Papst Franziscus, der größte Brückenbauer

Pontifex Maximus Bei einem kurzen Telefonat mit Angela Merkel am 6. Sept. 2015 versicherte Papst Franziskus ihr seine Unterstützung bei der Öffnung der deutschen Grenzen. Er hielt Wort.
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Major Tom ließ sich „Blackstar“ zum Mitnehmen einpacken (to Go-TT)

Es ist eines der bekanntesten Zitate des Künstlers David Bowie: “Ground Control to Major Tom/Commencing countdown, engines on/Check ignition and may God's love be with you” (dt. Bodenkontrolle an Major Tom/Der Countdown startet, die Motoren laufen/Überprüfe die Zündung, und möge Gottes Liebe mit dir sein; es. Ground Control de Major Tom / cuenta regresiva Comenzando, los motores de encendido / Compruebe el encendido y puede el amar de Dios sea contigo).

Mit diesen Worten beginnt der Song „Space Oddity“ von 1969; der besungene Astronaut Major Tom gerät nach dem Start seines Raumschiffs in Schwierigkeiten. Diese Zeilen wurden vom musikalischten Kurienkardinal des Vatikans sofort in die Welt gezwitschert. Zwei Tage vor seinem Tod wollte David Bowie noch auf seiner Geburtstagparty in seinem Stamm-Café „Neues Ufer“ in der Berlin-Schöneberger Hauptstraße (er wohnte im Vorderhaus 155 drei Jahre) sein neues Album „Blackstar/ Estrella negra“ entgegennehmen. Wir sind überzeugt, dass er das Album auf seine letzte Reise mitnehmen wollte, nur wussten wir nicht, dass er das Paradies als „Schwarzen Stern“ begriff, obwohl schwarz seine Lieblingsfarbe war.

Wie immer versuchen wir Zusammenhänge herzustellen, diesmal zwischen dem Allmächtigen, Kunst, Musik, Philosophie, Wissenschaftlicher Forschung und Refugees-Bewegung. Als Forscher in Sachen Glauben streben wir eine pluralistisch ausgerichtete Gesellschaft an, deren Kräfte aus der Kirche, den wissenschaftlichen Akademien und den Philosophen heraus wirken. Bisher ist die christliche Kirche voll auf der Seite der libertären Willkommenskultur, wobei es hier nicht um Christentum versus Islam geht; wichtiger ist der Status und der Erhalt einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft, die sich nicht von allein erhält, denn sie wankt auf Grund der aktuellen Ereignisse bedenklich.

Unter der Voraussetzung, dass die drei o.g. Kraftquellen bereit sind, die schwankenden Welt-Gesellschaften zu stabilisieren, hat Papst Franziskus eine wichtige Vorgabe durchaus geschickt an den US-Kongress bei seinem Besuch am 25. September eingefordert, indem er die „Goldene Regel“ (Mt. 7, 12) aus der biblischen Versenkung holte. Einen besseren Ort für diese Einweisung hätte er schlechterdings nicht finden können, da alle Kräfte in den USA präsent sind (s. Welt am Sonntag vom 10.01.16, Seite 1 Hamburg-Teil). Auf die Frage, wie könne eine Debatte über die Stabilisierung der Gesellschaften in unserem aktuellen Umfeld angestoßen werden, antwortete der renommierteste, überparteiliche Politikforscher Deutschlands (Elmar Wiesendahl) wörtlich: „Es bedarf dafür eigentlich pluralistisch ausgerichteter gesellschaftlicher Kräfte wie Kirchen, Akademien, Philosophen. Aber wir haben keine intellektuelle Debattenkultur. Anders als etwa in den USA, wo alle Positionen, von links bis rechts, intellektuell vertreten sind.“

Als hätte Franziskus es vor dem US-Kongress schon geahnt, hat er die Vorreiterrolle in der Intellektuellen-Debatte übernommen, was in einem derart frühem Stadium von erstaunlichem Fingerspitzengefühl zeugt, denn Ende September begann der Exodus in Europa gerade erst. Zusätzlich wurde seine Rede von allen US-Fernsehgesellschaften und vom Radio Vatikan flankierend in die Welt gepustet: „Alles, was ihr also von Anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ (golden rule, regla de oro)

