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RE: Lange Schatten | 07.04.2012 | 17:19

„...verweigerten Wiedergutmachung in der Bundesrepublik Deutschland.“
Wieviel Entschädigungsakten von Zigeunern mag Wippermann wohl gelesen haben, fragt man sich nach seinem Beitrag. Ob ihm überhaupt die Kompliziertheit des gesamten Entschädigungskomplexes bekannt ist?
Eine Aussage wie die o.g. offenbart Wippermanns Unkenntnis des Sachverhalts.

Wippermann verschwendet auch keinen Gedanken daran, daß die NS-Geschichte nicht schlagartig 1945 aufgearbeitet war und daß es sich bei der Wiedergutmachung um ein neues Rechtsfeld handelte, das notwendigerweise erst einmal entwickelt werden mußte und sich entwickelte.

„Nur einigen einzelnen deutschen Sinti und Roma war es unmittelbar nach 1945 gelungen, als ‚Opfer des Faschismus’ anerkannt zu werden.“
‚Opfer des Faschismus’ – dies war der Terminus für die NS-Opfer in der Türkei; in der Bundesrepublik waren es u.a. „rassisch Verfolgte“. Es scheint, daß Wippermann offenbar in seiner Aussage nicht immer zwischen DDR und BRD in Bezug auf Wiedergutmachung unterscheidet.

„Die Beamten der ehemaligen ‚Zigeunerpolizeistellen’, die nach 1945 in ‚Landfahrerpolizeistellen’ umbenannt wurden, gaben das Informationsmaterial, das sie während des Dritten Reiches gesammelt hatten, an die zuständigen Gerichte weiter.“
In der Tat haben Polizeibehörden nach dem Zweiten Weltkrieg in Entschädigungsfragen Auskünfte aus ggfs. noch vorhandenen Zigeunerpersonenakten der Kripostelle gegeben. Der Schluß, daß das überwiegend zu Lasten der betroffenen Zigeuner geschah, ist jedoch falsch. Es wurde meistens der Tatbestand der Deportation (vor allem im Mai 1940 oder März 1943) bescheinigt; ein wichtiger Beleg für die Anerkennung als NS-Verfolgte. Zudem waren es eben nicht ausschließlich die gleichen Beamten, die schon in der NS-Zeit an den entsprechenden Stellen saßen. Wenn Bescheinigungen über eine Verbringung in ein KZ im Jahre 1938 ausgestellt wurde, dann allerdings mit Hinweis auf die „Arbeitsscheuen“-Aktion. Aber auch das bedeutete nicht automatisch die Nichtanerkennung als Verfolgte, konnte jedoch das Anerkennungsverfahren verzögern.

Das BGH-Urteil von 1956 bedeutete in der Tat nicht ein Ausschluß von jeglicher Entschädigung.
Schon vor 1956 haben NS-verfolgte Zigeuner Haftentschädigung erhalten. Von den nicht wenigen Fällen, in denen Zigeuner später dann doch Entschädigungen der verschiedensten Art bekommen haben, scheint Wippermann nichts zu wissen – er läßt diese Personen einfach „sterben“.

Von den Fällen, in denen ausländische Zigeuner in Deutschland Wiedergutmachung bekommen haben, dürfte Wippermann vermutlich auch nichts Konkretes wissen. Immerhin konzediert er, daß es „nur ganz wenige ausländische Roma“ waren. Und was war mit ausländischen Sinti? Die gab es auch noch, und auch ihnen ist Entschädigung gezahlt worden.
Daß ausländische Zigeuner insgesamt viel weniger als deutsche entschädigt worden sind, ist allerdings ein Fakt, dessen Gründe jedoch detaillierterer Ausführung bedürfte.

Wippermann hat sich einmal mehr als Ideologe denn als Historiker präsentiert.

RE: Mehr als ein Streit um Worte | 04.06.2011 | 01:35

Es ist begrüßenswert, daß nicht nur die Quasi-Monopolisten des Zentralrats zu Wort kommen.
Dennoch enthält der Artikel ein paar Punkte, die richtiggestellt werden sollten.

