Dem Zeitungsleser zum Neunzigsten

ERICH KUBY Die deutsche Angst

Es "gibt einleuchtende Gründe dafür, Aufklärung zu betreiben von jedwedem Platz, der dafür geeignet ist, also auch vom Schreibtisch des Journalisten aus. Aber man sollte die mögliche Wirkung ganz nüchtern betrachten und jenes Pathos beiseite lassen, das dem Wort Aufklärung noch aus der Zeit anhängt, in der mit der parlamentarischen Demokratie Freiheitsversprechen verbunden waren. (...) Die Deutschen kommen in der BRD wieder zum Zuge. Daran ist durch Aufklärung (...) nichts zu ändern ..." (Erich Kuby in Die deutsche Angst, 1970). Eine sehr nüchterne Bewertung des eigenen Geschäfts. Kuby hat nie den leichten, unkomplizierten Erfolg erwartet, sondern beharrlich seine Sicht der Dinge vorgetragen und darauf gehofft, dass der eine oder andere Satz beim Leser Widerhaken hinterlässt. Ist das die Erklärung dafür, dass sich der nun Neunzigjährige ruhelos mit den politischen Gegebenheiten seines hassgeliebten Landes herumschlägt? Seit einigen Jahren von Italien aus, denn die Bundesrepublik ist ihm nach der Übernahme der DDR eher ein weiteres Symptom für die gefürchtete deutsche Krankheit, die er mit dem aufklärenden Wort therapiert, ohne auf Wunder zu hoffen.

Der Mann, der einmal Ribbentrops Prestigezeitschrift "Berlin-Rom-Tokio" vertreiben sollte und den Zweiten Weltkrieg als einfacher Soldat in Frankreich und Russland überlebte, hat sich der Bundesrepublik konsequent kritisch genähert, sein Kampf gegen die Wiederaufrüstung, seine Auseinandersetzungen mit Franz-Josef Strauß in der Fibag-Affäre, (Süddeutsche Zeitung), die Rudolf-Augstein-Story im Stern, seine Serie "Die Russen in Berlin" im Spiegel sind Glanzlichter eines Journalismus, der sich in der Nachfolge von Kurt Tucholsky sieht. Für Kuby ist die Kommentierung des politischen Alltags nicht schlechthin Arbeit, sondern gesellschaftliche Beteiligung, Verantwortung, die das Individuum wahrzunehmen hat, wenn es nicht wieder als betrogener, verratener Mitläufer vor der Geschichte gelten will. Seine Bücher und Artikel analysieren Politik auf dem Hintergrund deutscher Geschichte und widersetzen sich dem Mainstream schon deshalb, weil sie keine Argumentation als so überzeugend empfinden, dass sie ungeprüft abgehakt werden könnte. Kuby ist einer der wenigen Jahrhundertzeugen, die nicht nur beobachteten, sondern wertend und engagiert begleiteten, wie Deutschland nach dem verbrecherischen Krieg seinen neuen Platz suchte. Zunächst für Zeitungen und Zeitschriften, schließlich als Buchautor: "Eine einzige Berliner SDS-Demonstration brachte mehr politische Wahrheit über die Generaltendenz der westdeutschen Entwicklung an den Tag als zehn Jahrgänge Zeit voll Demokratiekosmetik", schreibt er 1968.

Kuby sieht die nun einheitliche Nation der Deutschen eher als Gefahr denn als Chance. Aber er drückt sich nicht vor seiner selbst gewählten Aufgabe, sie in ihrem Handeln kommentierend zu beschreiben. Wenn das nicht reicht, bei gegebenen Anlässen auch mitzureden. Immer wieder machte er sich auf den Weg, um nach der Wende auch in Berlin, Leipzig oder anderswo für die kritische Wahrnehmung politischer Vorgänge zu werben, sein Plädoyer für die Einheit der Linken einem anderen Auditorium vorzutragen. Auch davon erwartet er keine Wunder - er weiß schließlich besser als andere, dass links interpretierbar und ein Plädoyer für Pluralismus oft nicht mehr als ein Lippenbekenntnis ist.

Er ist und bleibt ein illusionsloser, aber ausdauernder Aufklärer, unter anderem Woche für Woche im Freitag. Für ihn gilt, es gibt keine Auszeit vom Engagement, es erlischt nicht, weil der Kolumnist Urlaub braucht oder das politische Geschäft für ein paar Tage vergessen möchte. Über die vielen Jahre, die "Der Zeitungsleser" erscheint, hat er nur ein einziges Mal den vereinbarten Termin versäumt, er war ernsthaft erkrankt. Schon eine Woche später, noch im Krankenbett, griff er wieder zur Feder. Der Freitag gratuliert einem Kollegen, der mit seinem Namen den Journalismus der Bundesrepublik prägt, und dankt für die kritisch-liebevolle Begleitung.

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