Weiter wörtlich aus seiner weit umfassenden Rede: „Es stimmt, dass Europa im Moment in Schwierigkeiten ist, aber wir müssen intelligent sein und im Dialog der Länder eine Lösung suchen. Nicht Mauern, sondern Brücken sind immer eine Lösung.“ Auch im konkreten Fall gibt Franziskus die Richtung für die anderen Kräfte vor: „Behandeln wir die Anderen mit derselben Hingabe und denselben Möglichkeiten, die wir uns selber wünschen. Der Maßstab, den wir an die Anderen anlegen, wird der Maßstab sein, mit dem die Zeit uns messen wird.“

Den (Maß) -Stab hat Franziskus, stellvertretend, damit weitergegeben an die US-Intelligenzia, die Wissenschaft und an die Philosophen weltweit. Es geht ihm nämlich nicht nur um die großen Fragen des 21. Jahrhunderts, sondern unangenehmerweise darum, die kritische Intervention (ein Nein) mit einem JA und einer Lösung zu verknüpfen. Es gilt ebenso, Adornos „Weite des Denkens“ an ihre Grenzen zu führen und die notwendigen „feinen Werkzeuge“ dafür einzusetzen. Die Nähe zu fernöstlichen Ideen und die Kosmologie stehen als Ideengeber zunächst aus kirchlicher Sicht zur Verfügung, es gibt sicher viel mehr.

Die Philosophen sind bereits voller Tatendrang, die wissenschaftlichen Akademien brauchen etwas länger, aber auch dort liegen schon erste Teilergebnisse vor (s. Tagung der Hochschule für angewandte Wissenschaften HAW: „Die Stadt des Ankommens“). Ein Konzept für die Aufnahme (Arrival City) von Menschen in andere Kulturen wird am Beispiel von Toronto (Kanada) in Hamburg konkretisiert (unter Beteiligung von Refugees Welcome UG).

Welch enorme Auswirkungen die begonnene Debatte auf die aktuelle Gesellschaftsstruktur hat, sei am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland kurz erläutert. Am 5. September verkündete die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der sich stauenden Flüchtlingsströme in Europa die Öffnung der deutschen Grenzen für Flüchtlinge aller Art, was ihr als großen Fehler angekreidet wird, und erklärte Deutschland zum Einwanderungsland. Woher der Impuls kam, konnte sich in Deutschland und Europa keiner erklären, Alle schienen überrascht, weil sie noch kurz davor, einem Flüchtlingskind versuchte öffentlich zu erklären, warum nicht Alle in Deutschland bleiben können. Wir sind im Nachhinein überzeugt, dass kirchlicher Einfluss wegweisend war. Wenn es nicht Franziskus selber war, was wir vermuten, da er am 6. September sofort der deutschen Bundesregierung via Radio Vatikan zur Seite sprang, war es zumindest die christliche Prägung einer Pfarrerstochter.

Doch aufgepasst, wie es sich knapp 4 Monate später in einer internen Analyse darstellt: Die politische Mitte in der Bundesrepublik Deutschland hat sich angesichts der „Krise“ in drei Lager aufgespalten:

  1. Das „libertär-humanistische“ Lager, es neigt zu einer zivil-religiösen Gesinnungsethik, die sich selbstgewiss im Sinne der Verfechtung höchster moralischer Werte wie Menschlichkeit und Barmherzigkeit versteht. Dieses Lager hat einen Flüchtling vor Augen, der „unbedingt“ in Deutschland bleiben muss.
  2. Das zweite Lager ist die pragmatische Mitte: Das sind Leute, die offen sind. Diejenigen haben keine Angst, aber sie stellen Fragen, sie wollen etwa wissen, warum sie 1,2 Millionen Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern willkommen heißen sollen. Sie wollen wissen, was das kostet, welche gesellschaftlichen Folgen das hat, was alles von der libertären Seite nicht benannt wird. Die pragmatische Mitte lässt sich am Ende auch überzeugen, weil sie ergebnisoffen an die Sache herangeht.
  3. Das dritte Lager ist das „Traditionalistisch-Verängstigte“: Sie sind auch noch aus der Mitte der deutschen Gesellschaft, die aber an den Rändern ausfransen zum Völkischen und Fremdenfeindlichen. Aber auch das ist eine Gruppe, die aus ihren Wertvorstellungen heraus ein Verständnis von Identität hat und die Identität kulturell durch Überfremdung infrage gestellt sieht.

