Gleichberechtigung bedeutet 50/50

Familie und Beruf Warum die Modelle „Elternzeit“ und „Teilzeit“ für karrierewillige Mütter und Vollzeitväter (noch) nicht aufgehen und was man von den Vögeln lernen kann.
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Beobachtet man die Tierwelt, existieren vollkommen unterschiedliche Konzepte, wenn es darum geht, Jungtiere aufzuziehen. Bei vielen Säugetieren zieht die Mutter ihre Jungen vollkommen in Eigenregie groß, es geht allerdings auch anders. Männliche Seepferdchen zum Beispiel übernehmen die Reifung der Eier von der Befruchtung bis zum Schlüpfen, bei zahlreichen Vogelarten übernehmen beide Elternvögel zu gleichen Teilen den Nestbau, das Ausbrüten der Eier, Fütterung und Nahrungsbeschaffung . Wenngleich das Modell des schwangeren Männchens aufgrund hormoneller Grundlagen als Option für den homo sapiens doch eher ausfällt, ist er selbst in unserer postmodernen Zeit von fortschrittlichen 50/50- Aufteilungen, wie am Beispiel des Vogels erläutert, noch meilenweit entfernt.

Kindererziehung bleibt selbst im 21. Jahrhundert erst einmal Frauensache, Karriere und finanzielle Absicherung sind weiterhin die Aufgaben Vollzeit arbeitender Väter. Zumindest bestätigen dies Statistiken über anteilige Erwerbsarbeit innerhalb der Familiengemeinschaft, sogenannte „Mikrozensus“-Kalkulationen, der Jahre 2010 bis 2012. Das klassische Rollenmodell der Versorgerehe befindet sich zwar auf dem Rückzug, doch ein genauer Blick auf anteilig berechnete Beschäftigungsformen und in Anspruch genommene Elternzeit versetzt dem Anschein fortschrittlicher Pflichtenverteilung einen Dämpfer.

Zwar nahm bis Mai 2013 mehr als ein Viertel der erwerbstätigen Väter die Elternzeit als „Partnermonate“ für sich in Anspruch, jedoch geschah dies fast ausschließlich im Mindestzeitraum von zwei Monaten, in denen über die „reguläre“ Elternzeit der Mutter hinaus das gesetzlich garantierte Elterngeld für die Betreuung zu Hause beantragt werden kann. Dem gegenüber stehen 95% aller deutschen Mütter, die das Elterngeld und den damit verbundenen Austritt aus dem Berufsleben für mindestens ein Jahr als Option wählten. Damit nicht genug: Betrachtet man die detaillierte Verteilung von Arbeitszeitverhältnissen innerhalb eines Haushalts (der Mikrozensus rechnet hier ausdrücklich gemeinsam lebende Paare mit Kindern ein) arbeitet ein überwältigender Anteil von mehr als zwei Dritteln erwerbstätiger Mütter in Teilzeit, sogar teilweise bis zur Volljährigkeit des Nachwuchses. Im Vergleich dazu: ein sehr kleiner Anteil von Vätern, der 2010 gerade einmal 4 bis knapp 7% betrug, abhängig vom Alter der Kinder. Weiterhin gaben die „Teilzeit-Väter“ vorwiegend hierfür als Grund an, keine Vollzeitstelle zu finden, während Mütter sich klar auf „persönliche und finanzielle Gründe“ beriefen. Ein weiterer Schlag ins Kontor der beruflichen und familiären Gleichberechtigung: In etwa 50% aller Partnerschaften mit Kindern in Deutschland verzichteten Frauen noch 2010 zugunsten der Familienplanung über kurz oder lang auf eine eigene Berufstätigkeit – dagegen wirkt der Anteil von „Vollzeitvätern“ von knapp 5% verschwindend gering. Die Zahlen von Frauen ohne volle Erwerbstätigkeit wirkt sogar angesichts von Vergleichswerten von 1996 wie ein Rückschritt.

Zeit für eine ursachenbezogene Betrachtung dieses reaktionären Missstands zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Denn 50% an Müttern abseits des Erwerbslebens haben sicherlich wenig mit einem 50/50-Gleichberechtigungsmodell zu tun – der Gleichheit der Zahlen zum Trotz. Sind Elterngeld und „familienfreundliche“ Teilzeitverträge in Wahrheit nur weitere, subtile Mittel, um vor allem Frauen zurück an den heimischen Herd zu bannen? Eine solche Aussage würde wiederum auch von einer unreflektierten und einseitigen Sichtweise zeugen. Veränderungen müssen zunächst in den Köpfen der Menschen beginnen.

Das bedeutet konkret: Ein gesamtgesellschaftliches Umdenken ist angesichts dieser deutlichen Zahlen erforderlich. Traditionelle Weiblichkeits- und Männlichkeitsbilder stehen einer fairen Aufteilung von Elternpflichten offensichtlich auch heute noch im Weg. Während Frauen und Müttern nach wie vor in Medien und Gesellschaft suggeriert wird, sie seien vorrangig in der Erziehungspflicht, werden Väter, die beruflich kürzer treten wollen, häufig belächelt und negativ dargestellt. Hinzu kommt ein nach wie vor beachtliches Gender Pay Gap von immerhin noch 22% in mancher Branche, welches auch, aber nicht nur, auf vermehrte (familienbedingte) Teilzeitbeschäftigung von Frauen zurückzuführen ist. Gleichberechtigung in Partnerschaft, Beruf und Familie bedeutet jedoch ein ausbalanciertes Erwerbs-, Lohn- und Gesellschaftssystem, in dem Arbeits- und Erziehungsaufwand in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Oder, um noch einmal auf das Beispiel der Vögel zurückzukommen: Gleichberechtigung bedeutet 50/50.

Anna Katherina Ibeling

19:06 26.11.2013
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Geschrieben von

rebelcat86

- Master of Desaster ...äh Arts in Komparatistik - Kind der "Generation Praktikum" - Ironie on!
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