Die Ambivalenz des ungelebten Augenblicks

Vergebliche Abwehr In der Meinung, wir sind uns unseres Lebens stets bewusst, können uns Träume belehren, dass über uns Mächte walten, denen wir nicht Herr werden können.
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Mit der Bibel unter dem Arm ging ich auf einer Straße in der Düsseldorfer Altstadt entlang, um die einige Zeit zuvor verlassene Stelle, an der ich mein Fahrrad abgestellt hatte, wieder zu erlangen. Als ich sie erreicht hatte, vernahm ich eine ungewöhnlich laute Stimme, die sich aus der weiteren Umgebung gegen mich erhoben hatte. Als ich in die Richtung, aus der die Stimme an mein Ohr drang, zu blicken suchte, sah ich einen kleinen Mann, der etwas erhöht auf einem Podest aus Holz stand. Er hielt eine aufgeschlagene Bibel, die in einem großen schwarzglänzenden Kunstleder-Futteral steckte, in seiner rechten Hand und sprach, indem sich zeitweise sein Kopf sachte zu der Bibel herabbeugte, zu einer Ansammlung von Menschen. Wie auf ein Signal verließ ich die Stelle, an der ich mein Fahrrad angebunden hatte, und ging strengen Schrittes in Richtung der Versammlung. Als ich an ihr anlangte, konnte ich den Predigenden genauer in Augenschein nehmen. Er, der einen einfachen, billig aussehenden Anzug trug, schien weder auffällig gekleidet noch war der Anblick seines Gesichtes, dessen Haupthaar bereits sehr schütter war, außergewöhnlich.

Nichtsdestotrotz erweckte die Art seiner Rede auf mich, die er an die Menge hielt, einen magisch ambivalenten Eindruck, dessen Ambivalenz ich mich nicht erwehren konnte. Er schien mit einer gewissen Leidenschaft, die ich nicht verstand und die mir unfassbar war, von etwas zu reden, das mir ebenfalls sehr fremd anmutete. Immer wieder tauchte das mir ambivalente Wort Jesus oder die beiden mir ambivalent vorkommenden Worte Jesus Christus in seiner Ansprache auf. Noch nie zuvor hatte ich von dieser merkwürdigen Person, die in der Bibel den Namen Jesus oder Jesus Christus trägt, in derartigen Weise, die in ihrer frappierender Art vollkommen unbefangen war, reden hören. Ich stand wie angefesselt und angegriffen an der gleichen Stelle, an der ich nach kurzer Strecke an der Predigt-Versammlung angelangt war. Als ich eine Zeitlang so dastand und in scheinbarer Ergriffenheit der Rede zuhörte, beschlich mich jedoch ein Gefühl des Unmuts und des Widerwillens, ja, des Ekels, das mich veranlasste, die eingenommene Stelle aufzugeben und zu meinem abgestellten Fahrrad zurückzukehren.

In diesem Augenblick, in dem ich mich von der Versammlung abwandte, spürte ich, wie eine Hand mich von hinten ergreifen wollte. Ich zuckte vor Schrecken innerlich zusammen und beeilte mich, mit erstarrten Zügen mich zu der Person, die mich ergreifen wollte, umzuwenden, als ich unvermittelt in ein freundlich lachendes Angesicht eines jungen Mannes schaute, der sofort an mich die Worte richtete, „nicht erschrecken, ich bin es nur und kein Geist“. Ich hatte diesen Menschen, der plötzlich vor mir stand, vorher noch nie gesehen, so dass ich ihn ob seiner überraschenden Berührung meiner Schulte zornig hätte anfahren sollen, was ich aber unterließ, um nicht als einer dazustehen, der seine Gefühle nicht unter Kontrolle zu halten wusste. Nachdem ich mich gefasst hatte, sagte ich „ja, und“. Etwas Besseres fiel mir offensichtlich nicht ein, und ich wunderte mich, dass der junge Mann mit seiner offenen Hand meinen Arm ergreifen wollte. „Ich heiße Martin“, sagte er, indem er sanft seine innere rechte Handfläche an meinen linken herabhängenden Arm legte, wohl um seine Hand dort verweilen zu lassen.