Durch die bereits abgeschlossene Aufspaltung der gesellschaftlichen Mitte hat die Bundesregierung eine eklatante Herausforderung zu bewältigen, die sie mit probaten Mitteln ähnlich dem beschriebenen freiheitlich-demokratischen Grundordnungsproblem weltweit nicht bewältigen kann. Die Bundeskanzlerin als Vertreterin der Bundesregierung müsste sich um 180 Grad drehen und der Bevölkerung/den Wählern erklären: Wir müssen ab jetzt die deutschen Grenzen dichtmachen. Das wäre dann das Scheitern ihrer Kanzlerschaft nach 10 Jahren. Doch das, was jetzt gerade in Deutschland passiert, ist reine Gesichtswahrerei. Man versucht erpresserisch die europäischen Staaten auf die deutsche Linie zu bringen, die von allen EU-Ländern abgelehnt wird (Zitat aus England: „Die Deutschen sind verrückt geworden“). Zum Glück möchte man hinzufügen, wenn es nicht dieses ernste, katastrophale Dilemma gäbe.

Bislang ist jedenfalls kein EU-Staat bereit, der Kanzlerin unter die hilfreichen Arme zu greifen, die „Goldene Regel“ in praxi anzuwenden. Ihre eigene Partei schielt nach den nächsten Wahlen am 6. März in drei Bundesländern und vor allem in der Hauptstadt Berlin im September, wo der Wahlkampf schon Blüten treibt. Plan A, die europäischen Staaten zur Kollaboration zu bewegen scheint zurzeit aussichtlos; alternativ Wahlerfolge einzuheimsen scheint mehr als zweifelhaft angesichts der prekären Lage.

Franziskus: „Wir müssen intelligent sein“

Vor dem US-Kongress am 24.09.15 (Auszug seiner Rede)

Unsere Welt steht vor einer Flüchtlingskrise, die ein seit dem Zweiten Weltkrieg unerreichtes Ausmaß angenommen hat. Das stellt uns vor große Herausforderungen und schwere Entscheidungen. Auch in diesem Kontinent ziehen Tausende von Menschen nordwärts auf der Suche nach einem besseren Leben für sich und ihre Lieben, auf der Suche nach größeren Möglichkeiten. Ist es nicht das, was wir für unsere eigenen Kinder wünschen? Wir dürfen nicht über ihre Anzahl aus der Fassung geraten, sondern müssen sie vielmehr als Personen sehen, ihnen ins Gesicht schauen, ihre Geschichten anhören und versuchen, so gut wir können, auf ihre Situation zu reagieren. In einer Weise zu reagieren, die immer menschlich, gerecht und brüderlich ist. Wir müssen eine heute allgemeine Versuchung vermeiden: alles, was stört, auszuschließen. Erinnern wir uns an die goldene Regel: »Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen« (Mt 7,12).

Diese Regel weist uns in eine klare Richtung. Behandeln wir die anderen mit derselben Hingabe und demselben Mitgefühl, mit dem wir behandelt werden möchten! Suchen wir für die anderen nach denselben Möglichkeiten, die wir uns selber wünschen! Begleiten wir die anderen in ihrem Wachstum, wie wir gerne selber begleitet werden möchten! Kurz gesagt: Wenn wir uns Sicherheit wünschen, dann sollten wir Sicherheit geben; wenn wir uns Leben wünschen, dann sollten wir Leben geben; wenn wir uns Möglichkeiten wünschen, dann sollten wir Möglichkeiten bereitstellen. Der Maßstab, den wir an die anderen anlegen, wird der Maßstab sein, mit dem die Zeit uns messen wird. Die goldene Regel erinnert uns auch an unsere Verantwortung, menschliches Leben in jedem Stadium seiner Entwicklung zu schützen und zu verteidigen.

Wird fortgesetzt mit Copyright Refugees Welcome UG

16:51 29.02.2016
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Refugees Welcome UG

Wir vertreten die internationale Hilfsorganisation für Flüchtende Refugees Welcome UG, zZ suchen wir unbegleitete Minderjährige, die verschwunden sind
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