Zunächst aber sei einmal auf den Widerspruch hingewiesen, mit dem Herbert Heuss zitiert wird: Einerseits heißt es: "Selbst nennt sich niemand so [Zigeuner]." Daß das gelogen ist, weiß auch Heuss - ihm ist schließlich z.B. die Sinti-Allianz nicht unbekannt. Wenig später heißt es dann ja auch: "Die meisten empfänden 'Zigeuner' als diskriminierend." - Also doch nicht alle (u.a. nicht der später zitierte Manuel Trollmann)!
Tatsache dürfte sein, daß die meisten Zigeuner in Deutschland mit dem Begriff keine Probleme haben und ihn selbst immer wieder verwenden.
Interessierte Kreise, vor allem unter Nicht-Zigeunern, die ja im Wesentlichen für diesen "politisch korrekten Unsinn" verantwortlich sind, versuchen jedoch seit Jahrzehnten den Begriff 'Zigeuner' systematisch "schlecht" zu machen. Welcher positive Effekt damit erreicht werden konnte, erschließt sich mir nicht; ich sehe eher negative Folgen.

So wie Aussagen des Zentralrates instrumentalisiert werden (können), so können natürlich auch Aussagen der Sinti-Allianz instrumentalisiert werden. Dies als Argument anzuführen, ist einseitige Propaganda.

Es ist falsch, zu behaupten, "Rom" würde "überall in Europa" als Oberbegriff verwendet.
Zunächst einmal wird international viel weniger von "Rom" als von "Roma" gesprochen und geschrieben. Zudem ist mir bisher kein Zigeunerdialekt bekannt geworden, in dem originär "Rom" bzw. "Roma" als "Mensch(en)" bedeutet; dies ist eine immer wieder kolportierte Aussage, die dadurch aber nicht richtiger wird. "Rom" hat als erstes die Bedeutung "Ehemann", zweitens männlicher Angehöriger der Rom(a) und drittens wird es z.B. bei den Lovara-Rom(a) als Plural anstatt "Roma" verwendet.
Die einheimischen Zigeuner Großbritanniens nennen sich "Gypsies" und nicht Roma.
Zu fragen wäre auch, wer es denn ist, der in Europa von "Roma" spricht - hauptsächlich Nicht-Zigeuner und einige Aktivisten unter den Roma. Allein schon die Mehrheitsbevölkerungen der jeweiligen Länder dürften immer noch überwiegend ihre jeweiligen Fremdbezeichnung für "Zigeuner" verwenden.

Es ist also nicht durchgängig so, daß international (in Europa) - von deutschsprachigen Ländern abgesehen - nur von "Roma" gesprochen und geschrieben würde. Die OSZE schreibt zumindest von "Sinti und Roma" und in Bezug auf die zigeunerischen Minderheiten in solch einem kleinen Gebiet wie dem Kosovo ist von RAE = Roma, Ashkali, Egyptians (Balkan-Ägypter) die Rede.

Eine nebensächliche Richtigstellung: Rukeli Trollmann war nicht der erste Sinto in Deutschland, nach dem eine Straße benannt worden ist; schon der "Laubingerweg" in Köln nach dem Sinti-Mädchen Anna Lina Laubinger wurde 2002 gewidmet. In Oldenburg wurde 1992 eine Straße nach der Sinti-Familie Mechau benannt.
(Quelle: www.uni-leipzig.de/~ftf/blickpunkte/tm11.pdf)

Phantasterei ist die Aussage von Timo Wagner, daß allein in Süddeutschland 250.000 Jenische lebten; da muß sich wohl eine Null verirrt haben. Ich weiß nicht, wie er es geschafft haben soll, diese zu zählen oder auch nur zu schätzen. Die Jenischen sind keine klar abgrenzbare Bevölkerungsgruppe; viele Jenische sind "verbürgerlicht", andere haben sich stärker mit Sinti vermischt - als was sollte man die jeweils zählen?
Bezweifeln darf man wohl auch eine Mitgliederzahl des Jenischen Bundes von 4.000.

T.Wagner behauptet einerseits , daß Jenische u.a. als "Zigeuner-Mischlinge" verfolgt worden wären, andererseits aber, daß jenische "Holocaust"-Opfer (man beachte die Gleichsetzung der Verfolgung und teilweisen Vernichtung der Juden nicht nur mit der Verfolgung der "ethnischen" Zigeuner, sondern nun sogar auch mit den Jenischen!) nicht entschädigt worden wären. Soweit mir bekannt, sind aber "Jenische" als "Zigeunermischlinge" entschädigt worden. Aus seiner Aussage folgt auch, daß Jenische nicht als Jenische von den Nazis verfolgt worden sind, sondern unter den von ihm genannten Etiketten.

Zum Thema des Zigeuner-Begriffs findet man weitere Argumente und Material auf der Webseite: www.rbenninghaus.de/zigeuner-begriff.htm