Heideggers Ringen mit der Apokalyptik

Heidegger Traum Tod Heidegger rang in dem Jahrzehnt zwischen 1909 und 1919 mit dem Katholizismus, der ihm keinen Spielraum für sein Denken zu bieten schien.
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Martin Heidegger: Fernes Land.

Ich liebe jene abendliche Weile,

da Silbermondlicht mir durchs Fenster

Zwerge, Elfen, Nix, Gespenster

in die Stube zaubert.

Von Kreisel, Reif und Pfänderspiel,

Kleinkinderschule, von dem ersten Gänsekiel

Träumt mir lang –

Ich wandre weit zurück

den frühverlassenen Weg entlang

und suche, suche Kinderglück

und Knabenlust …

Ein scharfer Windstoß reißt mich aus dem Jugendland

der Spuk entweicht.

Noch seh ich wie dort an der Wand

Fahles Mondlicht über den Totenkopf schleicht.

19.XI.1910 M.

(Aus: Martin Heidegger: Gesamtausgabe. III. Abt.: Unveröffentlichte Abhandlungen – Vorträge – Gedachtes. Bd. 81:Gedachtes.Hrsg. v. Paola-Ludovika Coriando. Frankfurt Main 2007. S. 6.)

In diesen Gedanken, die in einer uns entlegenen Zeit vor einhundertzehn Jahren festgehalten wurden und die kein Gedicht darstellen, kontrastiert Heidegger, der zu jener Zeit noch vollkommen unbekannt war, Traum und Tod. Die Zeit des Endes der zehner Jahre des 20. Jahrhunderts (1901–1910) entscheidet über Heideggers Werdegang. 1909 verlässt er sehr frühzeitig sein in Feldkirch begonnenes Noviziat in der katholischen Ordensgemeinschaft der Gesellschaft Jesu, um wenig später in das Collegium Borromaeum, das Freiburger theologische Konvikt, hinüberzuwechseln. Heidegger verbleibt in dem Bewusstsein, dass der auf ihn gekommene Katholizismus römischer Provenienz innerlich tot und erstorben sei, noch drei Semester in diesem Priesterseminar, bevor er zehn Jahre später endgültig mit dem System des Katholizismus, der zu großen Teilen ein formales Produkt neuscholastischer Denkungsart geworden war, bricht. Dieses zehnjährige Ringen Heideggers mit der katholischen Kirche und ihrer Lehre einsetzt, als, um mit Heideggers Worten zu reden, „ein scharfer Windstoß [ihn] aus dem Jugendland“ herausreißt. Dieser scharfe Windstoß markiert das Ende aller Träume, die Heidegger in seiner Jugend geträumt hat, jene Markierung eröffnet das Leben eines erwachsenen Menschen, in dem alles Gedachte und alles Vorgestellte sich in aller Schärfe vor eine Realität gestellt sehen, deren unbemerkter Herrscher über alles, was sich Leben nennt, der Tod ist. Diesem Tod, der, bevor er das Leben an sich reißt, den Menschen das Träumen, in denen sie sich mit dem Gott verbunden wissen („“Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden sie/wir wie die Träumenden sein.“), nimmt, scheint Heidegger 1910 begegnet zu sein, eine Begegnung, die ihm die beiden Reiche lustbeseelter Träume und leidbeseelten Todes deutlich vor Augen gestellt hat. Heidegger gieng und wählte einen Weg, auf dem er, wie kaum einer vor oder nach ihm, die äußerste Verfangenheit des Menschen an den Tod aufwies.

17:00 01.02.2020
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Das Katechon

Wer meint, Carl Schmitt sei tot, irrt. Eben sah ich ihn in einer Dortmunder Trinkhalle stehen und eine Bouteille Château Lafite-Rothschild trinken.
Das Katechon

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