RE: „Die Lebenslüge: Nichts muss sich verändern“ | 07.11.2021 | 23:02

Allen interessanten Kommentaren reingegrätscht: um das eigentliche Problem des AUFHÖRENS geht es wenig. Aufhören, an ein offensichtlich scheiterndes Projekt (oder eine Aktie o.a.) zu glauben, in das man sehr viel Zeit, Arbeit oder Geld investiert hat: hart. Aufhören, Alkohol zu trinken oder andere Süchte zu leben: schwierig. (Mal sehen, ob ich das schaffe.) Aufhören, eine nicht authentische oder gar toxische Beziehung zu leben: teilweise sehr schwierig. Aufhören zu leben (z.B. weil man nur noch von Geräten am Leben erhalten wird): extrem schwierig. Aufhören, am Kommentar rumzufeilen . . . Ich liebe ja inzwischen die 1%-Methode. Viele minimale Veränderungen, maximale Wirkung (Zeitpunkt leider nicht exakt vorhersehbar)

RE: Das Monster im Bauch | 08.10.2021 | 10:31

Oh, ich glaube, ich werde mir den Film nicht anschauen. Der Inhalt erinnert mich viel zu stark an die unglückliche Ehe meiner Jugendliebe mit einem eigentlich uninteressierten Mann. Sie haben geheiratet, damit sie sich auch ja nicht trennen. Fünf Jahre nach der Hochzeit schreibt sie mir ne Mail und will (angeblich) wissen, wie es mir geht. Und ich Idiot falle drauf rein. Noch dazu: ich würde das alles ja sowieso nicht verstehen. Und jedes zweite Buch und jedes Lied und jeder zweite Film erinnert mich an diesen ganzen Scheiß. Auf arte lief diese Woche "Die Frau, die im Wald verschwand". Ein ziemlich guter deutscher Film, dachte ich so. ER erschießt sich am Ende. (Ach so, hätte ich jetzt vielleicht nicht schreiben sollen.) Viel zu werthermäßig. Und dann schrieb sie mir noch irgendwann: "Das Leben ist doch nicht wie im Film!" Ich will NICHT wissen, wie dieser Film ausgeht.

RE: Hochgefühl am Spülautomat | 02.10.2021 | 11:52

Früher, mit Anfang 20, habe ich an solchen Tagen gedacht: Leg Dich schnell ins Bett, dann kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Der nächste Tag hatte dann oft eine andere Aura. Aber das Leben ist komplizierter geworden. Aussortieren: Die Wünsche der eigenen Eltern. Wenn es nicht viel zu erben gibt: sowieso. Internetanschluss abmelden oder zumindest keine Messanger oder sozialen Netzwerke benutzen. Bedürfnisse und Ansprüche reduzieren. Meditieren. Auf keinen Fall glücklich sein wollen. (Wird sowieso überschätzt.)

RE: Von denen, die nicht wählen gehen | 24.09.2021 | 12:20

Liebe Frau Günter, herzlichen Dank für Ihren sehr interessanten Text und Ihre wertvolle Arbeit mit den Jugendlichen! Ihr Text zeigt ja u.a. die Komplexität dieses Phänomens der "Politikverdrossenheit", ich möchte aber nur einen Aspekt kommentieren. Ihre Erfahrungen mit hochgebildeten Menschen, die es nicht schaffen, ihre Sprache dem Publikum "anzupassen", erinnert mich an einige Situationen aus dem eigenen Berufsleben an Schule und Universität. Nach drei Stunden Diskussion in einem Raum voller promovierter und habilitierter Menschen kam ich mir extrem dumm vor, weil ich das Gefühl hatte, nicht mal die Hälfte des Gesagten verstanden zu haben. In der anschließenden Gruppenarbeit stellte sich allerdings heraus, dass andere Teilnehmende genauso mit den Begriffen haderten: wir haben uns um die Inhalte von Begriffen und Worthülsen gestritten. Didaktische Modelle und Theorien gehen oft von einem bestimmten "idealen Schüler" aus, der sich doch unter bestimmten Bedingungen so und so verhalten müsste. Ich behaupte mal ganz frech, dass ein Großteil von Hochschuldozenten oder Lehrern es NICHT schafft, sich in Schülerköpfe oder -realitäten hineinzudenken und in der pädagogischen Arbeit von den WIRKLICH vorhandenen Voraussetzungen auszugehen, um darauf aufbauend Lernerfolge entstehen zu lassen. Das eigene Sprechen oder Erklären den Publikumsvoraussetzungen anzupassen, sozusagen: "Resonanz" herzustellen, scheint eine große Kunst zu sein, die man erlernen und ständig üben muss. Auf jeden Fall habe ich verstanden, dass ich mich als Erwachsener mit dem "Versprechen" noch mehr zurückhalten muss, als ich es eh schon tue. In Zukunft sage ich häufiger: "Ich werde es versuchen."

