Die Freiheit des Andersdenkenden

Berichterstattung Vom Umgang mit unseren (regime)kritischen Stimmen.
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Spätestens mit dem Niedergang der DDR erhielt der Luxemburgspruch, Freiheit ist auch die Freiheit des Andersdenkenden, erneut aktuelle Bedeutung. Dann war Schluss mit Meinungsunfreiheit, dachten wir. Nicht ins eigene Weltbild passende Argumente hat man ernsthaft zu diskutieren. Nur werden neuerdings kritische Argumente unsachlich und mit fake-Argumenten einfach abgebürstet. Das zeigt sich z. B. in der Behandlung des Friedensforschers Dr. Daniele Ganser in einer führenden Lokalzeitung. Nach seinem Vortrag am Freitag in Cottbus enthält dieser Artikel alle gegen Gegenwartspolitikkritiker verwendeten Klischees und eignet sich deshalb auch gut als (abschreckendes) Lehrbeispiel.

Es beginnt schon mit der Diffamierung der Besucher als Leser des rechtsesoterischen Kopp-Verlages, des russischen Propagandakanals RT deutsch oder des Compact-Magazins von Jürgen Elsässer, also beliebten Plattformen für Neurechte, Pediga-Fans und Anhänger von Verschwörungstheorien. Eine repräsentative Befragung dazu ist keinem aufgefallen. Viele Besucher fühlen sich allerdings bei den NachDenkSeiten und einem ehemaligen RBB-Moderator besser informiert als in den offiziellen Medien. Sie haben sicherlich ihre Gründe, nehmen ihr verbrieftes Recht wahr und pfeifen auf Kontaktschuld. Aber ist das ein Grund zur Beleidigung? AfD-Anhänger sind sicherlich bei diesen Veranstaltungen auch unter den Zuhörern gewesen, denn PEGIDA und AfD-Forderungen bestimmen längst unsere offizielle Politik. So etwa nach dem Motto:

Ehemalige Waffenbrüder aus Afghanistan zurück in die offenen Messer der Taliban undso ähnlich... .

Der geistige Begründer der PEGIDA- und ähnlicher Bewegungen Thilo Sarrazin ist immer noch ehrenwertes, von Frau Nahles begnadigtes SPD-Mitglied. Entsprechende Gedanken dieses Brandstifters finden sich mittlerweile überall in der Bevölkerung wieder. Warum auch nicht im Publikum verschiedenster Veranstaltungen. Nur, sie fanden keine Bestätigung ihrer Vorurteile in diesem Vortrag und gingen vielleicht nachdenklicher heraus als hinein. Der Sohn des ermordeten Bobby Kennedy wurde zum Beispiel mit seiner Erklärung des islamistischen Terrors zitiert:

Sie hassen uns nicht für „unsere Freiheit“. Sie hassen, dass wir unsere Ideale in ihren Ländern verraten haben – für Öl.

Das passt gar nicht in (neu)rechte Ohren. Es passt auch nicht jedem Journalisten. Auseinandersetzung mit unserem eigenen Verhalten und mit dem unserer gewählten Politiker, das forderte Daniele Ganser. Was waren noch mal unsere Westlichen Werte? Ist Selbstkritik nur was für Verschwörungstheoretiker?

Der Untersuchungsbericht zu nine-eleven ist so löcherig wie der Warrenbericht zum Kennedymord. Wer sachlich auf die Schwachpunkte hinweist, dem braucht man doch nicht gleich einen Aluhut aufsetzen. Es gibt eben noch einiges zu recherchieren/präzisieren/korrigieren.

Es wird auch immer wieder behauptet, dass Dokumente, erwiesene Tatsachen und Fakten fehlen. Ein frecher fake, denn z. B. in seinem letzten Buch gab Dr.Ganser auf 23 Seiten über 726 Quellenverweise an. Nicht etwa aus dem Kopp-Verlag, sondern u. a. aus UN-Dokumenten einschließlich ihrer Charta und auch von ARD-Korrespondenten. Ein Ehemaliger, der Nahostexperte Michael Lüders, wird gerade öffentlich auf gleiche Weise demontiert.

Allerdings lassen sich Verschwörungstheorien auch konstruieren und nach belieben propagandistisch einsetzen. Wie wär`s mit einer Querfront zwischen NATO- und Sowjetmilitaristen:

Der Friede muss bewaffnet sein.

Nun sind wir alle Meister des Zweifels geworden. - Zweifel an der Rechtschaffenheit unserer Eliten, die wir sogar gewählt haben. In diesem Sinne erwartet uns ein lauter postfaktisch unfairer polternder aber irgendwie lustiger Wahlkrampf. Propaganda darf eben allles, weil sie es kann.

19:12 10.04.2017
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Geschrieben von

Regimekritiker_Dracula

Faible für Gotteslästerung und Majestätsbeleidigung. Leidet unter schwerer Esotherikunverträglichkeit.
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Regimekritiker_Dracula

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