und tritt auf regionaler und föderaler Ebene für die Interessen von sexuellen Minderheiten ein. Nach "Side by Side" ist es die zweite LGBT Organisation, die nach dem Artikel über "ausländische Agenten" angeklagt wurde. Aus Verfahrensgründen wurde das Urteil jedoch zurückgenommen. Ein Verfahren gegen die Leiterin der NGO ist noch offen. Als geschützte Plattform für LGBT and friends richten sie im Sommer ein "Queer Fest" mit Konzerten, Lesungen und Diskussionsrunden aus. Mehr unter: http://www.comingoutspb.ru/en/en-home

Zuletzt empfehle ich noch den in Berlin ansässigen Verein Quarteera e.V., ein Netzwerk, dass sich gegen Homophobie unter russischsprachigen Einwanderern in Deutschland einsetzt und über die Menschenrechtssituation in Russland und den GUS Staaten informiert. Mehr unter: http://www.quarteera.de

Der Autor besuchte die beiden Organisationen in St. Petersburg im Rahmen des diesjährigen Filmfestivals von "Side by Side", 21. - 30.11.2013.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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