RE: Das Mütterliche ist die soziale Grundform | 16.06.2021 | 23:16

Dieses ganze Gerede davon, was "die Gesellschaft" von Müttern angeblich will oder verlangt (es wäre interessant, mal genau zu schauen, wer mit "Gesellschaft" eigentlich gemeint ist: andere Mütter? die Leute in den kommunalen Entscheidungsgremien, die meinen, auch KiGa-Schließungszeiten von 16 Uhr seien "total normal"?), geht mir ein bisschen auf die Nerven. Es fehlt in diesem Artikel ein Bezug auf die Formen der Liebe zwischen Müttern und Kindern und Vätern und Kindern nach Erich Fromm und der Aspekt, dass "das Kind ein Teil der Mutter ist". Dieses Bewusstsein habe ich erst durch die Mutter meiner Kinder erfahren: Das Kind ist ein Teil der Mutter. Das muss man sich als Mann erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Dieser nicht wegzudiskutierende Aspekt fehlt im Text völlig. Was willst Du daran ändern? Woher kommt das Bild vom (neo)liberalen "freien Individuum"? Was hat das mit der Mutter-Kind-Beziehung zu tun?Wer findet das wichtig? Warum sollte eine liebende Mutter sich darüber Gedanken machen? Welches Problem hat sie mit den Meinungen von Leuten, die keine Ahnung vom Muttersein haben? Seit Neuestem ist mir klar, dass die Liebe zwischen Mutter und Kind auch ein Ersatz für die fehlende Liebe zwischen Vater und Mutter sein kann. Erziehung hin oder her: selbst Charakterzüge werden genetisch vererbt (der Vater kann sich so früh verabschieden wie er will, das Kind kriegt ihn nie ganz los). Was mir durch das Buch "Glückliche Scheidungskinder" klar wurde, ist, wie tief die Idee bzw. das Ideal der kleinbürgerlichen Familie in unseren Köpfen verankert ist, obwohl es erst ca. 200 Jahre alt ist. Mütter, die sich aus "Liebe zu ihren Kindern" opfern und jahr(zehnt)elang in einer toxischen Beziehung bleiben. Unglaublich. Sie missbrauchen ihre Kinder emotional, weil sie es als Erwachsene nicht vernünftig hinkriegen. Naja, das nur so nebenbei. Jetzt halte ich mich zurück.

RE: Dein Kind, mein Geld | 29.04.2021 | 21:36

Als ich Ihre Nachricht gelesen habe, war ich betroffen. Es tut mir sehr leid, was Ihnen passiert ist.

RE: Dein Kind, mein Geld | 29.04.2021 | 21:34

Schreibe ich doch noch was? "Schadstofffrei" ist ein schlechtes Gegenbeispiel, oder? Total tendenziös. "Glutenfrei", "wertfrei": es kommt halt auch drauf an, wovon frei. Von Kindern frei sein ist was anderes als von Schadstoffen frei sein. So leicht lasse ich mich von Ihnen nicht abspeisen. Und darüber hinaus können Sie mich mit Ihren Regeln mal. Ich bin doch nicht von 1984. Dennoch: Sie haben recht.

