Die weiße Hirschkuh kann man sehen

Nachruf Zum Tod Tschingis Aitmatows (1928-2008)


Ich komme nicht wieder sagte er zu sich selbst.
Lieber ein Fisch sein, lieber ein Fisch sein...
Und niemand sah den Jungen aus dem Bett klettern und aus dem Haus gehen...

Tschingis Aitmatow: Der weiße Dampfer

Ein Leben lang war dieser große kirgisische Schriftsteller auch der verlassene Junge, der die Sehnsucht nach dem Vater, nach der Leitfigur seines Lebens, mit sich herumschleppte und in seine Literatur einarbeitete. Er war noch keine zehn Jahre alt, als der Vater, "Parteiarbeiter und Hörer des Moskauer Instituts der Roten Professur, von den Repressalien betroffen wurde", wie es in seiner Autobiografie heißt. Dürre Worte, die das schwarze Loch im Leben dieses Kindes nur andeuten, die Verlassenheit und Hilflosigkeit, denn nirgends war Schuld, mit der er sich damals oder auch als junger Mann auseinandersetzen konnte.

Was ihm blieb, war die kirgisische Großmutter, eine Analphabetin, die ihn aufnimmt, ihn mit den Liedern und Geschichten seines Volkes erzieht. Ihn mit den Märchen und Mythen versorgt, die als Überlieferungen der Nomaden vom Leben in der Steppe und seinen Gesetzen erzählen, die Natur zu deuten versuchen, und aus ihren Zeichen die Regeln menschlichen Zusammenlebens entwickeln.

So war Tragik für den 1928 geborenen Tschingis Aitmatow nicht in erster Linie philosophische Kategorie. Sie war auch keine bloße künstlerische Methode. Sie war Teil seines Lebens, das ihn in die Knie zwang und dann wieder aufrichtete, indem ihm bewusst gemacht wurde, welche Werte und Geschichten in seinem Volk ruhten. Daraus versuchte er Kraft für die Zukunft zu schöpfen, Brücken zwischen den Überlieferungen und der sowjetischen Gegenwart zu schlagen.

Die frühen Erzählungen und Romane drücken solche Zuversicht aus. In dem 1958 erschienenen Roman Dshamila (nach Louis Aragon "eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur") feiert er den Ausbruch seiner Hauptfigur aus der patriarchalischen Welt als Akt der Selbstverwirklichung und entdeckt die Größe von Menschen in ihrem ganz alltäglichen Tun.

In Die Richtstatt (1986) scheitern seine Protagonisten bei dem Versuch, dem allgemeinen Verfall der moralischen Normen entgegen zu treten. Der Idealist Aitmatow, der sich Zeit seines Lebens auch politisch engagierte (er saß im Obersten Sowjet, im Präsidium des Schriftstellerverbandes, war Vorsitzender des Filmverbandes in Kirgisien, gründete das "Issyk-Kul-Forum", so etwas wie einen Rat der Weisen und war sogar kurze Zeit Boschafter), geriet zu Sowjetzeiten immer wieder in Konflikt mit den strengen Normen der Hüter sowjetischer, sozialistischer Literatur. Tragik im Sozialismus hielten sie für unmöglich. Der kleine Junge, der lieber ein Fisch sein will, um auf den weißen Dampfer zu warten als zwischen den betrunkenen, nur noch auf materiellen Gewinn schielenden Erwachsenen seiner Umgebung zu verrohen, löste heftige Debatten aus. Konnte es so etwas denn geben, das war doch nicht typisch. Und der Exseminarist Awdie, der in Die Richtstatt den naiven Versuch unternimmt, Rauschgifthändler und Raffer zu moralischer Umkehr zu bewegen, und tragisch scheitert, kann der denn wirklich nur mit bürokratischer Gleichgültigkeit konfrontiert gewesen sein?