„Ich wollte dich fragen“, hob er zögerlich an, als die Zeremonie dieses plötzlichen Kennenlernens, die durch das Ausfahren seiner Hand sich eröffnet hatte, beendet schien, „ob ich dir etwas, das für dein Leben von entscheidender Bedeutung sein kann, erzählen kann“. Ich war über das Ganze seiner Ansprache so sehr verdutzt, dass mir eine Absage seiner Bitte sehr unhöflich und gewaltsam vorgekommen wäre. Noch weitaus zögerlicher, als er, stieß ich schließlich hervor, „ja, aber eigentlich möchte ich, müde, wie ich bin, nach Hause“. – „Das kann ich gut verstehen, aber das, was ich dir zu erzählen habe, halte ich für dein Leben von so entscheidender Wichtigkeit, dass du es später einmal selber sehr bedauern würdest, wenn du in deiner Erinnerung diese Gelegenheit, die sich dir vielleicht nie mehr bieten wird, hast ungeahnt verstreichen lassen“. Ich war sehr unschlüssig, was ich auf einen derartigen Vorwurf von seiten eines mir vollkommen Unbekannten erwidern sollte, zumal sich in meinem Kopf eine Art Nebel zu bilden schien, der mich noch müder, als ich bereits war, und noch denkunfähiger machte. Mein Unschlüssigkeit und offenkundige Frappiertheit diesem Unbekannten gegenüber war bis zu einem Maß gestiegen, das es mir nicht erlaubte, ihm überhaupt eine richtige oder sachlich richtige Antwort zukommen zu lassen.

Während ich in meiner maßlosen Unbestimmtheit und Unentschlossenheit ihm, aber auch mir selber gegenüber so wie ein gänzlich Verlassener dastand, merkte ich, wie sich in mir eine ganz ungeahnte, aber gewaltige Anspannung, Verkrampfung oder innere Verkantung löste, in dieser Loslösung ich den Kopf zu senken begann und mir wie auf eine unbewusste Kommendation hin eine große Flut heißester und qualvollster Tränen, die nicht abreißen wollte, in die Augen trieb. In mich selbst zusammengekrümmt, begann ich, laut vor ihm los zu weinen, und schluchzend sagte ich dem Unbekannten, dass mich augenblicklich eine maßlose Angst und maßlose Furcht beschlichen hätte, dass sein Jesus, den ich nicht kannte, mich sehr wohl in die tiefste Tiefe der Hölle zu verdammen wüsste, weil ich mich einst in eine unsägliche Schuld und in unsägliche Sünde begeben hatte. Nachdem ich dieses Bekenntnis, das sich mir unfreiwillig entwunden hatte, abgab, fühlte ich mich wie von einer mächtigen Faust getroffen. Der Schlag ließ mich aufschreien, „bitte, Jesus, erbarme dich meiner“. Immer und immer wieder stieß ich diese Bitte aus mir heraus. Dann merkte ich, wie sich in der Eile von Sekunden mir mein Kopf verdunkelte und ich in Ohnmacht fiel.

Als ich Stunden später, liegend in einem Krankenhausbett aufwachte, sagte man mir, dass mich von hinten ein Wagen überfahren hatte, dessen Fahrer die Kontrolle über sein Gefährt infolge eines für ihn tödlich verlaufenden Herzinfarktes verloren hatte.

16:37 07.03.2021
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Geschrieben von

Das Katechon

Wer meint, Carl Schmitt sei tot, irrt. Eben sah ich ihn in einer Dortmunder Trinkhalle stehen und eine Bouteille Château Lafite-Rothschild trinken.
Das Katechon

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