RE: Dein Kind, mein Geld | 23.04.2021 | 11:39

Im Blog der Biologin Meike Stoverock plädieren die Betroffenen für das Wort "kinderfrei", denn im Wort "kinderlos" stecke bereits der "Mangel" und seine negative Bewertung durch einen großen Teil unserer Gesellschaft. Die kinderfreien Frauen erfahren diese Art verbaler Demütigung anscheinend vor allem aus anderem Frauenmund (ich wollte jetzt nicht schreiben: Muttermund), berichten sie zumindest aus persönlicher Erfahrung. Ich habe mich zwischendurch beim Lesen mal gefragt, was eigentlich mit Menschen im Rentenalter ist, die zwar ein Kind großgezogen haben, das dann aber mit 20 oder 30 aufgrund verschiedenster unglücklicher Umstände gestorben ist? Kommt dann zu dieser lebenslangen Trauer auch noch dieser Zusatzbeitrag dazu?

RE: Greif zur Flasche, Frau | 09.04.2021 | 22:32

Praktischer? Ja, für den Vater schon. Aber nicht für die berufstätige Mutter, wenn die (zweijährigen) Kinder nachts alle paar Stunden gestillt werden wollen. Ich kenne eine Mutter, die macht sich damit das Leben viel schwerer, als es sein müsste. Unser zweiter Junge wurde von Anfang an mit der Flasche ernährt, der erste ab dem vierten Monat. Was war das toll! Es ging allen gut! Keiner hatte Hunger, keiner hatte Schmerzen und zum Arzt gehen wir ziemlich selten. Und die Mutter-Kind-Beziehung ist wenigstens kein Ersatz für die möglicherweise fehlende Liebe von seiten des Partners. Einziges Gegenargument: Bisphenol A in den Saugern (müsste aber seit ein paar Jahren verboten sein), das möglicherweise zu Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation führt.

RE: Mehr Gleichheit statt Yoga | 12.03.2021 | 18:00

@ Saloonleft

Ich verbitte mir die Behauptung, dass Kinder "Leidtragende" sind, wenn sie angeblich "zwangsbetreut" werden. Unsere Kinder sind mit 1 1/2 bzw. 1 Jahr in die Kindergrippe gekommen, weil beide Eltern nahezu voll arbeiten, und es geht ihnen gut und den unverheirateten Eltern auch. Das hat unsere Nachbarin inzwischen auch eingesehen, die jahrzehntelang glaubte, dass eine außerhäusliche Betreuung für Unterdreijährige nicht gut sei. Es kommt tendenziell wohl eher auf die Qualität der Betreuung an: die kann zu Hause gut oder schlecht sein, die kann auch in der Kinderkrippe gut oder schlecht sein.

Bei den "Elternzeitmonaten" habe ich auch immer ein statistisches Problem, das viele Journalisten nicht benennen: erfasst werden lediglich die bezahlten Elternzeitmonate, wobei viele Väter eben wirklich nur die zwei bezahlt bekommen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie nur zwei genommen hätten. Ich kenne mehrere Väter, die mehr Monate Elternzeit genommen haben, aber nur zwei finanziert wurden. Das können sich allerdings nicht wirklich viele Familien leisten.

Überraschendes Ergebnis der Untersuchungen des Soziologen Martin Schröder (Daten aus Dänemark und USA): "So sind Frauen unglücklicher, wenn ihr Partner die meiste Hausarbeit macht." In: Gehirn & Geist Nr. 04/2021, S. 14. und weiter auf S.18f.: "Überholen Frauen ihre Partner in puncto Gehalt . . . greifen Frauen häufiger zu Mitteln gegen Ängste und Schlafprobleme. [...] Sobald Frauen mehr als ihre Partner verdienen, fangen sie an, zusätzlich Hausarbeit zu machen; gleichzeitig sind beide mit ihrer Partnerschaft unzufriendener . . ." Die Rollenbilder und Normen scheinen tiefer in uns verankert zu sein, als wir glauben.

Die Mutter meiner Kinder musste lernen, die Verantwortung für die Kinder ohne schlechtes Gewissen an mich abzugeben. Hat ein paar Monate gedauert. Jetzt kontrolliert sie mich immer noch, nicht nur, wenn ich koche. Dabei bin ich doch ein "good enough father". Wir lesen angeblich zu viel "Winnetou" (zu viele Tote), schlafen morgens zu lang, die Bettwäsche ist zu dreckig, kommen zu dreckig von draußen rein. Können Mütter auch was von Vätern lernen oder ist das gar nicht nötig, wenn beide ihren Elternjob einigermaßen gut machen?