Hüpfer

Flugpionier Karl Jatho hob noch vor den Brüdern Wright ab

Mit dem Motorflug ist es wie mit den Kräuterbonbons, die Geister scheiden sich an der Frage: Wer hat´s erfunden? Zwar gelten die Brüder Wright als die ersten erfolgreichen Motorflieger, doch beanspruchen auch andere diesen Ruhm. Einer davon ist der Hannoveraner Karl Jatho, der es vier Monate vor den Amerikanern schaffte.

Karl Jatho, der vor 75 Jahren, am 8. Dezember 1933, starb, hätte zeitlebens einfach nur ein städtischer Beamter sein können. Doch sein Hauptberuf war für ihn nebensächlich, seine Hobbys trieben ihn zu Höchstleistungen. Regelmäßig geriet der 1873 geborene Magistratsbeamte deshalb in Konflikt mit seinem Arbeitgeber, der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Hannover. Jatho war Eiskunstläufer und ließ auch sonst kein sportliches Ereignis aus. Rad zu fahren war vor 1900 noch ein Ereignis. Dass der Beamte Rennen fuhr, es als Hoch- und Kunstradfahrer zu überregionalen Ehren brachte und in etwa 60 Sportvereine als Ehrenmitglied aufgenommen wurde, wusste und akzeptierte Jathos Arbeitgeber. Beim Flugzeugbau jedoch hörte der Spaß auf.

Jathos erste Basteleien an Gleitfliegern beginnen noch vor der Jahrhundertwende, im August 1903 baut er einen Einzylinder-Benzin-Motor in den Drachenflieger ein. Am 18. August glückt ihm dann der erste Hüpfer: nicht ganz einen Meter hoch, dafür 18 Meter weit. Im November desselben Jahres gelingen schon bis zu 60 Meter lange Flüge und mehr oder minder glückliche Landungen aus zwei bis drei Metern Höhe.

Es folgen weitere Erfindungen und Patente, Jatho tüftelt, obwohl die Fliegerei Zeit und Geld verschlingt. 1907 baut die Stadt auf Anraten Jathos ein Rollfeld, 1912 eröffnet eine Fliegerschule, im Jahr 1913 gründet Karl Jatho die Hannoversche Flugzeugwerke GmbH.Ein Flopp. Für Flugzeuge gibt es noch keinen Markt. Jathos Versuche, seine Flugzeugkonstruktionen an das Militär zu verkaufen, scheitern, denn das Militär setzt auf die Luftschifffahrt, nicht auf den Motorflug. Sein erster großer Auftrag über zehn Maschinen kommt aus Rumänien, just als der Erste Weltkrieg ausbricht, so dass das Geschäft unmöglich ist.

Jatho kämpft mit den Schulden und gegen disziplinarische Maßnahmen die sein Arbeitgeber gegen ihn anstrengt, dem das nebenberufliche Engagement zu viel wird. Obwohl Jatho als Flugzeugkonstrukteur überregional bekannt ist und Hannover zum Drehkreuz für die frühe Fliegerei wird, gelangt er erst gegen Ende seines Lebens zu Ruhm und Ehren. Zu seinem 60. Geburtstag im Jahr 1933 feiert ihn die Stadt und errichtet ihm noch zu Lebzeiten einen Gedenkstein: Im Nationalsozialismus schmückt man sich plötzlich mit dem deutschen Flugpionier und seinem ersten Luftsprung.

Dieser erste Hüpfer ist leider schlecht belegt und für die Wissenschaft gilt ein Ergebnis nur, wenn es reproduzierbar ist: Daher ist Jathos erster Flug umstritten. Das Team des Karl-Jatho-Projekts der Haus und Grund Bürgerstiftung in Hannover hat vor einigen Jahren begonnen, Jathos ersten Motordrachen nach Originalplänen und mit möglichst authentischen Materialien nachzubauen. Alles sollte stimmen, um endlich zu beweisen, dass die Kiste fliegt. Aber sie flog nicht. Im Sommer 2008 zeigten Beschleunigungsversuche mit dem auf einen Anhänger Huckepack genommenen Fluggerät, dass 47 Stundenkilometer theoretisch ausreichen, um Drachen und Pilot in die Luft zu befördern. Das Flugzeug kann also fliegen, auch wenn es nicht dazu zu bewegen ist. Der dem Original nachempfundene Flugzeugmotor erreicht mit heutigen Benzingemischen nicht die nötige Geschwindigkeit und den Konstrukteuren flog die Zeit davon, es weiter zu versuchen: Das Fluggerät hatte nämlich ein Date mit dem Airport Hannover, dort musste es pünktlich zur Eröffnung der Ausstellung Welt der Luftfahrt auf seinem Platz sehen. Da bleibt es nun. Und Karl Jatho, der hat´s erfunden.

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