Abschied von der Mäuse-Armee

KOMMENTAR ver.di ist da, doch es bleiben viele Fragen

Ich wurde vereinigt. Ich bin jetzt Mitglied der größten Einzelgewerkschaft der Welt ver.di. Ob ich mich darüber freuen soll, weiß ich noch nicht. Hätte ich mich in die vorausgegangenen Debatten eingemischt, wäre ich eine der Befürworterinnen gewesen. Allein deshalb, weil das, was mit Konzentrationsprozessen in der Wirtschaft verbunden ist, nach einem entsprechend großen, schlagkräftigen, nicht wegzuschiebenden Gegenstück verlangt. Ob ver.di das sein wird, darauf habe ich in den Diskussionen des Gründungskongresses noch keine Antwort gefunden. Auch nicht darauf, ob dieses Riesengebilde Kopf und Glieder beweglich genug halten kann, um auf Attacken der Arbeitgeber schneller und nachdrücklicher zu reagieren als bisher. Werden seine Mitglieder die Nöte der zirka 1.000 unterschiedlichen, nun vereinigten Berufsgruppen zu ihren eigenen machen und notfalls dafür kämpfen? Wird das einzelne Mitglied Aktionen als wesentlich für sich selbst und nicht als irgendwo verordnet empfinden, denen man sich anschließt oder auch nicht? Wird mit dem Zusammenschluss die Verankerung in den Betrieben auf eine breitere Basis gehoben?

Sind die Chancen im Bündnis für Arbeit erfolgreich für Arbeitsplätze zu streiten mit der Vereinigung größer geworden? Wird in ver.di Raum bleiben für die Positionen einzelner Berufsgruppen oder wird die große Zahl der Probleme wohl oder übel nivellierend wirken? Wird das Monster eher eine symbolische Kraft haben, mit der man sich als Partner, der - bitteschön - nicht übersehen werden darf, empfiehlt oder wird es im kämpferischen Sinn Positionen untermauern, ohne auf Aktion angewiesen zu sein? Wird ver.di tatsächlich, wie Detlef Hensche, der Vorsitzende der ehemaligen IG Medien meint, künftig eher wie eine NGO agieren und dadurch den politischen Auftrag der Gewerkschaften besser erfüllen als bisher. Last, but not least, werden Frauen den ihnen gebührenden Platz einnehmen können? Die bisherige Struktur scheint weit davon entfernt, dem 50-Prozent-Anteil von Frauen zu entsprechen. In den Einzelgewerkschaften wurde ihre Repräsentation meist im mittleren Organisationssegment ausgeglichen, bei der Vereinigung waren plötzlich keine Frauen mehr da. So als hätten die Debatten überraschend zu dem Ergebnis ver.di geführt und wären nicht von langer Hand vorbereitet. Und noch etwas: Wenn ver.di Schule macht und die verbleibenden kleineren Gewerkschaften sich beispielsweise mit der IG Metall zusammenschließen, was macht dann der DGB? Mögliche Antwort: Er wird verkleinert oder fällt völlig weg, was das Unternehmen Gewerkschaft verbilligt. Doch das scheint ein Trugschluss. Vorerst kostet die Vereinigung Geld, wegen der langen Übergangsfristen und auch sonst - lange Wege und viele Debatten sind teuer ... Hoffen wir darauf, dass der Elefant kräftiger gegen einen Saurier anrennt als eine Armee von Mäusen.

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