Die sowjetische Literatur und damit die Literatur überhaupt verdankt Autoren wie Aitmatow, die voller Enthusiasmus, aber aus einer ganz spezifischen Sicht auf die Welt schrieben, die Rückkehr des Mystischen, die Verarbeitung des Märchenhaften, die Wiedergewinnung der Phantasie. Die Allmachtsillusionen des "befreiten Geistes", alles auf der Welt sei über den Kopf zu regeln, man müsse nur daran arbeiten und all das Gute aufschreiben und propagieren, man müsse erziehen und verändern und die Natur überlisten, indem man die Wüste bewässert und Berge abträgt, führte er auf ein menschliches Maß zurück: Ehrfurcht spielte bei ihm und anderen Autoren aus diesen damaligen Sowjetrepubliken eine ganz große Rolle, Ehrfurcht vor der Geschichte, Ehrfurcht vor den Leistungen der Väter und Urväter, Ehrfurcht vor der Natur. Und Demut. Der Mensch ist bei ihnen Teil einer unüberschaubar facettenreichen Welt, die manchmal zu deuten ist, manchmal aber eben auch nicht.

Bei Aitmatow ist das Leben mehr als die Summe der Ereignisse. Alles, was einer weiß, träumt, glaubt, hofft, was seine Urväter einmal planten, erahnten oder aus der Natur heraus deuteten, ist bedeutender Teil seiner Welt. Es prägt den Menschen, stärkt ihn und führt ihn gleichzeitig zurück in die Natur, die die Starken, Demütigen, Ehrfurchtsvollen annimmt und vor ganz neue Herausforderungen stellt. Diese Literatur stellt die Erkennbarkeit der Welt nicht in Frage, stellt aber vor die Erkennbarkeit die Wahrnehmung all dessen, was es an Phänomenen gibt. Den weißen Dampfer kann man sehen und die weiße Hirschkuh, wenn man ein Kind ist oder ein Großvater, der seinen Enkel vergöttert.

Aitmatow weist dem Menschen einen Platz als ein Wesen unter vielen zu. Er muss sich einfügen, wenn er nicht zerstören will, was ihn erhält. Der sozialistisch-realistische Schriftsteller, der mitten in den besten Jahren seines Systems noch glaubte, alles sei machbar, was denkbar ist, erfährt durch Aitmatow eine Ablösung. Machbar ist das Gedachte, was in all seinen Folgen abgewogen und in die Natur eingepasst ist. Machbarkeit und Verantwortung sind bei ihm und seinesgleichen siamesische Zwillinge, und die Widersprüche, die es bei jeder Entwicklung gibt, bilden die Zentrifugalkraft, die man nicht leugnen darf. Nur wer diese Widersprüche aushält, hat die Chance, Auseinanderstrebendes zusammen zu halten.

Diese Erkenntnis ist für ihn eine Art Elixier, um der Enttäuschung über die Entwicklung im Sozialismus zu entkommen. Um seine Ämter wahrzunehmen. Und der Enttäuschung über die Entwicklung danach. In der auch in Kirgisien passierte, was in vielen Ländern der ehemaligen UdSSR passiert ist: Die Spaltung in den unerhörten Reichtum derer, die all das missachteten, was Aitmatow wichtig war, und die zu Herzen gehende Armut derer, die für die Bewahrung der Natur leben, wie in seinem letzten großen Roman Der Schneeleopard beschrieben.

Aitmatow hat aus den mündlichen Überlieferungen seiner kirgisischen Heimat gelernt, dass der Mensch nur aufmerkt, wenn er von dem, was er hört oder liest, gefesselt ist und dass sein Gedächtnis für Bilder meist besser funktioniert als das für Worte. Und so hat er Figuren und Bilder erdacht, die so eindringlich sind, dass es Vergleichbares wohl nur noch in der lateinamerikanischen Literatur gibt. In Der Tag zieht den Jahrhundertweg jenen Eisenbahnarbeiter Schneesturm-Edige, der die Entbehrungen Jahr für Jahr in Kauf nimmt, überzeugt von seiner Aufgabe, ganz bei der Sache. Oder jenen Mankurd, der das lederne Band um seinen Kopf trägt, das seinen Kopf einschnürt, sein Hirn behindert. Am vorvergangenen Dienstag ist Tschingis Aitmatow nach einer schweren Krebserkrankung gestorben.

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